„Wir sind alle Zyniker geworden“ kritisiert sich Ilan Heitners Held 'Amir' selbst, Endzwanziger und Israeli aus Tel Aviv, und meint auch seine Landsleute, die sich, im Flugzeug beim Landeanflug sitzend, nicht mehr wie früher trauen, inbrünstig „Hevenu schalom aleichem“, das Friedenslied, zu schmettern. Sich nicht mehr für eine Sache richtig begeistern zu können, und hier im Buch speziell für eine Frau, das ist das große Thema Heitners. Er lässt seinen Held zwar den Verlust von Drauflos und Spontanität der Jugend bedauern, lässt ihn aber auch in eben der Ambivalenz stehen, die in Liebesdingen eine solche Haltung erzeugt. Alles haben wollen und können und ausprobieren: Der eine behauptet, das ginge alles mit dem einen, richtigen Partner; der nächste behauptet, das kann gar nicht nur mit einer Person funktionieren.
In dieser Grätsche steckt Amir - und um dem ganzen noch Exotisches und Leichtigkeit der Ausnahmesituation hinzuzufügen, nimmt Heitner den Trick und lässt ihn in New York Film studieren. Dort verliebt er sich in 'Philly' und während und nach einer Urlaubsreise werden einige mittelamerikanische Länder zu Schauplätzen. Es passiert einiges innerhalb dieses Lebensabschnitts und dieser Liebesgeschichte, die nur ein Jahr umspannt. Das Leben scheint kondensiert und gleichzeitig so voller unzähliger, sinnfrei genossener Stunden. Philly ist zwar auch Israeli, aber erst 21. Entgegen Amir, der dem Leser in Rückblenden immer wieder Liebesabenteuer aus der Heimat Israel erzählt, die seine Abgebrühtheit, seinen schlichten Durst nach immer neuen Frauen enthüllen, ist Philly sehr verletzlich. So kommt es auch zum Bruch - nein, - tatsächlich nicht wegen Fremdgehens Amirs, sondern wegen einem von Philly selber eingefädelten Dreier-Sex.
Im Fortlauf hat Amir genug Zeit, seine nun zuende gehenden Twen-Jahre Revue passieren zu lassen. Das letzte Drittel des Buches wird somit zum stärksten. Selbstreflexionen, Betrachtungen zur Tel Aviver Gesellschaft und natürlich zur Liebe.
Laut Klappentext ist das Buch sehr autobiografisch. Der Autor gutaussehend, wie das großformatige Foto, ebenfalls auf der Klappe, beweist. Vielleicht hat Heitner ein paar Städtenamen geändert. Vielleicht hat er für die Urlaubsreise von Philly und Amir die Länder und Orte ausgetauscht. Oft entsteht bei so etwas etwas zu Lapidares. Dann fehlt es an Substanz, die aus Erdachtem oft besser entsteht. Doch bei Heitner klappt es, weil er den Worten, in die er seine Erinnerungen transformiert, Abstraktion und Direktheit zugleich verleiht, sodass wir uns drin wiederfinden können, vor allem die Männer wahrscheinlich, wogegen die Frauen einiges über Männer erfahren dürften. Heitner lässt hingegen seinen Held Amir, den angehenden Drehbuchschreiber, in eben diese Falle tappen: Der fängt an zu glauben, er müsse mehr ohne Philly machen; er meint, er müsse seinen „Erlebnisvorrat“ in Hinsicht auf zukünftige Drehbücher aufstocken.
So erkennt er lange später, dass er seine Misere in langem Vorlauf selber erzeugt hat, nachdem er lange der dritten im Bunde beim Dreier - „Sie hatte uns in eine Falle gelockt, uns vorsätzlich in etwas hineinmanövriert, von dem sie wusste, dass es uns zutiefst treffen würde.“ - und der jugendlichen Verletzlichkeit Philly's die Schuld zugewiesen hatte.
Immer wieder legt Heitner spielerisch den Fokus auf den Übergang von Jugend zu Erwachsensein. So über die 21-jährige Philly und die Bedingungslosigkeit der Jugend:
„Ihr Hass brannte, ihre Liebe auch. In diesem Alter scheint jedes Gefühl hervorzubrechen wie glühende Lava aus einem Krater. Ohne Filter, ohne Logik und vor allem ohne Perspektive. Alles muss sofort und auf der Stelle passieren. Wenn man hasst, dann glühend. Wenn man liebt, dann lodernd.“
Amir, der Endzwanziger, philosophiert:
„Nun aber sind die Freuden von gestern Zumutungen, und die Zumutungen von gestern machen uns Freude.“
Beide, Amir und Philly, regen sich in New York über die grämlichen Gesichter der grauen Herren in den Bürotürmen auf. Wieder in Israel, schlägt die in der Jugend übliche, noch sorgenfrei geäußerte, Kapitalismuskritik über Amir zusammen. Weder mit seinem Filmwissen, noch mit seinem Broker-Wissen aus einem früheren Studium, will er etwas anfangen.
Der Traum vom niemals enden wollenden (Sex-)Abenteuer ist geplatzt. Fast surreal und definitiv komisch wird es gegen Ende, als Amir als Nachtwache auf dem riesigen Gelände des Treibstofflagers eines Gasversorgers arbeitet, einem gespenstischen Ort, eigentlich nicht von dieser Welt, und dorthin Nacht für Nacht eine Namenlose aus der stets sexwilligen Masse Tel Avivs abschleppt. Dann versucht er im Umkehrschluss, eine Frau erst ein paarmal nur zu daten, bevor es Sex gibt. Forlorn hope...
Amir, wahrscheinlich stellvertretend für viele Israelis, versucht einen Mittelweg zu finden, zwischen Tradition mit ihrer allzu frühen Mühle aus Familie und Maloche und der Illusion vom ewigen Fest.
Besprochene Ausgabe: Kein & Aber | 2009 | 224 Seiten | Festeinband* | € 18,90
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
2. Jonas-Philipp Dallmann: Notschek (2011)
3. Gavin James Bower: Dazed & Aroused (2009)
4. Ron Leshem: Der geheime Basar (2011) - Orig.: Megilat zchujot hajareach (2009), hebräisch
Martin Amis:
Die schwangere Witwe
Hanser, Festeinband
Shumeet Baluja:
Silicon Jungle
suhrkamp nova, Broschur
Moti Kfir, Ram Oren:
Sylvia Rafael. Mossad Agentin
Arche, Festeinband
Martin Amis:
1999
Rowohlt, Festeinband
Sorj Chalandon:
Die Legende unserer Väter
dtv premium, Broschur
Douglas Coupland:
Eleanor Rigby
Hoffmann und Campe, Festeinband
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