Hiromi Kawakami - Am Meer ist es wärmer - Eine Liebesgeschichte: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Am Meer ist es wärmer - Eine Liebesgeschichte

(2010) - Orig.: Manazuru (2006), japanisch
Kochen mit Kawakami
Egal, wie hart sich Figur 'Kei' um ihren vor 13 Jahren verschwundenen Ehemann grämt: Seelische Balance scheint man durch gutes japanisches Essen und Reisen ans Meer, nach Manazuru, zu bekommen.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 31.08.2010

Keis Tochter war drei Jahre alt, als Vater und Ehemann 'Rei' verschwindet. Jetzt ist die Tochter der Bockigkeit der Pubertät entwachsen und Mutter Kei, die Ich-Erzählerin, fällt wieder mehr auf sich selbst zurück. Fällt gar in eine Art Midlife-Crisis, denn im drei Frauen-Generationen umfassenden Zusammenwohnen mit Tochter und der stets schelmischen und ausgeglichenen Großmutter, ist sie es, die im Loch steckt zwischen Unbefangenheit der Jugend und zufriedener Abgeklärtheit des Alters. So dringt dieser Mann wieder in den Vordergrund, von dem sie nicht weiß, ob er tot ist oder untergetaucht ist. Aus zart erzählten Rückblenden erahnt man die tiefe Liebe Keis zu ihm. Eigentlich dachte sie damals, die Beziehung sei völlig in Ordnung...

Sie muss mal raus, könnte man denken, als Kei spontan an ihrem Wohnort Tokio einen Zug nach Manazuru nimmt, ein ehemaliger Fischerort, zwei Stunden entfernt. Doch schnell gewinnt „Am Meer ist es wärmer - Eine Liebesgeschichte“ eine magische Komponente hinzu. Eine nur schemenhaft wahrnehmbare fremde Frau wird Kei immer wieder nach Manazuru zurückziehen. Und in einer Art projezierter Visionen aus der Vergangenheit wird sie Kei zeigen, dass diese damals durchaus einige Zeichen in Bezug auf Ehemann Rei wahrnahm, aber vermied oder versäumte, sie zu deuten.

Hiromi Kawakami 's Sätze liegen oft wie eine leichte Oszillation in der Luft. Schwebend sind Beiläufigkeiten zwischen die Gedanken Keis gewebt, wie etwa japanische Gebräuche, Gegenstände, Gewohnheiten, und, immer wieder, Essens-Gerichte.

Der Koch hatte die Makrele nicht wie sonst üblich gehackt, sondern in kleine daumennagelgroße Stücke geschnitten, die mit Shisoblättern und gehacktem Inwer garniert waren. Die Masse hatte eine angenehm reichhaltige Konsistenz, sie musste eine Weile in Soja-Marinade eingelegt gewesen sein. Dazu gab es Misosuppe aus Fischfond und eine großzügig bemessene Schale Reis. Ich aß restlos alles auf.

Geisterwelt und Großmutter - die nicht mitfahren will nach Manazuru, der Ort sei ihr „zu stark“ - scheinen mehr zu wissen als Kei, die erst spät einen Hinweis auf Manazuru im hinterlassenen Tagebuch Reis findet. Wenn Kei der einzige Gast in einer Pension ist, allein im Ofuro, dem japanischen Bad, vor sich hin dampft, Fischrestaurants ausprobiert und am Strand schlendert, erzählt Kawakami so zart, als wenn sie sich nur ganz vorsichtig der Welt nähern wölle, als könnte unter ihrer Berührung irgendwas zerspringen. Das ist sehr beeindruckend und tröstet über die etwas angestrengt wirkenden Begegnungen mit der Geisterwelt hinweg. Toll ist das schlafwandelnde Gefühl in der Real-Welt, schlafwandlerisch sicher umgesetzt mit den vielen Details, die wiederum ein festes Fundament geben. Und Selbstsicherheit wird auch Kei endlich wieder erlangen durch ihre Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit, dem Sich-Stellen, auch wenn es das Akzeptieren von Banalem beinhaltet wie „Jemanden zu mögen war wohl nicht Grund genug, um mit ihm zusammen zu bleiben.“

Besprochene Ausgabe: Hanser | 2010 | 208 Seiten | Festeinband* | € 18,90
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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