J. D. Robb - Das Herz des Mörders: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Das Herz des Mörders

(2010) - Orig.: Imitation in Death (2003), engl.
Straßenlizenz zum Klappe aufreißen
J. D. Robb wirft in ihrer „In Death“-Reihe Hardboiled-Elemente, Screwball-Komödie, trockenen Humor und Wortspiel in den Mixer und gießt uns anspruchsvolle Krimis ein. Lieutenant 'Eve Dallas' heizt diesmal nicht nur dem Mörder ein, sondern kitzelt die Schattenseiten aus einer Handvoll Verdächtiger.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 19.01.2010

„Imitation in Death“, so der Originaltitel, nimmt sich ein Mörder vor, dessen erstes Opfer eine Prostituierte ist, an der er auch noch in Jack The Ripper-Manier herumschnippelt. Mit „Jack“ unterschrieben, hinterlässt er eine Nachricht bei der Leiche, die direkt an Lieutenant Eve Dallas von der New Yorker Polizei gerichtet ist. Er fordert Dallas heraus und freue sich „auf weitere Treffen“. Das hört sich erstmal nach einem nicht besonders originellen Plot an, doch durch einen Kunstgriff J. D. Robbs schälen sich als Verdächtige einige angesehene Männer aus Show, Wirtschaft und Politik heraus. Komprimiert und auf 575 Seiten ackert sich Dallas' Team nun von Personalie zu Personalie. Da keiner ein wasserdichtes Alibi hat, müssen sie sich gefallen lassen von Dallas bis auf die Haut ausgezogen zu werden. Fassaden bröckeln in vermeintlichen Muster-Familien wie bei einem Erdbeben.

Zahlreiche Möglichkeiten tun sich auf, einen Mann zum Frauen- und Polizistinnen-Hasser werden zu lassen. Doch wer wirklich über sein Selbstmitleid hinaus zur Tat schreitet, ist lange nicht beweisbar. Da ist 'Carmichael', ein Pop-Star, nicht von ungefähr fast namensgleich mit einem realen Star, der auch in der Kindheit geschlagen und misshandelt wurde. Carmichael allerdings von seiner Mutter. Mit Meditation, Kräutertees und Ambient-Musik versucht er sein Trauma im Griff zu halten. Oder hatte ein Autor, der von seiner fremdgehenden Ehefrau und erfolgreichen Geschäftsfrau zum Hausmann degradiert ist, den Rand voll? Süffisant setzt J. D. Robb hier eine Gender-Problematik in Szene: Milliarden Hausfrauen ging es seit Urzeiten so wie diesem Mann, ohne dass sie sozusagen sanktioniert Amok laufen dürfen. Ganz zu schweigen von Hausmädchen, hier das eines Politikers, der dem Mädchen weismacht, es gehöre zu ihren Aufgaben auch die ehelichen Pflichten zu übernehmen, die ihm seine Ehefrau, die in getrenntem Bett schläft, lange nicht mehr gibt.

Auf soviel Schmutz prallt die ungehobelte, trocken-ironische Polizistin Eve Dallas in ihrer meist politisch völlig unkorrekten Art. 36 Fan-Bücher der „In Death“-Reihe gibt es; und die werden gelesen, weil sich die Bande um Dallas - ihr Ehemann, ihre charmant-trottelige Assistentin und spätere Partnerin 'Peabody', die mütterliche Polizeipsychologin und eine Reihe von Freunden - von Roman zu Roman weiterentwickeln. J. D. Robb - ein Pseudonym; eigentlich Nora Roberts - ist Arbeitstier und Über-Profi: Sie schreibt in einer ihrer Serien meist drei Bücher knapp hintereinander weg. Da gibt es dann keine Anschluss-Fehler, wie man im Film-Biz sagen würde. Weiteres Merkmal dieser Eve Dallas- oder In Death-Romane sind die verbalen Schlagabtäusche, hauptsächlich zwischen Dallas und Peabody. Das ist wie ein auf die Nuller Jahre gebürstetes Steed und Peel-Pärchen, die nicht nur Wortspiele, sondern ganze Satzspiele miteinander treiben. Die kunstvolle Schnodderigkeit kommt allerdings oft mitleidslos, zynisch und hardboiled daher. Auch zartbesaitetere Fans dürften dies hinnehmen, da sich J. D. Robb des Tricks bedient, die Reihe um das Jahr 2050 herum anzusiedeln, also leicht in der Zukunft. So enthebt sie alle ihre Protagonisten der Pflicht zur political correctness. Es wird zu einer Art Abstrahierung von Krimis, es eröffnet ihr Möglichkeiten, die etwa auch ein Comic hat. Galgenhumor ist hier erlaubt, da Dialoge und Geschehen der Wirklichkeit etwas entrückt scheinen.

Doch lustig wird's auch immer wieder, wenn etwa über zehn Seiten hinweg von einer trickreichen Reporterin der Doughnuts-Krieg auf dem Revier unter den süchtigen Cops ausgelöst wird. Oder Eve Dallas mal wieder selber ihre Autorität untergräbt, indem sie Kollege Baxter zwingt, ihr eine Pepsi aus einem der allgegenwärtigen „AutoChefs“, das sind Essenszubereitungsautomaten, zu ziehen.
Baxter zu ihr:

„Weshalb geben Sie nicht einfach Ihre Dienstnummer ein? Oder ist Ihr Kredit bereits erschöpft?“
Sie runzelte die Stirn. „Wenn ich meine Dienstnummer eingebe, macht mir das Gerät garantiert wieder Probleme. Der Kasten oben bei uns führt einen persönlichen Feldzug gegen mich. Und diese Kästen reden miteinander, Baxter. Bilden Sie sich ja nicht ein, dass es keine Kommunikation zwischen diesen Dingern gibt.“

Und wahrscheinlich hat Dallas mal wieder recht.

Besprochene Ausgabe: Blanvalet | 2010 | 576 Seiten | Broschur* | € 8,95
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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