James Frey - Strahlend schöner Morgen: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Strahlend schöner Morgen

(2009) - Orig.: Bright Shiny Morning (2008), engl.
Der Episodenroman als Würfelspiel
Ein Dutzend archetypische Figuren sollen das Faszinosum Großraum Los Angeles umreißen. In der angelsächsischen Welt polarisierte der Roman des schon einmal vor drei Jahren arg umstrittenen Autors.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 16.08.2009

Der jetzt in New York lebende James Frey geriet auf die Bestsellerlisten mit seinen beiden angeblichen Autobiografien „A Million Little Pieces“ und „My Friend Leonard“. Dann geriet er in die Schlagzeilen, nachdem er zugeben musste, dass sein Leben weit weniger morbid war als dargestellt, das meiste erfunden sei und er ursprünglich die Bücher als Romane veröffentlichen wollte, was nicht klappte. Nun also ein Roman, ein Episodenroman, dessen erster Satz - wohl für den Insider - lautet „Vorsicht: Dies ist keine wahre Geschichte.“ Haha, was haben wir gelacht.

Da hat er sich was vorgenommen, mit der Episodenstruktur. Das klappt formal ganz gut, mit den unabhängigen Erzählsträngen, etwa über das Pärchen, beide 19, die aus einer Kleinstadt in Ohio flüchten Richtung Pazifik, einfach nur mit ihrem Pickup, der Matraze hinten drauf, einem Zelt drüber, oder 'Old Man Joe', eigentlich gar nicht alt, aber mit schon gegerbter Haut, weil ihn nämlich ein Diner-Besitzer aus Mitleid nachts auf der Toilette schlafen lässt, er allerdings die restliche Zeit im Freien verbringen muss. Da ist der Drehbuchautor mit fettem Haus und Kind und Kegel, der aber auch noch den Trailer im Park stehen hat, um seine Schauspielerinnen zu bumsen, ein astronomisch reiches Ehepaar, beide Hollywoodstars, die Ehe nur PR, man ist zum gegenseitigen Nutzen befreundet, beider Ziele lassen sich so besser erreichen. Noch zu erwähnen - Quotengleichheit - die Chicana 'Esperanza', einst im Staub 20 Meter hinter der Grenze geboren, so durften ihre geflüchteten Eltern bleiben, so war das Gesetz. Jetzt arbeitet sie als Hausangestellte.
Ja, als was sonst. Man merkt schon bei der Aufzählung, da ist wenig Originalität, sondern eher Clichébedienung. Die Verführungskraft des Großraums L. A. stellt er dagegen leidlich gut da, die Gründe, aus denen es aus drei Himmelsrichtungen - die vierte ist der Ozean - Leute fängt wie Motten. In immer wieder zwischengeschalteten kurzen Kapiteln gibt es noch historische Fakten und mehr oder weniger Wissenswertes über L. A. - ursprünglich El Pueblo de Nuestra Senora la Reina de Los Ángeles de Porciúncula, gegründet von 44 Leuten. Bleibt die Frage, was davon sich Frey wieder alles ausgedacht hat.

Doch das ist das geringste Problem. Wenn sie reden, die Figuren James Frey 's, dann scheint das recht abstrakt. Wie in einem Traum scheinen sie genau das wiederzugeben, was Frey von ihnen erwartet, aber nicht unbedingt das, was diese Personen natürlicherweise sprechen würden. Es bleibt eine Distanz zum Leser, eine Kühle, wie sie eigentlich eher aus soziologischen Abhandlungen entspringen sollte. Fürderhin tappt Frey in eine Falle, wie sie leicht bei Episodenfilmen à la „Amorres Perros“ oder dem oscarüberfrachteten „L. A. Crash“ auftreten kann. Sie heischen den kurzlebigen Effekt, das Aha-Erlebnis. Im Nachhinen bleibt nicht viel von ihnen, weil ihre Stränge nicht in die Tiefe gegen. Ihr Vorteil: Sie klatschen einem mit zwei Stunden Kinovergnügen um die Ohren, im Gegensatz zum Buch.

Man hat das Gefühl, ein Teil der angelsächsischen Presse war froh, dass sich James Frey wieder aufrappeln konnte und fühlte sich gemüßigt, ein durchschnittliches Buch über den Klee zu loben, als DAS Buch über L. A.. Da scheint es dem Rezensenten wichtig, entgegen der Gepflogenheit, eine andere Buchbesprechung zu zitieren, nämlich eine aus der Stadt, um die es geht, eine aus der L. A. Times: „Frey seems to know little about Los Angeles and to have no interest in it as a real place where people wrestle with actual life. Yes, this is Los Angeles, in the way a cheap Hollywood movie is Los Angeles: superficial, a collection of loose impressions that don't add up.“

Besprochene Ausgabe: Ullstein | 2009 | 592 Seiten | Festeinband* | € 22,90
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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