Bei den ersten ein, zwei Stunden des Anlesens von Helmut Kraussers "Die letzten schönen Tage" mag man vermuten, einen Episoden-Roman vor sich zu haben. Denn schon innerhalb weniger Seiten offeriert Krausser seine Lieblingsthemen Liebe und Sex bei gleich drei Figuren-Grüppchen, säuberlich eingeteilt in die Lebensabschnitte Jung, Mittleres Alter, Bestes Alter - Letzteres also einfach alt, mal stumpf eingedeutscht aus dem stets euphemisierenden Angelsächsischen. Doch da führt er einen etwas von der Fährte ab, denn das junge und das alte Extrem bilden einen schönen, verstärkenden Rahmen um die Dreiecksgeschichte von 'Kati', 'Serge' und 'David', allesamt im mittleren Alter, die im Kern des Buches liegt.
Alter schützt vor Hackerei auf der Seele des Partners nicht; so lassen die Mittsechziger 'Lisbeth' und 'Jule', eigentlich nur gute Freundinnen, während eines gemeinsamen Urlaubs ihrer gegenseitigen erotischen Zuneigung freien Lauf. Genauso schnell wie die gekommen ist - man hatte Angst, etwa zum ersten Mal zusammen im Hotel-Doppelbett zu übernachten, Peinlichkeiten wie Schnarchen fürchtend, doch alles läuft harmonisch -, ist man auch genervt von den kleinen Ticks und Phobien und Alltags-Festgefahrenheiten des jeweils anderen. 24/7-Urlaubssituation lässt grüßen. Liebe schlägt um in Verletzung ...
Neidvoll scheint Helmut Krausser auf die Unbefangenheit und das Abhandensein von Liebesstruktur bei den Teenagern zu schauen. Alle Dinge macht man zum ersten Mal, und mit fortschreitendem Alter wird dieses Erste Mal leider immer seltener. Die Liebesdinge als Kid lassen sich mit einem Prickeln und einer Spannung an, deren Qualität in nichts anderem jemals im Leben wieder auftauchen wird. Das mag ungelenk verlaufen, schäbig, völlig romantikbefreit - aber immer völlig direkt, unschuldig und ohne Struktur oder Richtung. Rückschläge und Gefühlsverletzungen steckt Jugend noch weg wie ein Schwamm, um zur nächsten Erfahrung aufzubrechen. All dies in der fünfseitigen Eingangsepisode von "Die letzten schönen Tage".
Dazwischen nun, liegt Kater 'Johnson'. Der gehört Jule und während deren Urlaub passt Sohn David auf ihn auf. Er bleibt die einzige direkte Verknüpfung zwischen den Episoden. Krausser liebt eher zwischen den Zeilen frei schwingendes Fluidum zwischen seinen Geschichtlein, Interpretations-Freiheitsgrade, ums thermodynamisch auszudrücken. Hauptfigur wird Serge, Werbe-Texter und eigentlich Lebenspartner von Kati. Doch die schläft lieber mit Serge's Arbeitskollege David. Bei dem stimmt einfach der Sex. Serge steigert sich nach zwanzigstem verhassten Todestag der Mutter, Erfolgsdruck bei gleichzeitiger inspirativer Ladehemmung und der Erkenntnis des Fremdgehens von Kati in den typischen Wahn des Halb-Künstlers, namentlich aus der Kategorie der "Kreativen". Die müssen ja schon abdrehen, allein ob dieser Wortschöpfung und des Anspruchs, der daraus an sie gestellt wird. Das soll man mal einem Maurer erklären, warum seine Wand keine Kreation ist. Oder dem Floristen, und so fort. Hier in Berlin - und damit auch beim Berliner Helmut Krausser - ist Werbe-Fuzzis-Schassen besonders beliebt; vielleicht haben sich deshalb auch nur wenige namhafte Werbe- und Marketingagenturen in die Hauptstadt verirrt - wer Gutes will, ruft lieber in Hamburg oder München an ...
Dieser Serge pflegt Narzissmus und übersteigerte Selbstreflexion, und so kann es ihn nur rasend machen, herauszufinden und sich letztlich eingestehen zu müssen, dass er Partnerin Kati sexuell nicht glücklich macht und das auch nicht erreichen wird können. Seine Versagensängste sind verbildlicht durch die klaustrophobische Situation, seinem Chef noch für einen Kunden im Segment Halterlose Strümpfe wenige Tage vor Weihnachten bis eben dann einen umwerfenden Werbe-Claim zu liefern. Halterlose Strümpfe sind ja nun wohl ziemlich das erotischste Kleidungsstück, dass Mann sich vorstellen kann. Welch ein Schalck, der Krausser.
Allzu nah kommt man freilich nicht an seine Figuren heran, da sie schon eher karikiert sind und allesamt nicht sehr helle wirken. Doch Geschwindigkeit der Geschichte und Helmut Kraussers Wortwitz und abgehangener Sarkasmus entschädigen und machen "Die letzten schönen Tage" zu einem kurzweiligen Buch.
Besprochene Ausgabe: Dumont | 2011 | 200 Seiten | Festeinband* | € 19,99
Twittern
1. Manfred Rumpl: Das weibliche Element - Sechs Stories (2012)
2. Bettina Balàka: Kassiopeia (2012)
3. Virginie Despentes: Apokalypse Baby (2012) - Orig.: Apokalypse Bébé (2010), französisch
Pierre Wazem, Tom Tirabosco:
Im Dunkeln
Avant-Verlag, Broschur
Toine Heijmans:
Irrfahrt
Arche, Festeinband
Virginie Despentes:
Apokalypse Baby
Berlin Verlag, Festeinband
Florian Scheibe:
Weiße Stunde
Luftschacht, Festeinband
sf magazin lebt von Werbung. Sie haben keine Berechtigung, diese Site mit eingeschaltetem Ad-Blocker (Werbeblocker) zu surfen!
>>> Mehr Info ...