Iain M. Banks - Die Brücke: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Die Brücke

(1998) - Orig.: The Bridge (1986), engl.
Der doppelte Banks
In „Die Brücke“ taucht alles auf, was den späteren SF-Schreiber Banks und den Prosa-Schreiber Banks in den kommenden zwei Jahrzehnten ausmacht. Zudem ist es, was von allen seinen Büchern einer reinen Liebesgeschichte am nächsten kommt.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 09.09.2008

Iain M. Banks ist in seiner Heimat Großbritannien vor allem als Autor von Nicht-SF-Prosa enorm erfolgreich. Sehr oft schwingt in diesen Geschichten eine leichte Elegie vom sich ständig wehren müssen gegen das Erwachsenwerden. Oft auch von den vielen Freunden und Verwandten, die im Lauf der Zeit die „Crow Road“ hinuntergehen mußten - eine schottische Allegorie für den Tod. Familie und Heimatverbundenheit sind ein großes Thema für Banks. Ebenso hat er jetzt schon einen Platz als einer der besten Chronisten der britischen Achtziger, mit dem Ende der alten Zeiten beschert durch Margaret Thatcher, sicher.
Aber die Wehmut ist eben immer nur leicht bei ihm. Gerne schwelgt Banks literarisch mit seinen mittlerweile 54 Jahren in den Befindlichkeiten der Teens, Twens oder der Dreißigjährigen, als wären diese Lebensperioden bei ihm selber erst gestern gewesen. Dass er sich seine Kindlichkeit immer beibehalten hat, beweist auch die Verspieltheit seiner SF-Romane.

In „Die Brücke“ von 1986 erwarten den Leser ein klassischer Erzählstrang, der obig Genanntes aufs feinste vollführt, sowie einige surreale Stränge, von denen zumindest einer wiederum ein fast bodenständiges, dabei äußerst kafkaeskes, mit Steam-Punk-Elementen angereichertes Abenteuer bildet. Da lebt ein ganzes Staatsvolk auf einer Brücke ohne Enden, auf mehreren Ebenen, die untersten so düster und aus Stahl gebaut, dass nur durch spärliche Lücken der Himmel zu sehen ist, die mittleren durchzogen von 'Schnellstraßen' - auf denen sich in atemberaubendem Tempo Rikschafahrer für die besseren Leute und Sänften durch den ständigen Nebel den Weg bahnen -, darüber wiederum ein Tram-System und thronend Institute und Bürokratie und wenige Privatwohnungen.
Orr, der Ich-Erzähler, ist wegen Amnesie in Behandlung und versucht mehr über diesen Ort herauszubringen. Dazu geht er gegenüber seinem behandelnden Arzt eher erstmal in Tarn-Modus: Er tischt ihm wüste, erfundene Träume auf, die geradewegs seinem Freud'schen Es entsprungen zu sein scheinen. Doch lange lassen sich Arzt und Brücke nicht hinhalten. Leute ziehen plötzlich um, gewohnte Termine platzen, in der Stamm-Bar ist Orr unerwünscht, seine eigene Wohnung wird gekündigt...

Im höflichen, ruhigen, leicht archaischen Erzählstil eines reifen Graham Greene betritt 'Abberlaine Arrol' die Bühne: eher zwitterhafte Gesichtszüge mit zur dünnen Linie gezupften schwarzen Augenbrauen, 20er-Jahre Bubikopf, Hosenrock und verdammt sexy Strümpfe... Nach kurzer Verlegenheit beginnt das sich aufschaukelnde Begehren zwischen Orr und Abberlaine.
Doch der grießelige Fernseher in Orr's Unterkunft zeigt nur noch ein Bild: Das eines alten Mannes in einem Krankenbett, ab und zu eine vorbeihuschende Krankenschwester.

Wie ein Zwilling gebiert sich die Parallelgeschichte im realen Schottland, zwischen den Schauplätzen Edinburgh und Glasgow. Eine Liebes- und Erwachsenwerden-Geschichte die von der schnellen Emanzipation aus den Zwängen der Love Generation in die Siebziger und Achtziger hineingleitet. Eine Art 'Jules et Jim', ohne dass sich die beiden beteiligten Männer jemals begegnen. Die Frau, sie ist wie ein Vogel, viel zu ungebunden und genial, um sich in Strukturen pressen zu lassen. Doch alle Protagonisten haben gegen Schicksalsschläge nichts in der Hand...

Die Ebenen des Buches werden zusammenlaufen wie der Faden auf die Spindel. Alle Facetten der Erzählkunst Banks' leuchten in „Die Brücke“ komprimiert auf. Seine Reise durch Es, Ich und Über-Ich ist sympathisch und bei allem eine Suche nach Erlösung durch die Liebe.

Besprochene Ausgabe: Heyne | 1990

      
 
 
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