Vor der Haustür US-Amerikas liegt Kuba und nah dran an Mittel- und Südamerika mit seinen Ländern in denen es in den Fünfziger Jahren gärt, nämlich mächtig kommunistisch gärt... Kurz vor der Flucht des Diktators Batista und der Machtergreifung Fidel Castros siedelt Graham Greene "Unser Mann in Havanna" an, im Original 1958 erschienen. Nicht, dass Greene hier akribisch ins politische Detail geht, im Gegenteil: Er bewegt sich auf einer Meta-Ebene und lässt ganz ohne Name-Dropping das Prekäre, Spannungsgeladene der vorrevolutionären Situation mitfühlen. Die Korrupten, die Folterer und die Reichen haben genügend Geld gehortet, um im Falle der Revolution schnell nach Miami abhauen zu können. Dabei sind sie alle schon längst mittendrin in der Revolution...
Eine Schlachtplatte für die Geheimdienste jeglicher Couleur jedenfalls. Auch von denen benennt Graham Greene allerdings nur den britischen namentlich. Viel mehr muss auch der britische Staatsbürger Staubsaugervertreter Mr. Wormold mit seinem kleinen Ladengeschäft in einer der Hauptstraßen Havannas nicht wissen. Sein Ein und Alles ist die siebzehnjährige Schönheit und Tochter Milly, seine einzigen zarten Ausschweifungen sind die regelmäßigen Treffen mit Freund Dr. Hasselbacher, auf ein paar Daiquiri. Das scheint attraktiv, der Dienst braucht händeringend Leute, und so wirbt man ihn an, Spesen für Unter-Agenten darf er soviel machen wie er will.
Wir befinden uns in Zeiten, zu denen sich die Werbestrategen noch ungestraft zu Staubsaugernamen wie "Atomgigant" emporschwingen können, in einer Technikgläubigkeit, über der zwar das Damoklesschwert der totalen gegenseitigen Vernichtung hängt, welches aber als notwendiges Übel hingenommen wird.
- "Wir leben im Atomzeitalter, Mr. Wormold. Jemand drückt auf einen Knopf - piff, peng - wo sind wir? Noch einen Scotch, bitte."
So sind sie hingehämmert, Greene 's Sätze, der Duktus der Fifties, immer schlagfertig und noch einen oben draufgesetzt. Morgen kann's schon aus sein, aber wir leben heute! Letztes Jahr hieß das Top-Modell „Turbojet“, diese Jahr ist es der „Atomgigant“. Wormold's Firma heißt „Phastkleaners“, auf dem Handelskammertreffen treibt sich der Kollege von „Nucleaners“ rum. Welch strahlende Zukunft, aber nicht für Kuba...
Ich brauchte das Geld, ist beliebter Spruch, um Missetaten zu entschuldigen, und Mr. Wormold's Tochter Molly lebt auf großem Fuß. Zudem muss sie vor den Klauen von 'Hauptmann Segura' gerettet werden. Ein ekelig-schmieriges Abhängigkeitsverhältnis tut sich da auf, der Mann hat Macht und ist Mann der Gewissheit, sich nehmen zu können, auf was immer er ein Auge geworfen hat. Macht, Machismo, und aus Menschenhaut ist angeblich sein Zigarettenetui. Und es ist normal, beiläufig. Von Vater Wormold gefragt, ob sie wisse, wie man Segura nenne, sagt Töchterchen: "Ja. Den Roten Aasgeier. Er foltert Häftlinge." Der ganze Roman hat diesen schwül-klebrigen Unterton, in dem Machismo, Vergewaltigung, Kindesmissbrauch und Folter mitschwingen. Nein, keineswegs ist bei Greene der geschundene Eingeborene der Gute und der imperialistische Angelsachse der Schlechte. Greene kennt den Menschen und bezieht keine Partei.
"Man verkaufte oder kaufte Sex - unwichtig, was von beidem, aber er wurde nie verschenkt."
In einem solchen Havanna rät Freund Dr. Hasselbacher, einfach mitzuspielen: "Nehmen Sie ihr Geld, aber geben Sie ihnen nichts dafür. [...] Lügen Sie einfach und behalten Sie Ihre Freiheit." So beginnt Mr. Wormold, seine Informanten zu erfinden, teils basierend auf realen Personen, wie etwa Professoren oder Ingenieuren, die er aus diversen Clubs kennt, teils völlig frei. Nicht zuletzt dichtet er Nachtclub- und Nackt-Tänzerin Teresa eine Agentinnenkarriere an. Das alles wird eine gefährliche Eigendynamik entwickeln.
Über all der Fifties-Lustigkeit und der naiven Gelassenheit Mr. Wormold's, brauen sich unheilschwangere Wolken zusammen. "Machen wir Mikrofotos, verschlüsseln wir Telegramme", sagt forsch seine aus England eingeflogene Zuarbeiterin, doch dem Leser, der sich gerade noch über den nicht vorhandenen Unter-Unter-Informanten „59200 Strich 4 Strich 5“ amüsiert, tritt zunehmens die Bedrohlichkeit eines Hauptmann Seguras oder konkurrierender Dienste entgegen. Den ersten Todesfall kann Mr. Wormold gar nicht fassen:
- "Raul habe ich erfunden."
- "Dann haben Sie ihn zu gut erfunden, Mr. Wormold. Jetzt gibt es eine ganze Akte über ihn",
tröstet Freund Dr. Hasselbacher. Falls sich hier Autor Graham Greene schelmisch Eigenlob zuspricht, so ist es gerechtfertigt.
Besprochene Ausgabe: dtv | 2008 | 256 Seiten | Broschur* | € 8,90
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
1. Horst Eckert: Schwarzer Schwan (2011)
2. Urban Waite: Schreckensbleich (2011) - Orig.: The Terror of Living (2011), engl.
3. Yassin Musharbash: Radikal (2011)
4. André Meier: Letzte Losung (2011)
5. Sara Paretsky: Hardball (2011) - Orig.: Hardball (2009), engl.
Robert Ludlum, Eric van Lustbader:
Das Bourne Duell
Heyne, Festeinband
Linwood Barclay:
Weil ich euch liebte
Knaur, Broschur
Thomas W. Young:
Freeze - Gefangen im Eis
Piper, Broschur
Elisabetta Bucciarelli:
Ich vergebe dir
btb, Broschur
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