Iain M. Banks - Transition: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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Transition (2009), engl. (dt. Welten, Mai 2010)
Banksie 's back
Das schottische Multitalent Iain M. Banks findet zurück zu poetischer Stärke in Modalem Realismus mit gleich unendlich vielen Welten. Doch er hält die Klammer.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 23.11.2009

Der Schotte Iain M. Banks schreibt aus Zwang. Zumindest muss er nach jedem Mainstream-Roman, den er schreibt, als nächstes einen Science Fiction-Roman schreiben und andersrum, wie er in einem Interview sagt. Nun sein 26. Roman insgesamt - Zählung ohne Gewähr, sollte aber stimmen -, nachdem der Vorgänger „The Steep Approach to Garbadale“ zum Genre Klassischer Gesellschaftsroman zu zählen war. „Transition“ müsste also ein Science Fiction-Werk sein. Ist es auch, bereitet aber jedem Vergnügen, der sich ein bisschen auf Erzählkunst einlassen kann, die das Abseitige ankratzt, sich ein wenig von der Realität entfernt, phantastische Pfade einschlägt.

„Transition“ ist düster geworden, verhangen, nimmt sich viele Steam Punk-Elemente und viel von dem, was Kollegin Doris Lessing als Inner Space Fiction bezeichnete und ihre Herausgeberin zu deutsch als „Fiktion des inneren Raums“ umschreibt. Denn Banks ' Protagonisten müssen ganz schön hadern und rudern, mit dem was sie als Realität umgibt oder vielmehr an ihr zweifeln und verzweifeln. Der philosophischen Strömung des Idealismus zufolge, können wir uns überhaupt nicht darauf verlassen, dass uns physisch irgendetwas umgibt. Realität existiert nur mental, in unserer Vorstellung. Gerne wird hier das „Gehirn im Tank“ zitiert: Ein Gehirn in einem Tank, das durch geschickte Wissenschaftler neuronal von aussen stimuliert wird, weiss nicht, dass es ein Gehirn im Tank ist...

Iain M. Banks spielt mit diesem Motiv im ganzen Verlauf von „Transition“, wenn auch in abgewandelter Form. Einige seiner Figuren sind traumwandelnde Patienten, die mehr oder weniger mobil in einer abgeschiedenen Klinik unter Sedierung stehen. Doch er setzt noch eins drauf: Seine Transitionisten (orig.: transitioners) haben die Fähigkeit, zwischen einer Unzahl, bisher nur bruchstückhaft erforschten, parallel existierenden Versionen der Erde hin- und herzureisen. Sie unterscheiden sich in ihrer politischen Entwicklung. Und da sind wir auch gleich bei einem Lieblingsthema von Banks: Ist politische Einflussnahme auf vermeintlich sich falsch entwickelnde Staaten erlaubt, mit Staaten als Agierende, die von ihrer unbedingten Rechtschaffenheit überzeugt sind, getrieben von einem unbedingten Glauben, das Richtige zu tun? Tatsächlich maßt sich 'The Concern' an, Personen, die eine entscheidende historische Rolle spielen werden, zu schützen oder umzubringen - ja, die Transitionisten können auf sehr eingegrenzte Weise auch in die Zukunft paralleler Erden gucken. Eine Art „multiversal niceness-enforcement agency“ nennt sie denn auch spöttisch ein Renegad und ehemaliger Auftragsmörder.

Es gibt verwobene und - ha! - parallele Erzählstränge, die teils sehr spät konvergieren. Doch ist der Leser zu jedem Moment getröstet durch einen jeweils phantastischen Duktus, den Banks seinen Erzählern zuordnet. Da ist der smarte Proll 'Adrian', ein Chamäleon, der vorgibt East End Boy zu sein, weil es seiner Meinung das ist, was bei den Leuten ankommt. Dementsprechend ist sein Slang, gerne nimmt er Satzteile weg, die selbst im sowieso schon sehr effektiv kurz gehaltenen Englisch drin sein sollten. Sprüche hat er immer auf den Lippen, etwa „And off she fucked“, was bei ihm soviel heißt wie „Sie rauscht aus dem Raum“.
Der Erzählfluss des 'Patient 8262' wiederum, eine Figur, die sich in mehreren Inkarnationen durch den Roman zieht, ist geprägt von herrlich schwebender Ruhe und Leichtigkeit; eine intellektuelle Figur. Bestimmt hat sie an der „Speditionary Faculty of the University of Practical Talents“ studiert, wo auf einer Erdversion, die sich 'Calbefraques' nennt, die Transitionisten ausgebildet werden. Unter ihnen gibt es „Transitioners, tandemisers, trackers, foreseers, blockers, exorcisers [...]“ Man merkt schon, diese Truppe kann sich gegenseitig die Hölle heiß machen, sie ist Staat im Staat, Stasi inklusive. Gegenwärtig liefern sich The Concern-Chefin 'Madame D'Ortolan' und die abtrünnige 'Mrs. Mulverhill' einen Kampf, pendelnd zwischen verschiedenen Welten und inkarniert in die Körper-Hüllen fremder Menschen. Mörder 'Mr. Oh' wird von beiden umworben und darf ausgiebig Sex haben. Banks erträumt hier das Allerkühnste eines jeden, wenn sich zwei Kopulierende noch während des Orgasmus immer wieder weiter in die Körper anderer Paare auf immer noch exotischeren Welten hineintransitionieren... ein beinahe unendlicher Sexfluss. Und er beschreibt ganz beiläufig den ewigen Drang zum Fremdgehen: „We compare, contrast, measure and judge. Initial impressions, however enchanting they may have seemed at the time, are evaluated again in the light of something more accomplished.“

Ganz klar geht es auch um unsere materielle Gier, personifiziert im Trader Adrian - auch ein Finanzkrisenroman. Doch auch Sozialist Banks ist altersweiser geworden und diffamiert nicht mehr in Bausch und Bogen. Er geht mit uns allen ins Gericht, die wir unser Lebensumfeld optimieren wollen, die wir „gieren“ nach dem guten Leben. Der Trader macht es eben völlig ohne Illusionen: „Fuck Me Sideways“ nennen die Kumpel intern ihre Firma „FMS Hedge Ltd.“.

Der dritte Duktus ist der aus dem klassischen Steam Punk-Roman. Auch den beherrscht Banksie vorzüglich, was er etwa schon in „Die Brücke“ unter Beweis stellte oder in den dunklen Passagen von „Use of Weapons“ oder „Against a Dark Background“. Iain M. Banks changiert dann zwischen der Süffisanz seiner viktorianischen Erfindungen wie dem Tremolo-Apparat, den ein Sänger im Restaurant vor dem Kehlkopf trägt, des One Time Readers, der das Lesen seines winzigen Papierstreifens nur einmal zulässt, des orgiastisch und märchenhaft gefeierten Festtages Festival of Death und einer Düsternis, die auch vor Darstellung von Folter nicht zurückschreckt. Mit Letzterem sollte man vorsichtig sein, in einer Modalen Realität, in der Orte und Zeit Schall und Rauch sind und Dinge leicht auf einen selber zurückfallen können...

Die sich stetig steigernden Fähigkeiten der Transitionisten enden in reinstem Solipsismus, und der würde oben genannte Fuck Me Sideways-Haltung durchaus begünstigen. Nicht alle Enden aller Stränge von „Transition“ lassen sich deuten. Trösten wir uns, dass der Angelsachse tatsächlich auch mal schön ordentlich Kommas setzen kann, wenn er nur will! - anscheinend in romantischen Situationen:

Confused, he felt a need to say more, to make light of this, or, perhaps, instead, to behave in an overtly and overly romantic, grateful manner, to reassure her even, to compliment and flatter her and declare his admiration and appreciation, yet at the same time he wanted to dismiss her, deflate her, hurt her, just get away from her.

Schön.

Besprochene Ausgabe: Little, Brown | 2009 | 404 Seiten | Festeinband* | € 21,99
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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