Kalifornien ist einer der geschichtsträchtigsten Staaten der USA. In Schnelldurchlauf seien erwähnt die Studenten der Berkeley-Uni, die früh die Aktionen der Civil Rights Movement unterstützten, und, als die Uni dies unterbinden wollte, die Free Speech Movement 1964 ins Leben riefen. Ein Ableger dieser wiederum sind die legendären Yippies (Youth International Party), eine der schillerndsten Alternativbewegungen im Kreise der Anti-Vietnamkriegs-Gruppen. Später kommen die Schwulenrechte-Bewegung Pink Panthers, aber auch radikale Auswüchse wie Frauengruppen, die Männer grundsätzlich abschaffen wollen. 1967 schließlich konvergieren Hippies und Anti-Vietnamkrieg-Bewegung zum einen Summer of Love in San Francisco, zu einem Zeitpunkt, als die zukünftigen 68er in Frankreich und Deutschland noch in Winter-Stasis hocken.
Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht lehrt an der zweiten großen Uni Kaliforniens, der Stanford University, in Stanford, Nähe San Francisco. Der aus Würzburg stammende lebt dort seit zwanzig Jahren und hat einen amerikanischen Pass. Schon lange vorher, bei seinen ersten Reisen, verliebt er sich in das Land und weiß fortan, dass es einmal seine Heimat werden soll. Oft macht er mit Familie Ausflüge in den nahen Yosemite National Park und fährt nah am Kaff Modesto vorbei, in dem der Filmklassiker „American Graffiti“ spielt.
Der Essay-Band „California Graffiti - Bilder vom westlichen Ende der Welt“ nun, umfasst 14 Texte, die ursprünglich in den Magazinen Merkur, Kursbuch, Literaturen und Internationale Politik zwischen den Jahren 1993 und 2009 erschienen sowie eine larmoyante Schlussbetrachtung, „Amerikaner sein“, die Gumbrecht wohl eigens 2009 für das Buch verfasst hat. Gumbrechts „Graffitis“ sollen dabei bei weitem kein umfassendes Kalifornien-Kompendium bilden, das können die einzelnen Essays und auch ihre Gesamtheit nicht leisten. Es sind sehr subjektive Alltags- und Gesellschaftsbetrachtungen eines Mitglieds der „oberen Mittelschicht“ - so würde Gumbrecht sich selber sehen. Und von dieser privilegierten Warte herab seziert der „kalifornische Heimat-Romantiker“, so Gumbrecht, das US-amerikanische Universitätssystem mit seiner „demokratischen Aristokratie“, die „gepflegt-reflektierte Selbstzuwendung“ der Bürger, die letzten steinalten und zahnlosen Hippies in Berkeley in einem Artikel von 1993, das seiner Meinung nach unsägliche Mitbring-Gericht potluck, den Charakter der US-amerikanischen Religiösität oder American Football - wenn auch eher seine Stellung im gesellschaftlichen Gesamtbau denn in all seinen Regeln. Fürderhin macht er Versuche, etwas so abstraktem wie der Volksseele mit den Filmen der Der Pate-Trilogie als Lehrmaterial beizukommen. Der Rezensent ist kein Fan dieser Filme und hat als einzigen Film-Schnipsel den abgeschnittenen Rennpferd-Kopf im Kopf. Auf Gumbrecht muss der gar prägend gewesen sein, er erzählt den Hergang der Szene gleich in zwei der Essays und philosophiert über San Francisco, New York, „America“ und Der Pate in insgesamt vieren!
Das Sich-Nähern an die Volksseele schafft Gumbrecht in charmanten - und oft gleichfalls akribisch genauen - Abhandlungen etwa zum Phänomen Trailer-Parks, prefab homes sei wohl der mittlerweile gebräuchlichere Ausdruck, oder zum American Football.
Seine Neugier über Ersteres kann er mit Hilfe einer Kollegin befriedigen, von der er sich in ihr prefab einladen lässt. Respekt!, für den Football-Essay, der der beeindruckenste des Buches ist:
Dann entfaltet sich das Spiel als ein Alternieren von langen Auszeiten, in denen Trainer und Spieler die Strategie ihrer nächsten Züge festlegen, mit je wenigen Sekunden explosivster Kraftentfaltung.
Er sieht das Spiel der Feldspieler und Cheerleaderinnen und dem, was auf den Tribünen abgeht, als Analogie zur Gesellschaft im Großen. Nur logisch beschreibt er wehmütig, wie sich die Seniors über ihre zukünftigen Colleges unterhalten und dass sie dort wohl keine Chance haben werden, weiterhin Football zu spielen. „Denn jenseits der Highschool liegt das andere - und zugleich dasselbe - amerikanische Leben“ schließt Gumbrecht den Essay. Wir haben auch endlich gelernt, warum in jedem US-Teenie-Film der Quarterback der Highschool alle Mädchen abgreift, er ist nämlich „Präzisionswerfer und Gehirn der Mannschaft“. Das assoziiert bei Mädchen dann wohl auch Präzisionsstecher.
Hans Ulrich Gumbrecht liebt das forcierte Bemühen seiner neuen Landsleute, auch den Neu-Kalifornier sofort zum Voll-Kalifornier zu machen und den Begriff Minderheit erst gar nicht aufkommen zu lassen. Er versteht die Beliebtheit der Gegend trotz der Erdbebengefahr, denn eine Gesellschaft, deren Prinzip „Formbarkeit als Bereitschaft zu strukturellem Wandel in jedem Moment“ sei, brauche wahrscheinlich die permanente Herausforderung.
Freilich, manchmal überzieht der Herr Professor im Fabulieren über die Realität. Absätze wie
Weil Intellektuelle alten Schlages Virtuosen entgrenzter Selbstbeobachtung sind und außerdem verstanden haben, dass es, fast wie die vielenvielen Smarties, eine Pluralität von Welten gibt, deren Eigengesetzlichkeiten sich nicht so leicht überspringen lassen, weil sie als unter dem Privileg leiden, so viel gedanklich schweres mit sich tragen zu dürfen, fühlen sie sich in der Rolle des Touristen ganz schlecht.
bleiben auch nach dem fünften Lesen einfach Luft. Doch nur die älteren Texte aus den Neunzigern sind stellenweise so verschwurbelt und oft ungeordnete Gedanken-Ketten, vielmehr -Sprünge. Die Texte der Nuller-Jahre sind zugänglicher, informativer und bringen ungetrübten Lesespaß. Ein Mensch hat eben Phasen...
Besprochene Ausgabe: Hanser | 2010 | 176 Seiten | Festeinband* | € 15,90
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