21.11.2017   Rezension, Buchbesprechung, Buchkritik   Literatur, Buch, Kritik         Iain M. Banks - Bedenke Phlebas: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Iain M. Banks - Bedenke Phlebas: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

* buchtipps buchkritik buchneuerscheinungen

Anzeige

- Bedenke Phlebas

(2014) - Orig.: Consider Phlebas (1987), engl.
Beginn der Turbulenzen
Klar durfte bei den Neuauflagen zum 50-Jahre-Science-Fiction-Jubiläum bei Heyne der viel zu früh verstorbene Schotte nicht fehlen. Dabei ist er in Großbritannien für seine Nicht-Genre-Werke bekannter.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 19.04.2014
Iain M. Banks - Bedenke Phlebas
Zoom Iain M. Banks - Bedenke Phlebas

"Iain M. Banks versah das Genre mit literarischen Weihen", heißt es denn auch gerne in den Klappentexten. Von diesem Nonsens-Satz hält sf magazin naturgemäß gar nichts, da wir Begriffe wie Hoch-Literatur schon immer ablehnten. Entweder ein Autor kann schreiben - oder nicht. In welcher Thematik ist völlig egal. Schrecklich, wenn Denis Scheck, vor wenigen Minuten im Radio, zum Tode von Gabriel García Márquez mit zwei uralten Kritikerinnen-Schachteln bespricht, "warum Márquez aus Themen der Trivialliteratur so viel rausholen konnte?" Doch Banks lebte in dieser Welt und hat sich ihr schlau angepasst: Seine Allgemeine-Literatur-Werke schrieb er als Iain Banks, seine Science-Fiction-Werke als Iain M. Banks, mit dem "M" in der Mitte.

Er scheute sich nicht, ab 1987, dem Erscheinungsjahr von "Consider Phlebas", die Strömungen innerhalb der Science-Fiction-Literatur fröhlich zu bündeln und gegenseitig zu slummen, falls man diesen augenzwinkernden neuen amerikanischen Begriff nehmen will, der eigentlich wiederum das Wildern der Allgemeinen Literatur in den Genre-Nischen meint. Science-Fiction sollte in den Siebzigern möglichst strikt politisch oder extrapolierend sein oder sich im neuen Feld Cyberpunk bewegen. Iain M. Banks ist ein politischer Mensch, was sich auf die Fragestellungen in seinen "Kultur-Zyklus"-Romanen auswirkt (deren erster hier besprochener ist), er liebt den Abenteuerroman und er liebt die Zukunft des Digitalen Zeitalters, dessen Geburt er so gerade noch erleben durfte.

Er war gut eine Generation jünger als SF-Ikone Ursula K. Le Guin und fügt deren Postgenderismus natürliche Leichtigkeit hinzu. Schwingen bei Le Guin noch Erwägungen traditionell-biologischer Familiengestaltung mit, findet sich das bei Banks nur noch als kaum hörbarer Nachhall. Ein Menschenkörper ist bei ihm nichts weiter als die Hülle für den Geist. Seine Reproduzierbarkeit ein Leichtes, sein Aussehen und Geschlecht Geschmackssache. Die Dekantierung des Geistes in die Hülle Start für eine neue Erfahrung, aber nicht für ein komplettes Leben. Ist es genug, bleibt der Weg in die komplette Virtualität. Das in der Literatur überstrapazierte Suchen nach Identität anhand der Wurzeln fällt aus; an die Stelle tritt die vorwärtsgerichtete Freude an der eigenen Existenz. Banks' Figuren haben dabei alles andere als ihre Erotik abgeschaltet. In "Bedenke Phlebas" beschreibt er den goldenen Flaum, mit der eine Kopfgeldjägerin ihren Körper von Kopf bis Fuß genetisch ausstatten ließ, so intensiv als könne man ihn fühlen ...

Und da ist freilich die Künstliche Intelligenz. Ebenbürtig. Nein, eigentlich überlegen - in Kraft, Geschwindigkeit, Zerstörungskraft. Doch in Banks ' Welt merkt man glücklicherweise, dass sie vom Menschen abstammt. So hat sie im Idealfall auch seine Ethik übernommen, und neigt sie zur Exzentrik, tragen ihre Verhaltensmuster doch soviel dazu bei, dass Mensch sie irgendwie überlisten kann. Aber würde sie sich doch mal über ihre einstigen Schöpfer hinwegsetzen, dann Gnade der Götter dem Menschengeschlecht ... Soweit will Iain M. Banks nicht denken. Er spielt schon gerne mit der Positiven Utopie, wie er immer wieder betonte.

Die "Kultur" ist Beispiel für den Wortwitz, mit dem Banks auch die Namen seiner Akteure belegt. Hier kommt kaum Zweifel auf, dass sich diese millionenalte Wertegemeinschaft verschiedener Rassen der Galaxie als die Guten verstehen. Mit den meist verschrobenen Künstlichen Intelligenzen, den "Gehirnen" (Minds, großgeschrieben im Orig.) kommt man gut klar. Sie sind hypermobil, hausen meist in gigantischen und gigantisch schnellen Raumschiffen und sind im Gegensatz zu Fleisch nahezu unempfindlich auf g-Kräfte. Das heißt, sie schaffen die Haupt-Action in Banks-Romanen, davon reichlich und sympathisch. Eine seine Meisterschaften ist es, in Worte zu fassen, was eine solche KI in einer Millisekunde denkt und tut. Das sind in schwarz auf weiß schonmal genüßliche 20 Buchseiten ...

Doch insgesamt ist "Bedenke Phlebas" noch nicht Iain M. Banks ' Meisterstück, obwohl es die "Kultur" erfindet. Deren Hochzeiten liegen in späteren Werken. Auf 730 Seiten der deutschen Ausgabe muss sich Gestaltwandler und tragischer Held 'Horza' durch manch Längen kämpfen. Doch vielleicht muss es so sein bei seiner Art von moderner Gralssuche. Und dieser Parzival ist schlicht ausgewählt, weil er fürs Agentendasein prädestiniert ist. Seine Kameraden sind tatsächlich nicht immer die ehrenwertesten, wenn er sich etwa auf dem Freibeuterschiff Clear Air Turbulence (sic!, wohl eines der einprägsamsten Plattencover der Siebziger) seinem Ziel annähert. Hinter dem Gral - hier sehr wehrhaft - und seinem Wissen sind die Bösen hinterher. Es ist aber dann doch irgendwie alles unter völliger (unsichtbarer) Kontrolle der "Kultur" und ihrer "Special Circumstances"-Abteilung. Und wird es auch in den kommenden Büchern des Zyklus bleiben.

>>> Mehr Bücher im Genre Space Opera ...

Besprochene Ausgabe: Heyne  |  2014  |  790 Seiten  |  Broschur*  |  € 9,99

Anzeige

Twittern *  @sfmagazin folgen * 
 * 
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
Weitere Buchbesprechungen:
Kurze Buchvorstellungen / Autor-Bio:
Erwähnung des Autors/der Autorin in Interviews/Essays:
 
sf magazin * Favoriten im Genre Space Opera:

Anzeige

blog comments powered by Disqus
 
 
+ sf magazin
Nexus
The Moon Is a Harsh Mistress
The Last Girl
Das Hexenmädchen
Brief Encounters with the Enemy: Fiction
Il Tuttomio
Pacazo
Non-aventures: planches à la première personne
Suddenly Something Happened