Guillermo Orsi - Im Morgengrauen: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Im Morgengrauen

(2010) - Orig.: Nadie ama a un policía (2007), spanisch
Wieviel Machismo verträgt der Mitteleuropäer?
Kaum tritt National-Clown Diego Armando Maradona von der Bühne ab, klatscht Frankfurter Buchmesse Gastland-Krimi-Autor Argentinier Guillermo Orsi auf die Büchertische. Ein zweifelhaftes Vergnügen.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 10.07.2010

Aus der argentinischen Staatskrise und Bankrotterklärung von 2001 macht der Verlag von "Im Morgengrauen" den großen Aufhänger im Klappentext. Denn zu dieser Zeit spiele Guillermo Orsi 's Krimi, in einer Zeit des Aufruhrs, der Plünderungen und lautstarker Demonstrationen. Aktualität wird genährt durch die realen Parallelen etwa in Griechenland. Man könne einen spannenden Einblick in Argentiniens jüngste Geschichte erhalten.

Mit diesen Ankündigungen verhebt sich der Verlag schwer, was bleibt, ist das Herumstochern von Ex-Polizist 'Pablo Martelli' in seiner Vergangenheit und Dienstzeit während einer der unzähligen Militärdiktaturen. In einer Art Vorwort klärt uns Guillermo Orsi noch darüber auf, dass viele Schergen dieser Diktaturen mit den Spitzen der Peronistischen Partei gemeinsame Sache machten, deren Führer Carlos Menem bis 1999 Regierungs-Chef gewesen war. Durchgängiger Schmierstoff für Politik und Wirtschaft bei allen Regierungen - soviel bekommen wir mit bei Orsi - scheint für Argentinien die Korruption zu sein. Doch ein Krimi soll kein Geschichtsbuch sein, und versucht man dies, schießt man sich selbst in den Fuß. Orsi 's "Im Morgengrauen" mischt ein bisschen Hard-Boiled-Krimi, Historie, Mentalitätsstudie und Road Trip. Durch drei verschiedene Landschaftsregionen führt es uns, ohne dass auch nur eine davon vor dem geistigen Auge erwacht.

Wenn Ex-Polizist Pablo zur Leiche seines Freundes 'Edmundo' gerufen wird, ist schnell klar, wie bei Guillermo Orsi die Justiz tickt. Der zuständige Kommissar ist gar nicht angetan, einen Mord-Fall zu lösen, er ist einer "der schon jetzt, mit Anfang dreißig, einen gestörten Spürsinn hatte, weil die Schmiergelder aus Glücksspiel und Prostitution wohl allzu süß waren." Alternder Freund Edmundo, um die sechzig, greift alles ab, was er an jüngeren Frauen noch ins Bett kriegen kann, während sich seine Ehefrau in spirituelle Religiösität flüchtet. Pablo muss nicht lange warten, bevor Edmundos letzte Errungenschaft vor ihm steht:

"Mich schauderte. Die Blondine sah einfach umwerfend aus, aber vielleicht war sie ja eine verfluchte Parze, die wohlhabenden alten Lustmolchen den Garaus machte. Bei mir beging sie allerdings einen Fehler, ich war arm [...]"

Immer wieder kommt in Orsi 's Männerkrimi die Thematik um die Selbstverständlichkeit, mit der seine Figuren ihrer Libido geben, was sie haben will ohne Betrachtung gesellschaftlicher Konventionen. Es scheint einfach biologisch, diese endlose Jagd noch dem Jüngeren und Guillermo Orsi scheint fast zu verklären, dass seine alten Männer sexuelle Eskapaden brauchen, obwohl er im Schwarz-auf-Weißen das Gegenteil behauptet. Zwischen den Zeilen schwingt Bewunderung mit für diesen verruchten Zug seiner Geschlechtsgenossen im Allgemeinen und für die Männer seines Landes im Speziellen. Ein Machismo, den Orsi heimlich mag, ihn jedoch vordergründig kritisiert? Soll man das bewundern, weil wir Mitteleuropäer zu pc-geschwängert sind? Nein, es nervt einfach nur nach einigen Seiten.

Auch andere Charakterisierungen der Volksseele drehen sich immer wieder um die selbe Leier: "Ich muss gestehen, dass es mir bis auf den heutigen Tag schwerfällt, jemanden zu schmieren. Meine Bestechungskünste hinken der Fähigkeit der einfachen Leute weit hinterher, sich den schmutzigen Regeln der Realität anzupassen [...]" sagt Pablo von sich und seinem Land, einem Land, wo "'verdienstvolles Ausscheiden' im Polizistenjargon bedeutet, dass man sich zur Ruhe setzt - und weiterkassiert."

Freilich, die Blondine lebt auch nicht lange, wenn der Road Trip losgeht, in dem sich Pablo mit einem durchgeknallten Pathologen, korrupten Provinzpolizisten, Ex-Militärs und nicht genau benennbaren anderen paramilitärischen Ganoven rumschlagen muss, auf einer Reise in die Nacht auf Route 3 zwischen Buenos Aires und Bahia Blanca. Genauso verschwurbelt wie die Straßenführung bleiben dabei die Motivationen der Figuren.

Besprochene Ausgabe: dtv | 2010 | 368 Seiten | Broschur* | € 8,95
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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