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 23.05.2012         Heidrun Jänchen - Simon Goldsteins Geburtstagsparty: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Heidrun Jänchen - Simon Goldsteins Geburtstagsparty: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Simon Goldsteins Geburtstagsparty

(2008)
Angst vorm Gelben Schwanz
Computernerds, Meinungsverdreher, ein Schauspieler als Präsident und ein Ex-Geheimdienstler tummeln sich in Heidrun Jänchens Erstlings-Roman „Simon Goldsteins Geburtstagsparty“  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 14.04.2009

Der schwankt zwischen den Genres Cyberpunk und Negative Utopie. Untypischerweise sind die „Punks“, die mit Virtualitäten die Realität zu beeinflussen suchen, die staatlichen Stellen und die offiziellen, seriösen Medien. Doch Jänchen lässt ihre Figuren alsbald in den Schoß des Untergrundes abtauchen, wo sie laut Genre hingehören. Rebellion mit Hilfe der Mittel des Feindes, der gestern noch der Brötchengeber war, ist das Motto. Nicht fehlen darf an erster Stelle der Computernerd, der am staatlichen 'Institut für Medienforschung' mit seinen Programmierkenntnissen ein kleiner Soldat ist, der den Schaltheblern der Macht willfährig hilft, den 'Webspace' nach ausnutzbaren und unerwünschten Meinungsströmungen zu erforschen und mit einer ganzen Batterie automatischer Blog-Bots reagieren kann: öffentliche Meinungsbilder zerstören oder aufbauen kann. Das Institut scheut sich auch nicht, für real vorgegaukeltes Video- und 3D-Material zu produzieren.

Wir sind etwa in 2050 und die EU ist gestern. Jänchen entwirft ein Bild von einer verbliebenen 'Inneren EU' und sie umkränzenden blocklosen Staaten. Sie setzt das dem Leser als Rahmengerüst so hin, es ist aber auch nicht der Kernpunkt ihres Buches. Der ist vielmehr Überwachungsstaat und aggressive Meinungsmanipulation, wobei der ungewöhnliche Ansatz ist, dies in formal demokratischen Staaten spielen zu lassen, die vom Großteil der Bewohner nicht als totalitär empfunden werden. Die Verteilung der wenigen Arbeit scheint völlig aus dem Ruder und Rentner ziehen als Banden um die Häuser. Dieses Szenario beißt sich mit der Willfährigkeit der Bewohner, sich von Newsfeeds, Blogs und 3D-TV berieseln zu lassen. Zum einen hätten nur wenige schicke Pad-Folien, also Weiterentwicklungen von Laptops, und keiner würde sich von einer wie auch immer gearteten verschwommenen Regierung verarschen lassen.

„I in Threesome“ ergibt sich, als Computernerd, eine resolute Reporterin aus dem Holze einer Antonia Rados und ein Ex-Terrorist, der im Geheimdienstauftrag quer durch Europa vermeintliche Separatisten-Bomben legte, zur Besinnung kommen und sich ihrerseits verschwören, um nichts weniger als einen Welt-Rettungsplan umzusetzen. Die Thriller-Elemente beherrscht Jänchen gut, vor allem Motive wie Flucht und Untertauchen. Allerdings verzichtet sie ab der Hälfte des Buches auf Hakenschlagen und Wendungen der Geschichte und bewegt sich recht linear auf die seltsam reibungslos ablaufende Welt-Verschwörung der „guten“ Verschwörer zu. Entsprechend mechanisch bleibt der Lesegenuss für den Rest des Buches.
Eine eigentümliche Art Feminismus durchweht das Buch. Krampfhaft wird Körperlichkeit zwischen den Protagonisten vermieden. Die ist dem Ex-Terroristen durch eine Gehirnwäsche für alle Zeiten vergällt und dem Computernerd, weil seine neue Freundin von Anfang an todkrank ist. „Schwanzdenken“ scheint die Quelle allen Übels, so auch bei einem Marien-Kult in einem Entwicklungsland, der Männer aus Angst vor AIDS entweder entmannt oder wegschickt. Bei einer Aktivität einer der als gut eingestuften Verschwörerinnen, kann man nur hoffen, dass sie um der verqueren Romanwelt willen eingebaut ist und nichts von der Autorin wiederspiegelt: Sie unterstützt chinesische Terroristen, mit der Absicht, industrielle Produktion und Auslagerung industrieller Produktion anderer Staaten nach China teurer und nicht mehr lohnenswert zu machen, also um Arbeitsplätze wieder zurück nach Europa zu holen.
Heidrun Jänchen hat sich bisher durch Kurzgeschichten einen Namen gemacht. Die dort notwendige Technik des Ankratzens von Charakteren oder Zusammenhängen, um das Ausfüllen der Zwischenräume der Vorstellungskraft des Lesers zu überlassen, lässt sich auf einen Roman nicht ohne weiteres übertragen. So bleibt „Simon Goldsteins Geburtstagsparty“ eine passable Verschwörungs-Story, die nicht in eine glaubhafte Lebewelt eingebettet ist.

Besprochene Ausgabe: Wurdack | 2008 | 350 Seiten | Broschur* | € 12,95


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
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