Gwendoline Riley - Cold Water: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Cold Water

(2010) - Orig.: Cold Water (2002), engl. (TB-Ausgabe)
Keine Komplizin deiner Lebenslügen
Gwendoline Riley 's Barkeeperin 'Carmel McKisco', 20 Jahre alt, streift durch ein Manchester des Gegenteils von Pop und Ruhm. Mulmig beobachtet sie die Gestrandeten und sich selbst.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 19.02.2010

156 Seiten sind "Cold Water" nur. Es ist eine Kollage, die sich aus Sprenkseln über die Bar-Stammgäste, die Weggefährten Carmels, Exfreunde, falsche Idole, aus Selbstbetrachtungen und Episoden mit der knappen Anzahl an phasenweise Carmel Näherstehenden zusammensetzt. Mit Freunden, im wahren Sinne des Wortes, belastet sich Carmel nicht gerade. Autorin Riley scheint es zu beobachten, aber nicht zu verurteilen. Es scheint ihr eher, als wenn das so ist, bei den Twens ihrer Generation. Ein sich nicht festlegen wollen, das Schwanken genießen, alles austesten, aber nichts und niemand zu nahe kommen lassen. Oft wird in diesem Zusammenhang das Wort Orientierungslosigkeit genannt, Haltlosigkeit, mit einem negativen Anklang. Doch ist es das? Es kann ja wohl doch nicht einfacher sein, irgendetwas vorher Ausgetestetes einzuschlagen, nur um eine Orientierung zu haben und dann irgendwann zu merken, dass man damit unglücklich ist. Denn doof sind Gwendoline Riley 's Figuren nicht. Sie haben Phantasie, sie haben Sehnsüchte, aber sie schmeißen eben lieber die Uni, wenn's ihnen nicht taugt. Und wo kämen wir hin, wenn alle studieren. Wir hätten keine Brötchen mehr.

Für wen schreibt sie das nun eigentlich? Für die jetzigen Twens auf jeden Fall, aber auch für die Älteren, damit sie sich zum einen zurückerinnern können, denn so war es wirklich, und zum anderen stirbt ja Unsicherheit, oder positiv ausgedrückt austesten wollen, bei den Alten nicht gänzlich aus. "Cold Water" erinnert an dieses unbeschwerte in Kneipen rumhängen, nämlich unbeschwert vom eigenen Leben, dafür umso neugieriger auf das anderer. Ja, man muss es ein bisschen abgeklärt so sagen: Wie nett nichtig waren doch die Probleme als Anfang 20-Jähriger - doch freilich, einige bleiben.

Bei Carmel's Kellnerinnen-Job geht es nicht um dieses mal eben jobben als Tresenkraft um das sowieso ausreichende Studentensalär aufzupeppen. Es geht auch nicht um Szenekneipen. Es geht um Full-Time, mit nur montags freier Abend. Wir sind im England des New Labour, wo selbst Intellektuelle mehrere Jobs ausüben müssen. Carmel's Mutter hat einen nicht näher beschriebenen Bürojob und trotzdem hausen sie in der letzten Bude. Vielleicht werden die Engländer auch deswegen härter. Wer hat da noch Zeit, sich Freunde zu leisten.

Fragte nichts und weinte nicht und fing auch keine Diskussion an. Das ist Regel Nummer eins.

So Carmel nach einer Trennung.
Riley 's Carmel führt uns durch eine Kneipenwelt und Welt der Gestrandeten, die keinen Zeitgeist-Dicken machen muss. Es kommt nicht toll rüber, fertig und voll auf der Bordsteinkante zu sitzen und sich nassregnen zu lassen. (Anscheinend regnet es immer in Manchester.) Es nutzt mir nichts, vor zehn Jahren einen Text für die Stone Roses geschrieben zu haben oder bei Northside mal für den Trommler eingesprungen zu sein, wenn ich jetzt in einem Abbruchhaus auf einer Matratze vor mich hin vegetiere - so wie ein einstmals von Carmel angehimmelter Rockmusiker. Heulen kann man schon auf Seite 30, wenn Carmel zur Geburtstagsparty eines ihrer Stammgäste bis ans andere Ende der Stadt fährt. Das Hinterzimmer einer Bar ist liebevoll hergerichtet für mehrere Gäste. Doch Carmel bleibt der einzige. Es wird trotzdem schön. Auch an das erinnert Riley die Alten wie die Jungen: Nicht jeder Kneipenabend, wenn du jung bist, ist toll, trendy und immer spannend abgründig hipp. Sie verschont uns auch mit Weisheiten wie, je versüffter die Toilettenkabine, in der ich ficke, desto toller bin ich.
Lieber lässt sie sogar Carmel's Ex 'Tony' mal was Schlaues sagen, über Steinbeck's "Früchte des Zorn": "Aus dem Buch habe ich gelernt, einen Gang runterzuschalten und das Leben wertzuschätzen."

Besprochene Ausgabe: Goldmann | 2010 | 160 Seiten | Broschur* | € 6,95
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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