Die Beschreibung des seit zwei Wochen leergefegten, toten Londons bleibt lange nach dem Lesen in Erinnerung. In gestochener, nie gesehener Klarheit erstrahlt das bunte Häusermeer. Kein Kochdunst, kein Herdfeuer, kein Industrieschmutz hüllt London in sein sprichwörtliches Grau. Warum malen Schlachtenmaler eine Schlacht in ihrem vollen Gange? Eine bizarrere Schönheit hätte der Kampfplatz ohne Pulverdampf, aber dem Bunt der dahingestreckten Uniformen mit dem zu braun getrockneten Blut und den aufgeplatzten Pferdeleibern, die sich dem Farbrhythmus der aufgerauten Erde fügen.
Mit einer lässigen und fast einlullend ruhigen Sprache beginnt denn auch Wells ein Schauerszenario, das sich bis zum Ende des Buches stetig verdichtet und sich gleich einer Schlinge um den Hals des Lesers zusammenzieht.
Ein Ich-Erzähler gehört eher zu den Versprengten nach einer Flucht vor gelandeten Marsianern in der Nähe Londons. Er erlebt die Psychosen einzelner anderer Gestrandeter auf seiner Odyssee - und natürlich seine eigenen. Ein weiterer Erzählstrang berichtet von den Erlebnissen des Bruders des Ich-Erzählers. Dieser gerät in die Wirren von Vertreibung, Massenhysterie und Entmenschlichung, als er die Fluchtbahnen der sechs Millionen Londoner kreuzen muß.
„Es ist seltsam, sich heute der geistigen Verfassung jener vergangenen Tage zu entsinnen.“ Fast mag der Ich-Erzähler an dieser banalen Feststellung verzweifeln, weiß er doch, dass sich Geschichte wiederholt. Er erkennt, dass die Marsianer dem Menschen gegenüberstehen wie dieser den Ameisen. Er zählt auf, wieviele Tierrassen und Völker der eigenen Spezies der Mensch schon ausgerottet hat und schließt: „Sind wir solche Apostel der Gnade, daß wir uns beklagen dürfen, wenn die Marsleute uns in demselben Geist bekriegen?“
Der Giftgas-Einsatz, als Menetekel vor dem Zwanzigsten Jahrhundert, wird noch den Marsianern zugeschrieben. Doch die ihrer zivilisatorischen Ordnung beraubten Menschen gebährden sich alsbald ebenso gefühllos wie ihre Peiniger, die Wells uns eh als Metapher unserer selbst entgegen hält. In einer Welt mit Pferden und Kutschen als Verkehrsmittel werden Körper gequetscht mit Hilfe des Pferdes als Waffe, die eisenbereiften Kutschen-Räder sind blutbesudelt nachdem sie andere Flüchtende zwischen einem Gatter und ihren Speichen zerschrotet haben. Nahrungsmittel werden nicht mehr geteilt, sondern sie werden „eingefordert“, von dem der einen Revolver besitzt oder der bessere Boxer ist.
„Die Zäume der Pferde waren mit Schaum bedeckt , ihre Augen blutunterlaufen.“ Es sind weniger die Kampfhandlungen die das meiste Grauen erregen in diesem Buch, denn die Folgewirkungen. Noch in London: „die Schutzleute, die hingeschickt wurden, um die Ordnung aufrechtzuerhalten, zerschlugen erschöpft und wütend den Leuten die Köpfe, die sie beschützen sollten.“
Wells Sprache bleibt bei diesen Beschreibungen beklemmend ruhig und langsam dahinfließend, seine Sätze werden sogar dem Verlauf der Geschichte entsprechend immer kürzer und lakonischer!
Einen noch düstereren Blick in die Seele wirft Wells auf wenigen Seiten gegen Ende des Buches. Formal eingekleidet als Phantastereien eines ehemaligen Soldaten stellt er uns ein Zeugnis aus, das, in Händen zu halten, schon ein klare Sicht auf die zukünftigen Volksmassen unter einem Hitler, Stalin oder Mao zugelassen hat. Die Marsianer benötigen die Menschen zu einem Zweck, der hier nicht vorweggenommen werden soll. Sie wären also gezwungen, die Menschen weiterhin zu „züchten“. Erschreckend eindringlich erläutert der Soldat, wie es sich der Normalbürger schnell würde einrichten mit den neuen Herren, sich vergnügt mästen lassen würde und sich schnell fragen würde, was denn früher die Leute taten, als es noch keine Marsleute gab, die für sie sorgten.
Um die restlichen Widerständler einzufangen, würden die Marsianer mit Leichtigkeit deren eigene Artgenossen einsetzen können: „Es gibt Menschen, die das mit Vergnügen tun werden.“
Besprochene Ausgabe: Diogenes | 2005
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