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Hannu Rajaniemi - Quantum: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Quantum

(2011) - Orig.: The Quantum Thief (2010), engl.
Scharlatane unter sich
Anti-Sherlock-Holmes Arsène Lupin ist der Lieblingsdetektiv vom finnischen Autor Hannu Rajaniemi. Seinen eigenen Meisterdieb in "The Quantum Thief", so der Originaltitel, würde die Science-Fiction-Gemeinde gerne genauso farbig zelebrieren wie es mit dem großen Vorbild in Comic und Film geschieht.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 13.03.2011
Hannu Rajaniemi - Quantum
Zoom Hannu Rajaniemi - Quantum

In der Science-Fiction-Literatur gibt es immer wieder das Problem, dass die SF-Fan- und -Kritiker-Gemeinde denkt, SF-Romane stünden außerhalb literarischer Maßstäbe. Dem SF-Roman wird ein gönnerhafter Bonus zugesprochen, falls es an der formalen Qualität hakt. Die neuen "Ideen" eines Science-Fiction-Autors, die dieser für eine eben nicht reale Lebenswelt, sondern für eine fantastische, in der Zukunft liegende oder für eine Alternative Realität entwickelt, gelten vielmehr als die zu bewertende Essenz. Mit dieser Sichtweise - und mit dem auf ihr basierenden Bücherausstoß - befriedigt das Genre durchaus einen Teil seiner Fans. Fatal ist jedoch, dass es mit dieser zweifelhaften Haltung niemals anspruchsvolle, neue Leser hinzugewinnen wird und zu großen Teilen als Nerd-Literatur verschrieen bleiben wird. Die Alleinstellungsmerkmale Erfindungsreichtum und Interpolation von technischen und sozialen Ist-Zuständen, mit denen sich die SF von den restlichen Genres abhebt, sollte Autoren und Lektoren nicht davon entbinden, sich um schriftstellerische Qualität zu kümmern.

Fast an Scharlatanerie grenzt in diesem Zusammenhang die PR- und Kungelmaschinerie von Medien, Verlagen und der kleinen Schar vermeintlich befreundeter SF-Autorenkollegen zu Hannu Rajaniemi 's "Quantum". Selbstredend ist der in den Pressemitteilungen der neue "Shootingstar" der SF, so wie grundsätzlich jeder Autor im Genre, der es schafft, sein Buch überhaupt verlegt zu kriegen. Über diese Klassifizierung lacht kein fleissiger SF-Fan mehr, sondern ist darüber nur noch genauso genervt, wie über die Shouts auf Klappentexten von den ewig gleichen Autorenkollegen - ähnlich wie im Bereich Horror, wo Stephen King gefühlten 5.000 anderen Autoren in geradezu meist homoerotischer Liebesbezeugung seine Verzückung über ihre Werke mitteilt, scheint im SF-Bereich diese Rolle Charles Stross übernommen zu haben.

"Quantum" bietet mit seinen Konzepten von Multiplen Identitäten, Identitätstausch oder partiellem Tausch und Erinnerungsan- und -verkauf gar nicht soviel Neues. Aber klar spielt es somit in einer Lebewelt, die aus unserer jetzigen heraus schwer zu erfassen sein dürfte. Die Mentalität eines Posthumanen, der sich Erinnerungen und Identitäten zusammenklaubt, wie es ihm gerade passt, dürfte ungefähr so schwer zu erfassen sein, wie das Denken eines Rhinozeros in unserer Jetzt-Welt. Wenn ein Autor es versucht, muss er eine Welt erschaffen, die für die Emotionalität des heutigen Lesers zugänglich ist, obwohl die Gestalten seiner erdachten Zukunft komplett anders ticken dürften. Das ist die Crux. Hannu Rajaniemi schafft diesen Spagat nicht. Seine weit fortgeschrittenen Posthumanen bleiben Scherenschnitte, deren Persönlichkeitsgehalt vor heutigem Maßstab gegen Null geht und auch für die Zukunft ist ein Szenario unserer Nachfahren als Kasperltheater kaum vorstellbar.

Nichts greift ineinander in "Quantum", seine Charaktere als auch die Tech-Gimmicks wirken wie Staffage, alles bleibt kühl und leblos und bildet kein schönes Ganzes. Humor Fehlanzeige. Sein Duktus hat keinen Fluss. Nervige, hakelige Wortschöpfungen und Namensgebungen aus der finnischen Mythenwelt machen's nicht leichter. Ach ja: In einem Mix aus Meisterdieb-Geschichte, Spionagestück und Tech-Babble geht es um den Dieb 'Jean le Flambeur', der mit Hilfe einer Art Superagentinnen-Wechselbalg aus dem Knast flieht und auf dem Planeten Mars erstmal die Schnipsel seiner früheren Identität zusammensammeln muss. Dort gibt's ein buntes Völkchen von Bewohnern: Menschen, die nur noch ein gemeinsames Exo-Gedächtnis miteinander teilen, die versklavten "Quiets", "Zokus" - okay, ein Wortschöpfungstreffer, das sind ausgebrannte Hardcore-Gamer -, andere Randgesellschaften sowie schließlich die mysteriösen "Sobornost", eine hyperintelligente Spezies, die im Zaum gehalten werden sollte. Klar gilt es nichts weniger, als eine galaxisweite Verschwörung aufzudecken und das Universum zu retten.

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Besprochene Ausgabe: Piper  |  2011  |  448 Seiten  |  Broschur*  |  € 16,95

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