Lemkes Universum der Verunsicherten beginnt mit einer Erzählung aus einem Film. Ein Mann, der allein lebt, weiß, dass niemand auf ihn wartet und springt von einer Brüstung. Das erzählt 'Holm', Besitzer eines Ladencafés ohne Gäste, einer Ich-Erzählerin, die sich metamorphosierend durch alle Stories bewegt. Dieses Ich ist immer ein distanziertes zu den anderen Figuren. Eines, das Einsicht hat ohne Wertung, ohne Rat zu geben, ohne sich selbst zu positionieren.
"Gesichert" ist in den Stories nur das Existenzielle. Das elterliche "Starthilfe"-Kapital, das an die jungen Menschen ausgezahlt wird, die sich rund um Universitäten und Kulturjobs oder im Nichtstun verbummeln. Ungesichert sind die Figuren, die von einer Wohnung in die nächste ziehen, von einer Stadt in die andere, von Beziehung zu Beziehung, von Job zu Job und trotzdem nie ankommen. Platzlos sind sie, oder platzverwiesen? Sie wissen es nicht und müssen es auch nicht wissen wollen, solange ein Mittelschichtwohlstandsnetz den freien Fall dämpft und den Herumgeisternden zumindest den täglichen Wein und Clubbesuch auftischt. So denken Lemkes Protagonisten freilich gar nicht und leben trotzdem so. Ruhen sich in WG-Gästezimmern aus, lassen sich von Fremden an der Hand nach Hause führen oder verbringen die leeren Zeiten in Bars.
Im Interview mit dem Berliner "Radio Eins" erzählte die Autorin, dass sie lange an diesen Stories feilte. Reduktion, Weglassen, ohne dem Leser die Verständisgrundlage zu entziehen, ist ihr Ansatz. Und der gelingt. Die Leerstellen im Erleben der Figuren führen zu den Momenten, in denen sie sich fragen müssen: "Was tue ich hier?", wobei das Hier ein Augenblick, ein Ort oder gar das ganze Sein sein kann. Sie befinden sich im freien Fall, träge, satt und auf der Selbstflucht. Sie sind verunsichert durch die Beziehungen, die sie führen, durch die Begegnungen mit anderen, die unvermeidbar sind. Eckdaten werden ausgetauscht, Nummern, Namen, Floskeln weitergegeben. "'Was machst du?', [...] die Frage eines Kindes, auf der Suche nach einem anderen, das sich weniger langweilt als es selbst", heißt es in der letzten Story "Kulissen. Statisten". Die Fremden spiegeln die eigene Entfremdung. Ob Margot, die Ex-Freundin, die mit perfiden Anspielungen eine gähnende Beziehung umstößt oder Boris, der die eingespielte Clique, die nur noch durch gut organisierte Dinnertreffen aufrecht zu erhalten ist, durcheinander bringt, mit seinen genauen Beobachtungen, seiner Entblößung des Abgestumpften. Selbst nächste Verwandte wie der eigene Bruder, werden zum Unbekannten, durch die Distanz zum Gestern, über den Flur, zum eigenen Ich.
Die 1981 in Wuppertal geborene Hanna Lemke studierte am Leipziger Literaturinstitut und lebt heute in Berlin. Sie schreibt über ein Segment ihrer Generation, das nach Abitur, Studium und mit einem Umfeld aus Freunden, Familie und (potentiellen) Liebhabern, eigentlich zufrieden sein müsste. Man ist es aber nicht. Man sucht nach dem Vertrauten im Unbekannten, nach der Fremde im Selbst und lässt sich fallen in einem Leben, das Alles und Nichts zu bieten scheint. Ein beeindruckendes Debüt, vor allem weil die Autorin sich mit ihrer konzentrierten Sprache eine eigene Stimme verschafft. Damit hat sie ihren Schützlingen aus „Gesichertes - Stories“ zumindest schon einiges voraus.
Besprochene Ausgabe: Kunstmann | 2010 | 192 Seiten | Festeinband* | € 17,90
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
2. Jonas-Philipp Dallmann: Notschek (2011)
3. Gavin James Bower: Dazed & Aroused (2009)
4. Ron Leshem: Der geheime Basar (2011) - Orig.: Megilat zchujot hajareach (2009), hebräisch
Martin Amis:
Die schwangere Witwe
Hanser, Festeinband
Shumeet Baluja:
Silicon Jungle
suhrkamp nova, Broschur
Moti Kfir, Ram Oren:
Sylvia Rafael. Mossad Agentin
Arche, Festeinband
Martin Amis:
1999
Rowohlt, Festeinband
Sorj Chalandon:
Die Legende unserer Väter
dtv premium, Broschur
Douglas Coupland:
Eleanor Rigby
Hoffmann und Campe, Festeinband
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