Günter Hack - ZRH: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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Günter Hack ZRH

Günter Hack - ZRH (2009)

„Irgendwo gibt es eine Maschine, die alles antreibt.“
In Günter Hacks Debüt stören Menschen und Territorium das Wachsen der Dividenden. Die Schweiz stößt konsequent beides ab und virtualisiert. Hack vermischt knackige Sprachkunst und das Beste seiner Cyberpunk-Vorbilder.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 08.10.2009
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Manchmal ist er beißend, der Günter Hack, etwa wenn er den Kunstbetrieb basht. Da ist seine Hauptfigur, ein Fotograf, der zusammen mit seiner Assistentin alle 3.561 deutschen Aldi-Filialen fotografiert hat. Als ihn die rechte Hand eines an dieser Arbeit interessierten Züricher Kunsthändlers fragt, was für ihn die Bilder bedeuten, reagiert er pikiert. Warum solle er sich darüber auslassen, ein Sammler verstehe doch „instinktiv“.
Dass da oft nichts ist, in einem Kunstprojekt, weiß der Ich-Erzähler nur zu gut: „Man kann da nur soviel hineinprojizieren, weil da nichts ist.“ Aber die 3.561 Aldis sind auch nur amüsanter Aufhänger für eine Groteske, die in einem wenig schmeichelhaft beschriebenen Zürich, in St. Gallen und in Zug angesiedelt ist. Doch allein die Zahl der Aldis - man stelle sich das vor: Klappert das Team tatsächlich zehn Stück von ihnen pro Tag ohne Pause ab, ist es ein Jahr unterwegs - lässt ein wenig erkennen, warum ein guter Teil deutscher Transferleistungen an Einkommensschwache in den Taschen der beiden Aldi-Albrecht-Brüder landen kann, je 17 Mrd.(!) € schwer.

Die Anfangsseiten seines photogeshoppten Buches - die Kapitel sind mit Namen von Filter-Plugins der Monopol-Bildbearbeitungssoftware überschrieben - lassen den Leser fast auf jeder Seite innehalten ob der Sprachgewalt. Wenn sich „Gedanken verunschärfen“ oder der Handschlag mit dem Kunsthändler beurteilt wird, denn „Das Auge sieht ja nur, ohne die Hand lebt es im Zustand des ewigen Verdachts einer umfassenden Täuschung“. Bärbeißig auch in Zürich, Hacks Held, der, selber abgebrannt, weil der Deal noch nicht steht, sich dennoch nicht mit dortigem Prekariat anfreunden kann: „All diese 'Originale', die dann doch nicht ganz dicht sind. Menschen, die nirgends aufhören, weil sie ständig außer sich sind.“

Die umfassende Täuschung, sie deutet sich an, denn eigenartig leer und ruhig ist dieses Zürich. Der Held trifft obskure Berater, „Consultants“, die alles und jeden beraten und netzwerken, im obersten Stockwerk leerer, ehemaliger Firmenhochhäuser residieren oder steife Parties abhalten. Auch die Gewerbegebiete sind leer und im Zustand eigenartiger Endzeitstimmung.
Spätestens wenn sich der Held scannen lässt, um den Spin-Zustand jedes einzelnen Atoms seines Körpers auf seinen neuen Bio-Pass speichern zu lassen, wissen wir, wir sind in einem Zukunftsroman. Dieser Übergang nach etwa einem Drittel des Buches sowie das Folgende sind in den Augen des Rezensenten nur leidlich gelungen. Das mag der Mainstream-Literaturleser, gerade der Fan der Werke der renommierten Frankfurter Verlagsanstalt, wo „ZRH“ erscheint, positiver beurteilen, wird er doch überrascht sein, von diesem Zwitter aus Mainstream und Cyberpunk. Der geübte Science Fiction-Leser wird hingegen bemängeln, dass Günter Hack die Gedankenspiele von Autoren wie Richard Morgan oder Charles Stross benutzt, sie wenig moduliert und kaum eigene Originalität hinzufügt.

„Shift Ctrl“, gesprochen Shift Control, wie die Keyboard-Tastenkombi, ist denn auch der edelgestylte Cyberjongleur, der in einem undurchschaubaren Business-Geflecht echte Menschen durch „Softies“ ersetzt. In guter, alter Cyberpunk-Tradition nimmt Hack Werbe-Branche und Hyperkapitalismus aufs Korn, so etwa 'Milos', den Flagship-Store-Geschäftsführer: „Milos ist mit Nichts parfümiert, einem Duft, den Adidas in einem schwarzen Flacon verkauft, in dessen Vorderseite ein Porträt von Nietzsche eingraviert ist, das frei im Glas zu schweben scheint.“ Das Parfüm ist aus klugen Molekülen, die feindlichen Geruch sofort neutralisieren.
Etwas inkonsequent zieht bei Hack ein Geheimbund die Fäden bei der Abstoßung unrentabler schweizer Kantone als “Leasing-Protektorate“ oder bei der Vermittlung von „Körperasylanten“. Wir dachten, der Kapitalismus entfesselt sich, weil alle mitmachen? Wie Robert Musil schon provokativ schrieb: Demokratie ist, tun was geschieht.

Doch man sieht, da ist immer Sprachwitz dabei, und obgleich Günter Hack nicht ganz die Brücke zwischen seiner Fabulier- und Sprachkunst - nennen wir es Romankunst - zu einem richtig guten Cyberpunk-Thriller und damit konsistentem Gesamtwerk schlagen kann, ist es ein erstaunliches Debüt!

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Besprochene Ausgabe: Frankfurter Verlagsanstalt | 2009 | 272 Seiten | Festeinband* | € 19,90
 
* Festeinband: harte Buchdeckel
  / Broschur: weiche Buchdeckel

 
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