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Hanns-Josef Ortheil - Die Berlinreise: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Die Berlinreise

(2014)
Die Zeit, die im Koffer lag
Am wichtigsten sind schonmal die Zahlen an diesem Buch: Der Autor war zwölf, die Reise fand 1964 statt. Er schreibt wie ein Großer, basht die Erwachsenen und ihre Kulte, zeichnet ein genaues Bild seines Vaters - mit dem er dort ist - und legt ehrlich die eigenen Gefühle dar.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 03.06.2014
Hanns-Josef Ortheil - Die Berlinreise
Zoom Hanns-Josef Ortheil - Die Berlinreise

Der Leser von "Die Berlinreise" hat eher Vergnügen und ahnt alles andere als den zukünftigen "Berlin-Schrecken", der sich laut dem heute Anfang sechzigjährigen Hanns-Josef Ortheil während dieser Reise in ihm manifestiert haben soll, und den er wohl nie ganz verlieren werde. Das liegt nicht am unaufmerksamen Lesen. Erst im Nachhinein scheinen sich beim erwachsenen Autor und Musiker das Düstere und Ängstigende als Erinnerungen mehr verfestigt zu haben als das Aufregende und Spannende.

Düster freilich war das Schicksal der Eltern während der Kriegs- und Nachkriegsjahre. Sie verloren vier Kinder vor oder kurz nach der Geburt. Die wenigen Seiten der Vorbemerkung, auf denen Hanns-Josef Ortheil die unfassbaren Geschehnisse skizziert, stürzen uns Nachgeborene in Staunen und Ehrfurcht. Wir würden heute in Haltlosigkeit abrutschen. Ortheils Eltern haben irgendwie weitergemacht, und zum Glück für uns Leser dem Sohn die Schriftstellerwerkzeuge in die Hand gedrückt und ihn schon beizeiten bei seinen Anstrengungen unterstützt.

Noch in seinem 2010er Buch "Die Moselreise" hatte der Autor seinen Original-Aufzeichnungen als Elfjähriger neue Eindrücke gegenübergestellt - er war die Strecke als Erwachsener nochmal gegangen. "Die Berlinreise" enthält fast 300 Seiten puren Text des Zwölfjährigen, der damals als Weihnachtsgeschenk an den Vater ging und von diesem sanft korrigiert wurde.

Sie reisen zu zweit. Sie reisen in diese Zwitterstadt Berlin, die immer Gegenwart und Vergangenheit gleichzeitig ist. Die Mutter würde keiner dazu kriegen. Ahnungslos war das junge Paar 1939 nach Berlin gezogen und unabhängig und unter jeweils makabren Umständen 1945 wieder weggegangen, der Vater mit Krücken und nur den Kleidern, die er trug. Die Mutter hatte noch zwei geheimnisumwobene Koffer in Berlin. Die will man holen, als sich der Vater 1964 der Vergangenheit stellt und den Sohn mitnimmt.

20 Jahre hatte der Vater etwa Freund Reinhold nicht gesehen, oder das Wirtsehepaar, das immer noch die Pension betreibt, in der in den Berlin-Jahren immer die auf Besuch weilende Verwandschaft abgestiegen war. Da offenbart sich gleich die Zweigleisigkeit, die der zwölfjährige Autor fortan im gesamten Buch herzustellen vermag. Herrlich zotig bringt er seine Verabscheuung für den ständig quasselnden Freund des Vaters zu Papier, um gleichzeitig aufs Genaueste zu beobachten, welche Emotionen beim Vater ausgelöst werden. Tiefer und tiefer rutscht man mit den Aufzeichnungen des Kindes in die Verschränkung der Begegnungen und Orte mit Vergangenheit und Gefühlshaushalt des Vaters.

Da sind dann die Koffer. Und die Spannung soll jetzt nicht genommen werden, was sie beinhalten. Aber sie bewirken nochmal eine Steigerung der Absicht beim jungen Ortheil, den Familiendingen nachzugehen, das Vergangene in die Gegenwart zu holen. Die Gefühle treffen den Papa unmittelbar, und den Bub zuerst sublim, dann aber deutlich.
Freilich ist "Die Berlinreise" auch ein lebhaftes Bild des Berlins kurz nach dem Mauerbau. Doch auch hier überwiegt die Lebenslust - beider -, wenn Vater sich zynisch mit ostberliner Stadtführern oder Grenzern verbal prügelt, und der Junge es amüsiert später aufzeichnet, nicht ohne zuzugeben, dass er sich manchmal schaudernd mehr Zurückhaltung vom Vater gewünscht hätte ...

Als Buch hat er "Winnetou 3" dabei. "Nur Old Shatterhand weiß, wie man ein spannendes Leben führt, ganz ohne Angst." Der Vater hingegen wird nach der Reise Berlin nie wieder besuchen.

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Besprochene Ausgabe: Luchterhand  |  2014  |  284 Seiten  |  Festeinband*  |  € 16,99

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