
Wie denken wohl Künstliche Intelligenzen? Nachfühlen wird man das kaum können, aber eins ist klar: Sie denken unheimlich schnell. Wenn sie zudem auch noch äußerst mobil sind, was tun sie dann? Beim Beschreiben dessen bleibt dem Leser von „Exzession“ schon mal der Atem stehen. Banks bringt es fertig, einige Millisekunden im Leben der Drohne 'Sisela Ytheleus' auf 20 Buchseiten auszubreiten. Ein Mensch kann in einer Millisekunde nicht mal einen Witz machen. Banks' Maschinen machen in derselben Zeit über Seiten hinweg Witze. Man spürt schon, von wem sie abstammen, wer sie einstmals programmiert hat. Der Mensch; und im engeren Sinne der Schotte Banks.
„Bleib ruhig, ermahnte sich die Maschine.“
Und in bestem Neukölln-Slang auf die Provokation eines Feindes:
„- Was für eine rohe Maschine du bist. Komm jetzt...
- Ich bin eine Soldaten-Drohne, du Mißgeburt; was erwartest du? Und überhaupt, ich bin roh! Ich habe gerade mein Schiff und all meine Freunde und Kameraden verloren, und du nennst mich roh...“
Natürlich sind wir irgendwo in der Zukunft, auf einem Schiff, das angegriffen wird. Loyalität ist auch durchaus ein Wort, das Drohnen kennen. Und Sisela Ytheleus rast in menschenleeren Korridoren, die in Vakuum stehen, mit Schallgeschwindigkeit ihren Häschern davon. Dabei ist sie in ständiger, aber stetig abbröckelnder Kommunikation mit dem mind, dem Gehirn des Schiffes, und ihre Motorik steuert sie mal eben mit einer unvorstellbaren Anzahl an g um eine Neunzig-Grad-Ecke; jedes biologische Lebewesen wäre Matsch. Es sind diese Momente - ha, sie erstrecken sich über viele Seiten - die einem den Atem stocken lassen; sie wären in einem Film niemals realisierbar. Müde Slow Motion würde nicht ausreichen, um das, was auf den Leser einprasselt, auch nur annäherungsweise auf Zelluloid wiederzugeben. Es geht nur im Hirn.
Sisela Ytheleus hat dann einen Blackout. Achtzehnhundertdreiundfünfzig Millisekunden später rappelt sie sich langsam hoch und aktiviert nach und nach ihr Geistessubstrat.
„Uijui, dachte sie.
Sie öffnete den ersten Kern und fand ihre Erinnerungen.“
Bald erkennt es, das es fast nur noch ein Haufen Schrott ist. In letzter Selbstaufbäumung wendet Sisela Ytheleus ihre gesamte (gewaltige) Energie auf, um eventuellen indirekten Zeugen ihrer letzten Schlacht eine Nachricht zukommen zu lassen...
'Genar-Hofoen', und das ist der, der diese Nachricht verwirrt zur Kenntnis nimmt, „schwebte in der Dusche, von allen Seiten von der Wasserflut geschubst.“ Da wissen wir, wir sind wirklich im Space angekommen, und Space ist alles andere als unannehmlich. Nein, wir sind nicht in einem dreckigen, stinkenden Raumschiff à la Ridley Scott's „Alien“, sondern in einer weit fortgeschrittenen Zeit, die den Luxus für den Menschen ins Unglaubliche hinfortgesteigert hat. Genar-Hofoen's größtes Problem ist eher, nach dem Sex aus einem verspielt schwerelos gehaltenem Bereich einer Station in den schwerkraftgehaltenen Bereich überzuwechseln, ohne sich einen Penis-Schwellkörper-Bruch zuzuziehen.
Aber schon zuweit. Da wäre erstmal Oberst Fremdwelt-Befreunder (Erster Klasse) Fivetide Humidyear VII., der den Diplomaten Genar-Hofoen so heftig mit Schlägen und Klapsen begrüßt, dass selbiger ohne die abfedernde Dämpfung seines 'Gallertfeld-Kontakt-/Schutz-Anzuges' jetzt glatt erschlagen wäre. Denn Fivetide ist ein Affronter. Ja, so heißt die Rasse, und es wäre garantiert tödlich, ohne erwähnten Anzug darüber zu lachen. Aber Sie lesen ja nur das Buch, also dürfen Sie ständig lachen.
"...wobei er die Lippenwedel kräuselte und den Vorderschnabel an die menschliche Wange drückte: 'Mmmmwwwwah! Da! Ha ha!'“ [...]"
"- Fivetide, schön, dich wieder mal zu sehen, du alter Halunke!“ sagte Genar-Hofoen und schlug dem Affronter mit dem angemessenen Grad an Begeisterung, um Gutmütigkeit anzuzeigen, auf das Schnabelende."
Da ist der Menschen-Diplomat nun auf heikler Mission im 'Nestraum' der Affronter und die „gebogenen, geädert aussehenden Wände waren mit Ehrenplaketten von Kompanien, Bataillonen, Divisionen und Regimentern und den Köpfen, Genitalien, Gliedern oder anderen einigermaßen erkennbaren Körperteilen niedergemachter Widersacher geschmückt.“ Das drückt schon aus, dass sich Genar-Hofoen auf einigermaßen glitschigem Parkett befindet. Seinen Anzug, ohne den er drei schmerzvolle Druck-, Gift-, oder Hitzetode auf einmal sterben würde, hält er immer in einer nach außen wirkenden silbrigen Oberfläche, darüber trägt er aber eine Weste „mit Taschen für alle möglichen Utensilien, Geschenke und Bestechungsgüter und einen den Schritt überwölbenden Hüfthalter, der eine Reihe antiker, aber eindrucksvoll aussehender Handfeuerwaffen enthielt.“
Ohne dem, würde Genar-Hofoen von keinem einzigen Affronter als Außenwelter annähernd ernst genommen werden.
Oh Mann, Banks spielt herrlich mit unseren menschlichen Geschlechts-Stereotypen und transponiert unser Archaisches einfach in die Zukunft.
Sitten sollte man in solch Situation beachten, und so sieht er sich, wenn auch routiniert und abgehangen, mal wieder zu einem Gastmahl gezwungen, bei dem man mit Mini-Harpunen auf putzige lebende Tierchen schießt. Höhepunkt sind immer die 'Kratzhunde-Kämpfe', und die sind für Genar-Hofoen mittlerweile wirklich leichte Übung. Doch plötzlich meldet sich die Künstliche Intelligenz seines Anzugs. Die hat mitzuteilen, dass sie gerne den Dialog mit einem 'Gedankenkonstrukt' seines Vorgesetzten beginnen würde. Das ist nun wiederum das eigenständig agierende Substrat eines menschlichen Verstandes. Während Genar-Hofoen innerhalb von Sekundenbruchteilen Wetten auf einen der sechsgliedrigen Köter abschließen muss, unterhält er sich per Gedankenablesung mit seinem Vorgesetzten. Dessen nicht genug, ständig quasselt ihm die KI seines Anzugs dazwischen sowie die Comms aller anwesenden Affronter-Funktionäre...
Multi-Tasking hin oder her: Da muss auch einer vom Schlage Genar-Hofoens die Notbremse ziehen und... tja, da fehlen jetzt die deutschen Worte; im Englischen heißt es einfach „to gland“, will heißen, aus Drüsen etwas ausschütten; oder auf deutsch: sich durch biomechanisch ergänzte, steuerbare Drüsen im Kopf, selber Drogen zu injizieren. Er gönnt sich etwas von der göttlich erstrebenswert erscheinenden Droge 'Quickens'. Konträr zu ihrem Namen, verlangsamt sie für den Benutzer die Zeit. Die Köter zerfleischen sich vor Genar-Hofoens Augen in Zeitlupe, während er die diplomatischen Angelegenheiten der 'Kultur', seines Auftraggebers, in Ruhe bespricht.
Das ist wirklich Erzählkunst.
Wesentliche weitere Obskurität im Roman sind die omnipräsenten KIs der 'Kultur', eines Gesellschaftsgebildes, das auf dem gleichberechtigten Dasein von Menschen und Künstlicher Intelligenz basiert. Banks baut, im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, hier kein Horror-Szenario auf. Okay, es gibt manch exzentrische KI, die sich 'Erschieß sie später', 'Vorfreude Auf Die Ankunft Eines Neuen Geliebten', 'Nüchterner Rat' oder 'Appell An Die Vernunft' heißt.
Banks läßt den Großteil seiner SF-Romane im Dunstkreis der „Kultur“ spielen, schon das ein Beispiel für seinen Wortwitz: Allein die Namensgebung läßt keinen Zweifel offen, wer sich hier als die Guten betrachtet. Die „Kultur“ ist eine millionenalte Wertegemeinschaft verschiedener Rassen der Galaxie und der gewichtigen, teilweise ebenso uralten, meist verschrobenen oder exzentrischen Künstlichen Intelligenzen, den „Gehirnen“ (minds im Orig.). Nebenbei: Diese KIs sind supermobil, hausen meist in gigantischen und gigantisch schnellen Raumschiffen und sind im Gegensatz zu Fleisch nahezu unempfindlich auf g-Kräfte. Das heißt, sie schaffen die Haupt-Action in Banks-Romanen, davon reichlich und sympathisch.
„Exzession“ ist ein äußerst lebhaftes und glaubwürdiges Panoptikum unserer ferneren Zukunft, die schon längst vergessen hat, den Menschen allzu wichtig zu nehmen. Denn ab dem Moment, wo sich irgendeiner ein, wenn auch nur einfaches Werkzeug geschaffen hatte, sozusagen als Verlängerung seines biologischen Armes, war es klar, dass sich die Menschheit irgendwann selbst ersetzen würde. Wenn auf so charmante Weise wie in Banks' Romanen: Nur zu.
Das war's. Der Rezensent will hier nicht mit Inhaltlichem langweilen. Love it or leave it. Feel Banks or not.
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Besprochene Ausgabe: Heyne | 2002
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1. Adam Roberts: Sternennebel (2006) - Orig.: Salt (2000), engl.
2. Joe Haldeman: Der ewige Krieg (2000) - Orig.: The Forever War (1988), engl.
3. Iain M. Banks: Exzession (2002) - Orig.: Excession (1996), engl.
5. Philip Palmer: Zone (2008) - Orig.: Debatable Space (2008), engl.
Jedediah Berry:
Handbuch für Detektive
C. H. Beck, Festeinband
Neal Asher:
Der eiserne Skorpion
Bastei-Lübbe, Broschur
Paul McAuley:
Der stille Krieg
Heyne, Broschur
A. Lee Martinez:
Monsterkontrolle - Die Schonzeit für Mutanten ist vorbei!
Piper, Broschur