Hugo Loetscher, 1929 in Zürich geboren, war nicht nur mit seinem Landsmann Friedrich Dürrenmatt befreundet, sondern wird auch mit ihm und Max Frisch in einem Zug genannt, wenn es um Schweizer Autoren geht. Zwar schaffte es Loetscher, im Gegensatz zu seinen Kollegen, nicht zum Deutschunterrichtsklassiker, seine Arbeit fand aber schnell internationale Aufmerksamkeit. Loetschers Karriere begann als Journalist, nach dem Studium der Politikwissenschaften, Wirtschaftsgeschichte, Soziologie und Literatur in Zürich und Paris. Er schrieb u.a. für die Weltwoche und die NZZ und war Redakteur der Schweizer Kulturzeitschrift Du. Seit Ende der 60er Jahre war er als freier Schriftsteller und Publizist tätig. Er bereiste Lateinamerika, die USA, Indien und den Nahen Osten und verfasste neben Reisereportagen auch Romane, Erzählungen, Essays und Theaterstücke.
In seinem neuen Werk bedient sich Loetscher freimütig seiner inneren und äußeren Reisen. Lange Jahre als Journalist, Dozent, Publizist und Bibliophiler ließen den Alpenbewohner fremde Grenzen überschreiten und ferne Länder durchqueren. Es scheint kein Fleckchen auf der Welt zu geben, das er nicht zuletzt gedanklich bereist hätte. Schon der Bub Loetscher schickt kleine Holzscheite auf große Abenteuer durch die Sihl, den heimatlichen Fluss, der dem Sohn eines Schmieds als Spielgefährte dient. Ungeziert nutzt Loetscher solche Anekdoten um den Bogen zu späteren Reisen zu spannen. Aus den Ufern der Sihl werden innerhalb eines Absatzes die des Amazonas und schließlich zeichnen sich die Dattelpalmen am Horizont des Nil-Ufers ab. Zu neuen Ufern aufbrechen, andere Ufer und "uferlose Zeiten" sind sicherlich keine überraschenden Metaphern für einen reisegeprägten Lebenslauf. Loetscher schafft sich aber einen sprachlichen Grundton, der zwischen spitzbübisch und "intellektueller Großvater" schwingt. Er erzählt Geschichten aus seinem Leben, während er Geschichte erzählt.
Mit erzählerischem Einfallsreichtum, humorvoller und doch eifriger Wissens- und Gewissenshingabe schreibt er über eine "ungefragte Welt". Seine eigenen Erfahrungen sind die Nebenflüsse eines "Rio Mundo". Er berichtet von Kriegen, Megastädten, fremden Kulturen, von kleinen Ritualen und Massenbewegungen, von eigenen Empfindsamkeiten. Wie auch in seiner Prosa hat der Humanist in ihm einen besonderen Blick auf die Außenseiter, die kleinen Leute, die Unberührbaren. Loetscher setzt sich mutig mit privaten Themen wie der eigenen Homosexualität auseinander und schafft auch hier den ritterlichen Sprung in die große Welt, in die politische Moralität, um von Verfolgung, Folter und Tötung Homosexueller zu berichten. Aber er schreibt auch mit Begeisterung von den kommunikativen Neuerungen, die er zu einer seiner späteren Zeiten entdeckte. Und nicht zuletzt schreibt er über das Schreiben, das Festhalten von Gesehenem und Erlebten. Denn "Es sind die Füße, die den Boden erfinden. Aus einer ungefragten Welt eine gefragte machen." Hugo Loetscher verstarb am 18. August 2009, kurz bevor „War meine Zeit meine Zeit“ veröffentlicht wurde. Mit diesem Werk schuf sich der Autor eine würdige literarische und geografische Lebensbilanz.
Besprochene Ausgabe: Diogenes | 2009 | 416 Seiten | Festeinband* | € 21,90
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
2. Jonas-Philipp Dallmann: Notschek (2011)
3. Gavin James Bower: Dazed & Aroused (2009)
4. Ron Leshem: Der geheime Basar (2011) - Orig.: Megilat zchujot hajareach (2009), hebräisch
Martin Amis:
Die schwangere Witwe
Hanser, Festeinband
Shumeet Baluja:
Silicon Jungle
suhrkamp nova, Broschur
Moti Kfir, Ram Oren:
Sylvia Rafael. Mossad Agentin
Arche, Festeinband
Martin Amis:
1999
Rowohlt, Festeinband
Sorj Chalandon:
Die Legende unserer Väter
dtv premium, Broschur
Douglas Coupland:
Eleanor Rigby
Hoffmann und Campe, Festeinband
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