Interview  - Alexandra Kui, Autorin von "Wiedergänger", "Blaufeuer" u. a. - Interview Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Alexandra Kui, Autorin von "Wiedergänger", "Blaufeuer" u. a.

Interview Alexandra Kui: „Verdrängung funktioniert nicht.“
Mit „Wiedergänger“ legt Kui ihr fünftes Buch vor. Bisher enttarnte sie gerne Familienidyllen. Diesmal ist die von Anfang an nicht da. Die Abgründe sind dem Leser angedeutet und die junge Protagonistin kämpft sich für uns an die Geheimnisse der verkorksten Verwandten und Ahnen heran.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 21.02.2010

Die Aufklärung führt die Mitte 30-jährige Lübecker Ingenieurin und Sprengmeisterin 'Liv Engel' bis nach Island und in Zeiten des Zweiten Weltkrieg. Einziger in der Verwandtschaft, mit dem sie sich in Maßen gut versteht, ist Großvater 'Tönges'. Doch der alte, wortkarge Querkopf verschwindet, nachdem er, 78-jährig, seine Scheidung verkündet hat. Liv beginnt die Suche. Doch nur etwa in der Mitte schwenkt das Buch kurz Richtung Genre Krimi. Insgesamt ist es ein Roman über das Menschsein, über die Fehler die wir machen, die dann eine unheilvolle Dynamik auslösen können.

Alexandra Kui ist auch Sängerin von "Singer-Songwriter-Shanties" und hat im Studio der Isländer Sigur Rós die Platte „Sturmland“ aufgenommen.

sf magazin: Wie erzählen Sie selber jemandem, um was es in Ihrem neuen Buch geht?

Alexandra Kui: Chaotisch (lacht)! Leider. Das ist wirklich schwierig, da ich als Verfasserin den Plot in jeder Einzelheit im Kopf habe. Ich erzähle immer den Prolog, gerade bei „Wiedergänger“ prägt der ja als Grund-Motiv das ganze Buch. Dann sage ich „Und dazu ergibt sich folgende Geschichte...“

sf magazin: Darauf hatte sf magazin gehofft, damit wir keinen eigenen Vorspann schreiben müssen!

Alexandra Kui: 1942, Lübeck: Ein Mann auf Fronturlaub kämpft sich nach einem Bombenangriff durch den Feuersturm. Er ist glücklich dabei. Er sagt, er erkennt sich selbst. Dann ist da die Tatsache, dass jemand lebendig begraben wird. Von seinen eigenen Kindern. 60 Jahre später bekommt die Hauptfigur 'Liv Engel' die Folgen dieser Tat zu spüren, die über Generationen hinweg die Atmosphäre in der Familie vergiftet. Verknüpft wird das Schicksal der Engels mit dem einer Familie auf Island. Auch die haben mit einem Fluch aus der Vergangenheit zu kämpfen. Viel Ärger mit den Untaten der Ahnen also.

sf magazin: Sie haben bisher drei Krimis und ein Jugendbuch geschrieben. Was sagen Sie zu Ihren Fans, was ist der Unterschied in „Wiedergänger“?

Alexandra Kui: Es ist eine Entwicklung weg vom Krimi. „Tod an der Schleuse“ war das Buch, das am meisten einem Krimi nahe kam, obgleich es ja nie einen klassischen Ermittler gab.

Mir ging es schon immer um Abgründe in der Familie, um die Enttarnung von Familienidylle. Doch verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin kein Feind der Familie. Eine Familie, die funktioniert, ist etwas Wunderbares. Man kann zur Ruhe kommen. Man kann sich mit all seinen Unzulänglichkeiten fallen lassen. Doch genau das ist auch die Gefahr: Dadurch ist man umso verletzlicher. Die Sicherheit steht konträr zur Verletzlichkeit. Familie ist ein poröses System, das schnell durch äußere Einflüsse ins Wanken geraten kann, etwa der neue Schwiegersohn, der nicht von allen gemocht wird.

In der Liebe können wir dasselbe wagen: unsere Seele nackt machen. Läuft dann etwas schief, kommen wir da wenigstens wieder raus. Bei Familie geht das nicht. Du hast die Gene in dir, du trägst die Erfahrungen mit dir rum. Selbst wenn du in den Spiegel guckst, siehst du deine Familie.

sf magazin: Ist es Ihr bestes Buch?

Alexandra Kui: Ja. Das ging bisher von Buch zu Buch so. Weiß ich selber, und sagt auch mein Lektor. Ich lerne mit jedem Buch und dringe immer näher zum Kern dessen vor, was mich als Autorin ausmacht.

sf magazin: Die Figur 'Liv Engel' ist sympathisch. Aber mit ihrer schroffen Art und ihrer Art, alle Menschen misstrauisch auf Abstand zu halten, macht sie sich's selber nicht allzu leicht. Sie ist 36, geschieden. Was wünschen Sie ihrer Figur für die Zukunft? Eine feste Partnerschaft oder nur Affären? Für wie wichtig halten Sie eine feste Partnerschaft?

Alexandra Kui: Sie öffnet sich ja im Laufe des Romans mehr und mehr den festen Bindungen, in erster Linie der zu ihrem (14-jährigen, bisher beim Exmann lebenden, Anm. d. Red.) Sohn. Ich denke, Hingabe ist wichtig. Man muss sich in einer Partnerschaft oder einer Bindung an andere hingeben können, dann ist sie glücklich und erfüllend. Wenn das in der Liebe passiert, ist es besonders schön, es kann aber auch mit Freunden oder der Familie funktionieren. Die Einsamer-Wolf-Variante macht auf Dauer unglücklich. Ich wünsche also Liv Engel Hingabe an andere Menschen.

sf magazin: Ein Thema in „Wiedergänger“ ist die Sprachlosigkeit der Älteren die Zeit des Zweiten Weltkriegs betreffend. Ich glaube, jeder der versucht hat, bei seinen Großeltern danach zu bohren, kennt das. Wie sind Sie an Erzählungen/Erfahrungen rangekommen?

Alexandra Kui: Ohne zu persönlich zu werden: Mir wurde ein Großteil dessen, was einem in einem Krieg widerfahren kann, zugetragen. Das geht von Fluchtgeschichten aus Ostpreußen mit der Gustloff über Vergewaltigung, Ostfront-Erlebnisse, Gefangenlager, Flucht über Finnland. Diese Erfahrungen wurden nie richtig verarbeitet. Erst gegen Lebensende reden die Alten ein bisschen darüber, wenn sie schon fast dement sind. So kriegt man dann nicht mal mehr richtig raus, ob jemand von der Gustloff im letzten Moment wieder „runtergehen“ musste oder mit ihr „unterging“, aber überlebte. Alles verwischt.

Manche Kriegserlebnisse prägen das Zusammenleben dauerhaft, obwohl nie darüber gesprochen wird. Es ist schon hart, wenn etwa eine vergewaltigte Frau keine Bindung zur Tochter aufbauen kann, weil sie das Mädchen-Sein schon als etwas Schicksalhaftes, Böses betrachtet, ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein. Verdrängung muss scheitern, sie funktioniert nicht!

Wie einschneidend der Krieg war kann ich auch an vielen Verwandten und Bekannten aus dem Raum Hamburg ermessen. Am Jahrestag des Hamburger Feuersturms gab es kein anderes Gesprächsthema, das weiß ich noch aus meiner Kindheit.

sf magazin: Einige Figuren haben schlimme Dinge getan. Sie gehen aber recht milde mit ihnen um. Warum?

Alexandra Kui: Sie gerieten in eine Sogwirkung falscher Entscheidungen. Dass die Figuren sympathisch wirken, heißt nicht, dass ich ihnen alles entschuldige. Genau in dem Moment, in dem sie etwas Furchtbares taten, war ihnen schon klar, dass es falsch ist. Sie hatten die Wut nicht unter Kontrolle. Außerdem: Sie gehen selber nicht gerade mild mit sich um, da brauchen sie nicht auch noch die Verurteilung durch ihre Autorin...

sf magazin: Ist die Episode der Anwerbung deutscher Frauen 1949 als landwirtschaftliche Arbeitskräfte nach Island historisch?

Alexandra Kui: Ja.

sf magazin: Durch welche Auslöser haben Sie erste Ideen für das Buch entwickelt?

Alexandra Kui: Meine vielen Island-Reisen waren wichtig. Ich bekam tiefe Einblicke in Landschaft und Kultur. Man muss diese nordische Weite und Einsamkeit aushalten können. Man wird gezwungen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Die Isländer haben zudem ein großes Gespür für alles Mystische, was im Buch ja eine wichtige Rolle spielt. Mit Eleganz bauen die ihren Volksglauben in die moderne Welt mit ein. Island hat mir viel gegeben. Ich könnte noch zehn Bücher in dem Zusammenhang schreiben.

Während der Recherche habe ich mit einigen der aus Deutschland ausgewanderten Frauen gesprochen. Manche wollten erst nicht, dann doch. Auf jeden Fall war es schwierig für sie, über die Gründe des Weggehens zu sprechen. Keine von ihnen dient jedoch als Vorbild für eine Figur in „Wiedergänger“.

sf magazin: Was macht eine Autorin, nachdem sie beim Lektorat die Endfassung abgegeben hat?

Alexandra Kui: Sie fühlt sich vereinsamt. Natürlich auch glücklich. Es ist ja ein Loslassen. Du hast die ganze Zeit mit deinen Figuren gelebt, du warst für sie verantwortlich! Man fällt in dem Moment, wo man die Mail auf Senden drückt. Das ist ein Durchsacken wie in der Achterbahn.

Aber es hält nicht lange an. Dann kommt die neue Freiheit, man besucht wieder Freunde, die man vernachlässigt hat, kehrt wieder in die wirkliche Welt zurück.

sf magazin: Die Lieblingsfrage aller Fans: Wie funktioniert Schreiben?

Alexandra Kui: Rauschhaft im Idealfall. Aber immer wieder Überarbeitung und handwerkliche Betrachtung. Stimmt die Kraft der Sprache? Rausch und Handwerk ergänzen sich, es passiert wellenförmig. Ich entwickle große Empathie für alle Figuren, um in diesen Fluss hineinzukommen. Dann bin ich aber auch wieder phasenweise Journalistin, mein alter Beruf.

sf magazin: Was haben Sie in der Mache, literarisch und musikalisch?

Alexandra Kui: In diesen Tagen starte ich ein neues Buch. Ein gesunkenes Schiff wird eine Rolle spielen. Musikalisch entwickle ich gerade zuhause allein neue Ideen. Es ist ja etwas unpraktisch, eine Band auf Island zu haben. Ich bin auf der Suche nach neuen Musikern, will neue Instrumentierungen testen.

sf magazin: Vielen Dank für Ihre Zeit.

      
 

 
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