
Endlich, nach dem tiefen Sommerloch zwischen den beiden Buchmessen, Gutes aus deutschen Landen. Nahtlos in Verortung und Qualität etwa an Johannes Groschupfs im März erschienenes Berlin-Opus „Hinterhofhelden“ anknüpfend. Freilich sehr anders, hat doch Krausser schon ein paar mehr Bücher auf dem Buckel. Für Kreuzköllner, diese Berliner Sub-Spezies um den Landwehrkanal herum, und Berlin-61er ein Muss, für alle anderen eine allgemeingültige Bestandsaufnahme zum Thema Zweisamkeit - wie man sie erreicht, wie man sie wertet oder überbewertet.
Und das als Episodenroman, eine Form, die ihre Tücken hat. Krausser umschifft alle Klippen. Jede einzelne Episode, selbst wenn nur zwei oder drei Seiten lang, ist vollmundig und süffig, in sich ganz und fest, wie ein schöner Fels. Cliffhanger included. Da plätschert nichts dahin. Auch nicht bei den Episoden um eher bürgerliche Protagonisten. Das geht Zacki-Zacki-Zacki, es sind die Kernfragmente und -dialoge, die Krausser aus ihrem Alltag herausgreift. Ein Kondensat, gewonnen aus dem Punkerdasein, der Neuzugezogenen, der Geschäftsfrau, dem Double-Income-No-Kids-Paar, dem arabisch-stämmigen Jugendlichen, dem geschassten Lateinlehrer und Single, der dicken GI-Nachfahrin und Barkeeperin etwa.
Und lustig ist es, Krausser scheint denken zu können wie junge Migranten, als ob er es vielleicht als behäbiger Torwart auf dem Bolzplatz von ihnen gelernt hätte. Er äfft Punks nach, als hätte er dafür tagelang neben der Nuttenbrosche am Alex recherchiert. Eher war er wohl selbst mal einer.
Er zeigt die mannigfaltigen Beschaffungs-Möglichkeiten von Liebe, falls erstmal nur
körperlich, dann mit nicht ausgeschlossenen mentalen Folgewirkungen. Das beginnt mit unbeholfener, kindlicher Direktheit, einem Vorgehen, das noch nicht von Überzivilisiertheit zugedeckt ist, so etwa bei den liebevoll tumb gezeichneten Punks oder bei einem arabisch-stämmigen Jugendlichen, Jungfrau. Dessen Vorgehen hat vermeintlich erst mal nichts mit Romantik zu tun. Er spart sich bei einem wildfremden Mädchen den Spruch „Willst Du mit mir gehen?“ und sagt gleich „Ich geb Dir 100 Euro, wenn ich Dich lecken darf.“ Nur leicht brüskiert reagiert die junge Frau, aber im Endeffekt ist sie geschmeichelt und es wird sich nach Tagen des Kokettierens etwas entwickeln. Also doch Romantik. Kreuzberger Jugend und Punks nimmt Krausser als Prototypen für eine nicht verkopfte und verquaste Herangehensweise ans Thema. Willst Du, oder nicht? - ohne Drumherumreden. Die anderen, die „Zivilisierten“, sind in ihren Augen Schwuchteln oder deutsche Kartoffeln. Den berühmten Spruch „Ich komm aus Kreuzberg, du Muschi“ aus einem Dokumentarfilm reißt ein deutsches Mädchen zu einem sie langweilenden deutschen Jungen am Telefon.
Krausser dreht auch Rollenbilder um. So geht in seinem Roman kein einziger Mann in den Puff, aber zwei Protagonistinnen lassen sich Callboys kommen, als das Natürlichste der Welt. Der Anruf in der Agentur wird wesentlich freundlicher und zuvorkommender entgegengenommen, als etwa einer beim Pizza-Service. Doch eine der Frauen findet einen Callboy interessanter als ihr lieb sein darf. Komplizierte (Liebes-)Welt: leider hat der eine Freundin und starke Prinzipien. Genau das reizt; also wäre der Typ rational betrachtet, unter anderen Berufsumständen, nichts weiter als vielleicht gutaussehend?
Ein nächster Strang des kraftvollen Buches spielt in einer Offenen Ehe oder, besser, halb-offen, denn nur Mann geht fremd, legt das Ehefrau auch offen, diese selber hat jedoch erst mal - denkt sie - gar nicht gesteigertes Interessse sich ihrerseits mehr Sex zu besorgen, sie denkt, so wichtig wäre der nun auch nicht. Tja, auf die Form kommt es an! Und so findet auch Ehefrau noch ihre Erfüllung, wenngleich nur bedingt mit ihrem Ehemann.
Ekki und Minnie finden sich ganz langsam und altmodisch und abtastend, wenngleich nicht ohne dunkle Geheimnisse. In „ihrer“ Kneipe laufen denn auch die Fäden der Einzelepisoden zusammen. So: Man kennt das Unsägliche bei so etwas aus Film oder Buch - der Autor versucht eine Bedeutungsschwere hinzudrexeln, die verschrobener ist als die Quantenverschränkungstheorie...
Helmut Krausser nicht. Er lässt den Zufall Zufall sein. Im wirklichen Leben haben wir oft an den Zufällen unsern meisten Spass, wir berichten über sie an den Kneipenabenden im Freundeskreis. Also darf Krausser in der Fiktion Zufall an Zufall bunkern, um uns zum Lachen zu bringen.
Ein Teil der Presse wird „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ als Mahnung vor zuviel Beliebigkeit deuten. Das Gute am Buch ist in der Tat, dass Krausser nicht kommentiert. Wie er selber zu seinen Figuren steht wird er nicht preisgeben, weil er schlau und ein Beobachter ist. Zucht und Religion haben über tausende Jahre hinweg unser Beziehungswesen überreguliert. Das ist mächtig aufgebrochen und mag manch einen etwas orientierungslos dastehen lassen. Soviel wird man objektiv sagen dürfen. Doch wer mit seinem Partner leben möchte wie die Tauben, kann das nach wie vor unbehelligt tun. Gott, wessen und welcher auch immer, sei Dank.
Ach ja: Deutsche, lernt Kickboxen! Wir wollen nicht mehr die Schwuchteln sein in den Augen anderer. Wir integrieren uns andersrum! Die amüsante Episode zum Thema müssen Sie selber lesen.
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Besprochene Ausgabe: Dumont | 2009 | 240 Seiten | Festeinband* | € 19,95
* Festeinband: harte Buchdeckel
/ Broschur: weiche Buchdeckel
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1. Scott Spencer: Während des Sturms (2010) - Orig.: A Ship Made of Paper (2003), engl.
2. Todd Hasak-Lowy: Schlecht beraten durch Rabbi Brenner (2010) - Orig.: Captives (2008), engl.
Hiromi Kawakami:
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