Irgendwie sind sie schon Serie, die Bücher von Manchesters Literarischer Stimme No. 1. Das könnte an sich ein Kritikpunkt sein, setzte man den thematisch völlig eigenständigen Roman eines Autors als die Krone der Literatur. Doch die meisten Autoren lieben eben ihre Steckenpferdchen, mit denen sie immer wieder über ihre Schreibmaschine reiten - und dafür lieben wir sie, weil wir ein Stück weit wissen, was auf uns zukommt, wenn wir ein neues Buch von ihnen kaufen. Und es tauchen ja auch nicht die exakt selben Figuren wieder auf in Gwendoline Riley 's Werk. Aber dass sie Fortentwicklungen aus dem jeweiligen Vorgängerbuch sind, lässt sich mit Fug und Recht behaupten.
Heldin 'Carmel' aus "Cold Water" und ihre Freunde beleuchten die Gier nach Leben der gerade zwanzig Gewordenen und blicken doch schon voll düsterer Vorahnung auf die Gestrandeten der älteren Generationen der Mancs. Gescheiterte Musiker etwa, denen außer zwei Stunden Ruhm, während derer sie den Drummer einer der berühmten Manchester-Rave-Bands vertreten durften, nichts geblieben ist. Man nimmt die Unbeschwertheit des Rumhängens in Kneipen oder auf Konzerten gerne mit und kann und will den Sehnsüchten noch keine Richtung geben. Und plötzlich ist Einsamkeit das Kernthema im zweiten Buch "Krankmeldungen". Nicht, dass sich vorher die Zwanzigjährigen geradezu mit treuevollen, jahrelangen Freundschaften geschmückt hätten. Das hat man bei der Geschwindigkeit des Lebens und dem ständig Neuen nicht nötig. Und doch: "I stink of loneliness", sagt neue Heldin 'Esther', Mitte zwanzig, nun plötzlich so existentiell schön im Originaltext. Die Heldin aus "Joshua Spassky", Riley 's drittem, zu deutsch erscheinend in zwei Monaten, will gar ihr ganzes bisheriges Leben über Bord schmeißen.
Esther kommt gerade von einem USA-Aufenthalt zurück. Doch der scheint nur Metapher, wo sie wirklich war, bleibt fraglich. Sie nistet sich bei ihrer alten Freundin 'Donna' ein. Ihr Zimmer ist feucht, muffig und kahl und wird es bleiben, die Heizung ist ständig kaputt. Es festigt eine Atmosphäre des Übergangs, des Unbeständigen für das ganze Buch, so wie es übrigens die Beschreibungen Manchesters insgesamt tun, durchgängig in den Riley-Büchern. Irgendwie scheint Gwendoline Riley die Abartigkeiten ihrer Protagonisten entschuldigen zu wollen, abmildern zu wollen, durch die Aussage, dass man in einer so feindlichen Stadt eigentlich gar nicht leben kann und es aber doch tun muss, da man wenig Alternativen hat. Selbst im Lieblingscafé Esthers stinkt es, mindestens eine Scheibe ist immer durch Pappe ersetzt und Prolls ziehen Macho-Sprüche.
Anfangs igelt sich Esther ein, doch ist schnell wieder mit am Start, meist als Gast in Donna's Bar oder auf Konzerten. Und auch wieder mit Jungs, doch mit Abstrichen. Beiläufig kriegt der Leser von Esthers Verflossenen berichtet, beginnend bei 'Richard', stehend für die ganze Erbärmlichkeit des männlichen Geschlechts; ein Typ, der Abhängigkeiten forciert und ausnutzt und zu allererst seinen Narzissmus pflegt. Es folgen andere, auch nettere, doch bei "dem letzten, den ich sehr mochte, eine liebe, schlichte Seele, war ich nur noch ein toter Körper."
Aus Enttäuschungen heraus suchen sich Riley 's Figuren trotzig die selbstgewählte Isolation, aus Angst, sich immer und immer wieder die Finger zu verbrennen. Ihre Gastgeberin und Freundin Donna schätzt Esther, weil auch diese auf der seltsamen Welle reitet, Freundschaft als intim zu betrachten, aber nie als Netz für alles Ungelöste. Etwa wenn Esther heulend sagt "Ich bin so allein", und Donna nie antwortet:
"Du hast doch mich", sondern immer: "Jeder ist allein. Also, was redest Du?" Und das ist Grund genug, warum wir Freundinnen sind.
Gegen das Gefühl von panischer Einsamkeit beginnt Esther wieder um die Häuser zu ziehen und auch zaghaft, wieder sexuelle Intimität zuzulassen, zuerst mit einem Musiker, der nur auf Tour im UK weilt - welch Zeichen auch: es steht von Anfang an fest, temporär zu bleiben -, dann mit einem Mann, der zwei Jahre jünger ist als sie selbst. Bei dem erträgt sie nicht, was der in ihr sieht, denn selber sieht sie sich als nichts, als "Nichts-Mensch". Du fühlst dich von einem Vakuum angezogen, sagt sie an einer Stelle zu ihm.
Bei allem schreibt kaum eine empathischer über unsichere Helden als Gwendoline Riley.
Besprochene Ausgabe: Goldmann | 2010 | 204 Seiten | Broschur* | € 8,99
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