22.02.2019   Rezension, Buchbesprechung, Buchkritik   Literatur, Buch, Kritik         Hans Pleschinski (Hrsg.) - Nie war es herrlicher zu leben - Das geheime Tagebuch des Herzogs von Croÿ: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Hans Pleschinski (Hrsg.) - Nie war es herrlicher zu leben - Das geheime Tagebuch des Herzogs von Croÿ: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

* buchtipps buchkritik buchneuerscheinungen

Anzeige

- Nie war es herrlicher zu leben - Das geheime Tagebuch des Herzogs von Croÿ

(2011)
Deutschland- und Versailles-Bashing auf edelstem Niveau
Die oft als regional wahrgenommenen Kriege des späteren "Alten Fritz" involvieren fast alle europäischen Mächte. Drumrum tobt ein Weltkrieg um die Kolonialgebiete. Zwischen Versailles und tausend anderen zivilen und militärischen Fronten pendelt der Duc de Croÿ und schreibt Tagebuch nur für sich selbst. Umso spannender.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 12.08.2011
Hans Pleschinski (Hrsg.) - Nie war es herrlicher zu leben - Das geheime Tagebuch des Herzogs von Croÿ
Zoom Hans Pleschinski (Hrsg.) - Nie war es herrlicher zu leben - Das geheime Tagebuch des Herzogs von Croÿ

Emmanuel Herzog von Croÿ erlebt noch die ersten Flüge von Ballons der Gebrüder Montgolfier und stirbt wenige Monate später, im Jahr 1784. Also etwa fünf Jahre vor der Französischen Revolution. Was hätte er darüber gedacht, hätte er sie noch er- und überlebt? Jemand, der 1774 zum Tod Ludwig XV. bewundernd schreibt, in seiner Regierungszeit hätte die Bevölkerung um drei Millionen (!) zugenommen und die Ernteerträge hätten sich verdoppelt. Jemand, der eher mit den Sparmaßnahmen des nach oben erwähnten Kriegen bankrotten Frankreichs haderte, der den Freihandel zu abrupt eingeführt sieht - und sich nur wundern kann über die sich vervielfachenden Getreidepreise, verursacht durch Spekulation und Export. Jemand, der von Lebensabschnitt zu Lebensabschnitt das Höfische Leben in Versailles mal genießt, mal als notwendiges Übel bei der Karriereplanung und Zukunftssicherung der Familie sieht, und nicht zuletzt oft genug das Prinzip der Vetternwirtschaft, hier im wahrsten Sinne des Wortes, gründlich satt hat. Selbst Emmanuel Herzog von Croÿ hätte die Heftigkeit der Revolution, eine Angelegenheit, die naturgemäß auch die schlechtesten Seiten im Menschen überproportional verstärkt, nicht vorausgesehen. Er kennt und schätzt Rousseau und Voltaire und macht sogar Benjamin Franklin ausfindig, als dieser im Geheimauftrag für die soeben gegründeten USA in Paris verhandelt. Er bewundert alles Neue und stürzt sich in die Wissenschaften, sobald es Friedenszeiten und seine Kommandantur in der Picardie, im Calaisis und dem Boulonnais zulassen. Und freilich ist er gleichzeitig Aristokrat und Militär durch und durch: Ständig gibt es Ausbauten und Verschönerungen an den diversen Landsitzen seiner Familie. Ihm geht das Messer in der Tasche auf, wenn Sparmaßnahmen den Prunk des Militärs betreffen (Na ja - an anderer Stelle schreibt er, alle europäischen Mächte müssten die nüchterne Effizienz des preußischen Militärs erreichen ...)

In den 1740er-Jahren bereist er den Westen Deutschlands. Er ist auch zur Kaiserkrönung Karls VII. geladen. Die beschriebenen mehrtägigen ausufernden Feiern in Frankfurt stehen in krassem Gegensatz zum Bedeutungsverlust des Heiligen Römischen Reiches. Zwar ist de Croÿ begeistert aus einer Art universellen Verbundenheit des Adels heraus, doch bei Reisen durch Hessen und durch die Pfalz kanzelt er unumwunden den schlechten Zustand von Städten und Straßen ab - wobei die Pfalz erst wenige Jahrzehnte zuvor in einem der ersten moderneren Verbrannte-Erde-Kriege von Ludwig XIV. verwüstet wurde, was de Croÿ ganz klar verurteilt. Eher wird Deutschland als breites Glacis betrachtet, zwischen den Bourbonen und den Habsburgern, in dem man "in den Tiefen" seine Armeen plazieren kann. Am Süffisantesten an den Reisen sind die genauen militärischen Beobachtungen. Man weiß nie, welchen Fürsten mit welchen Befestigungsanlagen man morgen als Verbündeten hat ... zum Beispiel zusammen gegen Friedrich II. von Preußen. Den unterstützt man ja zuerst, ist er doch durch die Österreichischen Niederlande vom gemeinsamen Feind Habsburg umklammert. Die kommende Madame Pompadour wird den Spieß umdrehen. Für den deutschen Leser sicher der spannendste Strang der Tagebücher.

Gerade um den Marschall-Titel hatte de Croÿ jahrzehntelang gekämpft. Das heißt, immer wieder Memoranden verfassen, diese den richtigen Leuten vorlegen, möglichst Ministern oder am besten der Pompadour, wenn man sie bei irgendeiner Gelegenheit abpassen kann. De Croÿ sinniert, sie müsse wohl etwa tausend Memoranden pro Tag bearbeiten. Das lustvolle Aristokratenleben mag sich zwar auf Landschlössern wie Chantilly abspielen, Versailles selbst erscheint in seinen Berichten jedoch wie ein maßlos überfüllter Bienenstock mit kaum Freiheiten für den mehrtausendköpfigen Hofstaat. Selbst "Lever" und "Coucher" des Königs dienen zum Informationsaustausch. Politik in Unterwäsche.

Auch puncto Mätressenwesen muss de Croÿ über seinen Schatten springen. Er ist gläubiger Katholik, hat es also zu verurteilen, und fügt sich trotzdem dem Realen. An der Marquise-Duchesse de Pompadour, ehemals Jeanne Antoinette d'Etoiles, schätzt er Gedächtnis, Gutherzigkeit und Arbeitspensum. Auch mit Madame du Barry kommt er nach anfänglichem Zögern klar.
Ausführlich berichtet de Croÿ vom Besuch des Kaisers Joseph II., ein Jahrhundertereignis, jedoch auch einfach notwendig, weil er seine spiel- und feiersüchtige Schwester Marie Antoinette kontrollieren soll ...

Die Tagebücher enden mit den Zeichen der Zeit. Die Bürger Montgolfier und nicht Adelige bringen Technologie, die Thirteen United States of America, wie sie anfänglich heißen, werden sich bald eine Verfassung unter Berücksichtigung der Prinzipien der Aufklärung geben. Frankreich unterstützt die USA und treibt sich selber einen weiteren Sargnagel für sein eigenes überholtes System ein.

Nein, trotz reißerischem Buchtitel hat "Nie war es herrlicher zu leben - Das geheime Tagebuch des Herzogs von Croÿ" weder etwas von Choderlos de Laclos, noch von Marquis de Sade oder Casanova. Denn es ist nicht in Hinsicht auf eine Veröffentlichung geschrieben worden, sondern sollte einfach im Familienbesitz bleiben. Herausgeber Hans Pleschinski hat etwa ein Viertel ausgewählt und übersetzt. Es ist absolut flüssig zu lesen. Nun denn, wenn also der Buchtitel und der sexy 18.-Jhdt.-Damenschuh auf dem Cover mehr Käufer lockt, so ist das wünschenswert.

Jeder Leser wird andere Facetten betrauern, die Herausgeber Pleschinski nicht oder gekürzt mit rein genommen hat. So hätte der Rezensent gerne mehr erfahren über den Feldzug, auf den de Croÿ seinen vierzehnjährigen (!) Sohn, Kavalleriehauptmann, mitnimmt. De Croÿ soll in solchen Zeiten auf jedes verfügbare Papier geschrieben haben, so auf Spielkarten etwa. Doch Militärisches hat Pleschinski nicht aufgenommen, wie er im Nachwort schreibt. Man kann jedoch erahnen, dass diese Anteile in den jüngeren Jahren de Croÿ 's überbordend waren.

Emmanuel Duc de Croÿ, Fürst des Heiligen Römischen Reichs, Prince de Solre-le-Château und Fürst zu Moers, Graf von Büren etc., Baron de Condé, de Maldeghem, de Beaufort etc., Marschall von Frankreich, Erbgroßjägermeister von Hennegau, Grande von Spanien Erster Klasse, Ritter des Ordens vom Heiligen Geist, Gouverneur von Condé, Kommandant Seiner Majestät in der Picardie, im Calaisis und im Boulonnais, verstarb am 30. März 1784.

>>> Mehr Bücher Allgemeine Literatur ...

Besprochene Ausgabe: C. H. Beck  |  2011  |  432 Seiten  |  Festeinband*  |  € 24,95

Anzeige

Twittern *  @sfmagazin folgen * 
 * 
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
Kurze Buchvorstellungen / Autor-Bio:
 
sf magazin * Favoriten im Genre Allgemeine Literatur:

Anzeige

blog comments powered by Disqus
 
 
+ sf magazin
Nexus
The Moon Is a Harsh Mistress
The Last Girl
Das Hexenmädchen
Brief Encounters with the Enemy: Fiction
Il Tuttomio
Pacazo
Non-aventures: planches à la première personne
Suddenly Something Happened