Neben einer Serie von Parallelwelt Romanen, der Merchant Princess Serie, die feudale Fantasy und ökonomischen Thriller nun schon zum dritten Mal verbinden, finden sich in seinen Büchern Spionage-Themen mit Vampir-Einschlag ("The Atrocity Archives", "Jennifer Morgue"), Singularity Space Operas ("Singularity Sky", "Iron Sunrise") und Post-Singularity Romane wie "Glasshouse". Als enttäuschter Pharmakologe ("Sick at heart from drugging people") und prä Dotcom-Boom Informatikaussteiger, sowie mit einer Nebenkarriere als Autor über Linux und Open Source, veröffentlicht er seit 1986 Science Fiction und betreibt nebenher sein Blog, auf dem er zwischen politischer Kritik, Recherche und Offenlegung des Science Fiction Betriebs pendelt.
Auf Deutsch sind bislang 4 seiner Romane (Singularität (Singularity Sky), Supernova (Iron Sunrise), Dämonentor (The Atrocity Archives) und Accelerando im Heyne Verlag erschienen.
De:Bug: Was waren in den letzten drei Jahrzehnten die größten Veränderungen für das Schreiben von Science Fiction?
Es gab unzählbare Veränderungen. Und da ich ja damals noch nichts veröffentlicht hatte, kann ich nicht wirklich aus eigener Erfahrung sprechen. Klar allerdings: Die größte Veränderung waren die Textverarbeitungsprogramme, die zwischen 1980 und 1990 allgegenwärtig wurden. Einer meiner Herausgeber, der alt genug ist, um sich persönlich zu erinnern, behauptet, dass Textverarbeitungsprogramme dazu geführt haben, dass das durchschnittliche Manuskript 20% dicker wurde. Und es wurde viel schwieriger, die Schizophrenen herauszufinden, die plötzlich aufhörten, mit grüner Tinte in Langschrift zu schreiben und die neue Technologie wie alle anderen auch benutzten. Wer sich durch die Berge durcharbeiten musste, musste so zumindest erst mal reinlesen, bevor er feststellen konnte, dass es Mist ist. Vielleicht glaubst du, dass das ein Witz sein sollte, ist es aber nicht. Scheinbar ist eins der durchschnittlichen Symptome von Schizophrenie ein dringendes Bedürfnis zu kommunizieren. Und die Konsequenz ist, dass zusätzlich zu den unaufgeforderten Werken einiger Genies der Berg an Manuskripten, mit dem es ein Herausgeber zu tun hat, aufgeladen ist mit weitschweifigen Abhandlungen, die erklären, warum der Autor von der CIA mit Gedanken-Kontroll-Lasern verfolgt wird. Früher konnten sie das einem Herausgeber schicken oder mussten zumindest ein Vermögen an Fotokopierrechnungen zahlen. Aber die Textverarbeitung hat sie befreit. Seltsam, aber wahr.
In letzter Zeit hat das Internet natürlich einige Formen der Recherche erleichtert. Aber nicht alle! Generell hat es wenig verändert in der ziemlich gesetzten Welt des Verlagswesens, das für einen Außenseiter ziemlich bizarr aussieht, bis man realisiert hat, dass all ihre verrückten Angewohnheiten die Teilmenge der möglichen Geschäftspraktiken sind, die nicht dafür gesorgt haben, dass irgendwelche ihrer Vorgänger in den letzten zwei Jahrhunderten Pleite gegangen sind. Die dritte große Veränderung ist der Zusammenbruch des Massenmarkts für Taschenbücher in den USA, der eigenwillige Dominoeffekte darauf hatte, wer überhaupt veröffentlicht wird und wo.
De:Bug: Was ist aus deiner Idee geworden, ein Buch auf einem Telefon zu schreiben?
Moderne Mobiltelefone haben Bildschirme mit VGA-Auflösung, Prozessoren bis 400Mhz und jede Menge RAM und Speicher. Die können so viel wie altmodische PCs so um 1998. Und man kann Bluetooth-Keybords und eine Maus mit ihnen benutzen. Aber irgendwie sind sie noch nicht ganz da. Oder besser gesagt, mein Augenlicht ist nicht scharf gut genug, um mit einem 7,5 cm Bildschirm arbeiten zu können. Und dazu habe ich eine starke Aversion gegen Microsoft-Produkte, besonders das PocketPC OS. Sonst würde ich jetzt schon mal auf ein HTC Athena sparen.
Wenn ich ein VGA-Gerät mit Linux, Symbian UIQ oder Palm OS bekomme, dann überlege ich mir das noch mal. Laptops sind einfach verdammt noch mal zu groß und schwer. Und auch wenn mir bei der Hardware eines Sony Vaio UX mit eingebauter 3G-Karte das Wasser im Mund zusammenläuft, kann ich es mir nicht wirklich leisten.
De:Bug: Wie hat sich die Veröffentlichung im Netz von Accelerando im Nachhinein ausgewirkt? War es vielleicht "das" Buch, mit dem man so etwas tun musste?
Es ist schwer, sich da sicher zu sein. Denn da gibt es einen gewissen Mangel an Kontrolle im Experiment. Aber ich glaube, dass die CC-Lizenzierung von Accelerando die Verkäufe der Hardcover-Version des Buchs eindeutig hat ansteigen lassen. Und es hat eine bemerkenswerte Welle von Wohlwollen erzeugt. Überraschung. Viele Leute haben mir Mails geschickt, um zu sagen: "Ich habe es online gelesen und all deine anderen Bücher gekauft." Ich bin also glücklich damit. Und ein wenig enttäuscht, dass ich es wohl eine Weile lang nicht mehr so machen können werde.
Natürlich war es genau das richtige Buch dafür. "Was würde Manfred tun" war eine Phrase, mit der ich das erklärt habe. Aber überrascht war ich letztendlich nicht. Jeder mag freie Proben. Und am besten ist das ganze Ding. Etwas für umsonst zu bekommen, hält die Menschen nicht davon ab, es noch mal lesen zu wollen oder es auf Papier besitzen zu wollen. Tatsächlich ist eine Veröffentlichung unter einer CC-Lizenz nichts anderes, als öffentliche Bibliotheken mit einer Tonne Kopien zu bestücken. Ich denke wir haben einen eingebauten Vorteil, weil wir technologisch besessener oder einfach belesener sind. Viele der Mainstreamschreiber, die ich bislang getroffen habe, sind keine Techies. Sie haben persönliche oder soziale Stärken und viel Einsicht darin, wie Leute denken, aber Technologie liegt überhaupt nicht in ihrem Fokus. Abgesehen von der Vermarktung ihrer Werke haben sie mit Online-Tools nicht viel zu tun. Es gibt ein paar Ausnahmen, aber als Geek für Geeks zu schreiben, ist ein Vorteil.
De:Bug: Hältst du die Idee und das System von geistigem Eigentum für überholt?
Da fragst du den Falschen. Cory (Doctorow) müsste man das fragen. Aber dennoch, der Ausdruck "geistiges Eigentum", die Mutmaßung, man könne eine Idee oder das Artefakt eines Intellekts besitzen, ist schon sehr befremdlich.
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