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- Der Tagträumer

(2009) [Hörbuch] - Orig.: The Daydreamer (1994), engl.
„Wenn einer den Mund hält, weiß man ganz und gar nicht, was ihn beschäftigt“
Keine Angst: „Der Tagträumer“ moralisiert nicht und ist kein Problem-Buch. Aber nach dem Hören der surrealen, phantastischen und leicht gruseligen Abenteuer können sich Kinder und Erwachsene ein bißchen besser gegenseitig verstehen.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 20.04.2009
Ian McEwan - Der Tagträumer
Zoom Ian McEwan - Der Tagträumer

Der zehnjährige Peter wirkt auf seine Umwelt häufig abwesend, als „Der Tagträumer“. Dabei ist er, im Gegensatz zu seinen Lehrern und gelegentlich seinen Eltern, gar nicht unzufrieden. Er ist auch nicht unglücklich. Und versteht nicht, warum die anderen meinen, er sei komisch.
Ein Glücksfall ist Peter für den Leser von Ian McEwan allemal, denn der versteht es, die herrlichen Geschichten, mit denen sich der Junge wegträumt, aufzuschreiben. Also tut McEwan zweierlei: Er bricht eine Lanze für die Stillen, die sich lieber mal zurückziehen, als dem Mitläufertum zu frönen und er nutzt die Gestalt Peter und ihre Phantastereien aus, als sein eigenes Sprachrohr und als Mittler zwischen Kinder- und Erwachsenenwelt.

Peters Einsichten klingen oft weiser, als die, die man als Erwachsener zu haben glaubt. Bei seinem Blick auf die Erwachsenenwelt muss man sich als Erwachsener ganz schön an die Nase fassen. Und sich teilweise schämen und über die Eigenarten lachen und sich wundern, warum man so eingefahren ist in seinen Gewohnheiten und seinem Tun, und warum man sich nicht etwas Unbeschwertheit und Spontanität der Kindheit bewahrt hat. Umso unerklärlicher muss dies auf Peter und seine jüngere Schwester wirken. Aber das ist eigentlich so ziemlich der einzige Verdruss, mit dem er zu kämpfen hat, außer gelegentlichen Kabbeleien mit der Schwester.

Ian McEwan nimmt dreimal den schönen Trick, Peter sich in andere Personen oder den alten, siebzehnjährigen Familien-Kater 'William' hineinträumen zu lassen. In anderen Kapiteln werden Horden von Puppen lebendig oder Peter schmiert mit einer ominösen „Entfernungscreme“ seine ganze Familie weg, die ihn gerade nervt. Eine weitere Geschichte ist nichts weniger als real, als er durchschaut, woher der berüchtigte „Schul-Schläger“ eigentlich seine Macht nimmt. Und dann gibt es 'Mrs. Spielgut', vermeintliche Einbrecherin, und da kann man Traum und Realität gar nicht mehr richtig auseinanderhalten...

Peter kritisiert innerlich das Mitmachen-Müssen und die viele Zeit, die Menschen aufwenden, um andere Menschen zum Mitmachen zu bewegen. Er versteigt sich sogar zu der Annahme, würden sich alle Menschen pro Tag mal mindestens eine Stunde besinnen, und zum Beispiel darüber nachdenken, wie es um sie steht und was aus ihnen werden soll, würde es gar keine Kriege geben. Alles andere als tumb ist er auch in praktischen Dingen. Wenn er etwa sich und seine Schwester vor Wölfen schützen müsste, wüßte er genau was er mit Streichhölzern machen würde, und was mit dem Messer...
Es sind auch Alltäglichkeiten, die er genau wahrnimmt, etwa das familiäre Tohuwabohu am Morgen, wenn jeder zur Arbeit oder zur Schule muss mit dem gemurmelten Mantra „Ich komm zu spät, ich komm zu spät“ auf den Lippen und man gerade noch den Speck aus der Pfanne angeln kann - wir sind bei Engländern. Oder die gegenseitigen Vorwürfe, „gekleidet in Fragen“ wie „Hast Du den Kater gefüttert?“, hast du das und das.

Diesen Druck sublimiert Peter dann schon mal in Tagträume der härteren Gangart. Etwa wenn die „böse Puppe“ aus dem Arsenal seiner Schwester sich mit ihrem einen Arm und einen Bein selbstständig macht, die anderen 60 herumliegenden Puppen aufpeitscht und zum Angriff auf den schreckstarren Peter bläst, um sich von diesem die fehlenden Gliedmaßen dazuzubesorgen...
Die Garstigkeit der Puppen intoniert Sprecherin und Theater-Schauspielerin Anna König herrlich. Dem Erwachsenen kommen echte Horror-Motive in den Sinn, etwa Chuckie's Bride, aber natürlich fließt kein Blut.

In der besinnlich-beschaulichen Episode um den alternden Familien-Kater William vollzieht Peter zum ersten Mal eine Art Seelentausch, mit dessen Hilfe er sich Einblicke und ganze Einsichten in die Mitmenschen und das Menschentum verschafft. Denn die Weisheit eines steinalten Katers, der so alt ist wie Peter und seine Schwester zusammen, und der schon in der Familie war, als die Eltern noch wild waren und in einem Zimmer hausten, kann sich sehen lassen... Peter zieht in Williams Körper in dessen „letzte große Schlacht“, in der er doch nocheinmal den Garten gegen den jüngeren und größeren Nachbars-Kater verteidigt.
Anna König, die Sprecherin, trumpft wieder auf und mimt genüßlich die sich alsbald bildende Zuschauer-Schar an Nachbars-Miezen, die „dem Alten“ in ihren Zurufen keine Chance einräumen, gleichsam dem Kampf entgegen geifernd. Der junge Kater droht „Ich streue deine Gedärme auf den Rasen“ und auch Peter alias William ist nicht auf den Mund gefallen: „Du schleimige Kacke eines magenkranken Köters.“ Das ist echter Katzenwitz, in erstaunlich mannigfaltigen Tonlagen vorgetragen von Anna König.
Mit dem Reaktionsvermögen eines Zehnjährigen und der Schläue eines Katzen-Opas stehen die Chancen für Peter/William gar nicht so schlecht...

Die Episode „Entfernungscreme“ ist bester Slapstick und Science Fiction. Peter findet die Creme in einer Schublade, die jeder Haushalt hat: voll mit Sachen, die garantiert nie wieder benötigt werden, aber könnte ja... - und man schmeißt sie nicht weg. Bei Berührung mit lebendem Gewebe verschwindet dieses. Etwas mulmig, fängt Peter an. Beim Rest der Familie, die sich im Garten sonnt.

Aber es half nichts. Er musste sie entfernen.

Als Schwester Tina als letzte halbeingecremt mit verstümmelten Ärmchen und ohne Kopf gegen die Gartenmauer knallt, wird der Horror sofort von Absurdität und Humor eingeholt. Jeder ist mal genervt. Und die Creme wirkt nicht ewig.

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Besprochene Ausgabe: Diogenes  |  2009  |  Hörbuch 3 CDs  |  22,90

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