"Im Reich der Angst" hat einen klar eingesponnenen roten Faden: Carlos' 12-jähriger Sohn wird in der Schule von Mitschülern erpresst und misshandelt. Carlos, man stellt ihn sich schmächtig und im Naturell zurückhaltend vor, versucht einen Ausweg in Mischung aus institutioneller Hilfe und Selbsthilfe zu nehmen. Alles verschlechtert sich und mit jeder Kulmination trägt das Buch den Leser mit einem schaurig unwohlen "Was würde ich selbst als nächstes tun?" weiter hinfort.
Dennoch weiß der Leser lange nicht, wo's hingehen soll, mit so einem aufgeladenen Thema. Isaac Rosa lässt Sprachrohr Carlos - ob Sprachrohr für ihn selbst oder den Durchschnittsbürger sei dahingestellt - im Inneren Monolog die Angst und Paranoia in ihrer Entstehung durchpflügen, das geht bis zu Theorien über die von "Klassendenken geprägte Angst", bleibt aber auch beim Archaischsten, etwa den temporären Gedanken vor dem Einschlafen, ein Einbrecher könnte die Schlummernden - ihn, Ehefrau 'Sara' und Sohn 'Pablo' - mit einem Baseball-Schläger zu Tode prügeln, ein Vorstellungsszenario, das keine Schichtgrenzen kennen dürfte. Wird mit "Im Reich der Angst" mit Isaac Rosa ein liberaler Autor daherkommen, der den allgegenwärtigen Sicherheitshysterikern die Leviten lesen will, der Missstand lieber mit Gutmenschentum ummantelt? Oder wird er die Betrachtungen der Beschwichtiger, des durchschnittlichen Linksbürgers, der einfach No-Go-Areas in seiner Stadt negiert in der Luft zerreißen? Sieht er gerade Jugendliche in Herkunftskonkurrenz oder Frauen, die den No-Go-Area-Negierern diese aufzählen könnten, aber kein Gewese drum machen, sich fügen statt des?
Was kommt raus? Isaac Rosa, selbstredend, ob als Schriftsteller oder normaler geistig wacher Mensch betrachtet, laviert sich freilich um eine einseitige Position herum. Er kann und will sich nicht in eine anmaßende Rolle des alles Besserwissenden begeben. So schaut er einfach, was konkret mit Figur Carlos passiert, den er in eine schleichende Gewaltsituation reinrasseln lässt: Wer hilft ihm? Kann er sich selbst helfen? Kann er sich auf den Staat verlassen? Wer ist der Staat?
Noch ist nur dem Sohn Gewalt geschehen. Vater Carlos ergeht sich im Heraufdräuen der Gefahr, die für ihn selbst und den Rest der Familie erwachsen wird, noch im Aufstellen einer Art Listen, etwa der mechanischen Abfolge an Ängsten mit Lebensalter: Den Ängsten noch vor der Geburt des Kindes, denen, als er selber Kleinkind war, denen als Kind und letztlich sogar denen als Familienvater im Urlaub - welch Paradoxon, sollte doch dieser eine unbeschwerte Zeit sein.
Die Namen Carlos, so der Familienvater, und Javier, so einer der gewaltätigen Jugendlichen, hat Isaac Rosa sicher als die spanischen Pendants zu Hans und Franz, zum US-amerikanischen Jane und John Doe, rausgesucht, als Platzhalter - jeden kann's erwischen, im Einstecken und Austeilen. Er erhöht den gewissen sterilen und allgemeingültigen Charakter von "Im Reich der Angst" zudem noch durch das Fehlen von Wörtlicher Rede. Die fast sachbuchartigen, soziologischen Passagen tun ihr Übriges. Teils sind die Einschübe tatsächlich zitierte Sach-Texte, etwa die Tipps vom Spanischen Innenministerium für die Sicherung der Wohnung oder - schön absurd! - Verhaltenstipps an Frauen während ihrer Vergewaltigung ("... im Rahmen des Möglichen ...").
Carlos erscheint zuerst als unerträglich lascher Typ völlig ohne Eier. Doch dann schafft es Rosa, durch seine Einfühlsamkeit und die Hineinlegung von Ausweglosigkeit und Ohnmacht in die Geschichte, Carlos letztendlich fast eine Erhabenheit zukommen zu lassen. Denn: Hätte man es selber in gleicher Situation besser gemacht als Carlos? Freilich hätte man Dinge anders machen können - aber wäre man dann schwerer körperlich verletzt worden als Carlos und hätte faktisch gar nicht mehr erreicht, als durch große Klappe ein wenig die Mannesehre zu retten? "Im Reich der Angst" ist stilistisch quer - und Isaac Rosa will es so, dem Thema angemessen -, zieht den Leser aber in seinen Sog, muss es nämlich, denn es betrachtet die Bedrohung durch Gewalt als eine elementare, den sonstigen Naturgewalten gleich, denen sich ebenso niemand entziehen kann.
Besprochene Ausgabe: Klett-Cotta | 2011 | 330 Seiten | Festeinband* | € 21,95
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