Klar muss die TV-Serie "Miami Vice" vorkommen in einem authentischen Noir-Krimi, der 1986 spielt. Das tut "Eine süße Ewigkeit", 1998 erstmals erschienen. Nur wundert sich eine Roman-Figur darüber, dass alle jungen Leute diesen Sonny Crockett und diesen Rico Tubbs verehren, die beiden maßgeblichen Cops der Serie, jagen die beiden doch mit ihren selber schneeweißen (sic!) Westen den lieben langen Tag Koks-Dealer. Paradox - wollen doch vom Klempner bis hinauf zum Bürgermeister, hier von Washington D. C., fast alle von denen versorgt werden.
Drogen sind billig wie nie und das Pelecanos-Szenario eines US-Amerikas der Achtziger findet sich heute in jeder Großstadt und in fast jedem Kuhkaff. Die Drogen wechseln nur im Maß ihrer Synthetisierung. Das Wort "Crack" fällt zwar schon in "Eine süße Ewigkeit", doch vorerst muss man noch 50 fürs halbe und 100 fürs ganze Gramm, damals richtig teure starke Dollars hinblättern, fürs im Zweifelsfall mit Babyabführmittel gestreckte Kokain.
Von den vier Büchern des "D.C. Quartet" - alle spielen in Washington D. C. und Umgebung - sind bisher nur die ersten drei ins Deutsche übersetzt worden. Vorliegendes im Jahr 2003. Danach stellte der Dumont-Verlag seine Noir-Reihe ein. Immerhin wird im August 2011 der erste Band des Quartetts, "The Big Blowdown", neu aufgelegt. sf magazin-Autorin Sabine Hahlweg wird berichten. Allen gemein sind neben der Örtlichkeit die Geschicke um die griechische Einwandererfamilie 'Karras' sowie den schwarzen Schallplattenladen-Besitzer 'Marcus Clay' (The Big Blowdown, 1996, King Suckerman, 1997, The Sweet Forever, 1998, Shame the Devil, 2000).
Alex Rühle von der SZ meinte bei den ersten beiden Bänden, eine Jahrzehnte und Generationen umgreifende Geschichte über US-amerikanische Mythen vor sich zu haben.
Salopp gesagt, und nicht bös gemeint, gibt es gar nicht viel zu übersetzen. Denn auch Übersetzer Bernd W. Holzrichter lässt den weißen Cop 'Tutt' im Deutschen Nigga sagen, sich gegenseitig beim Sex Eiswürfel ins Rektum (engl. rectum) zu schieben, sollte man mal ausprobieren, und ansonsten wimmelt es vor Zeitkolorit, bei den Autos angefangen, den TransAms, dem Plymouth-Reliant-Vierzylinder, dann die Band-Namen, von Wave bis Straight Edge - nein, sagt Karras, der Enddreißiger auf einem Konzert mehrerer Bands, Rollins' Black Flag sei ihm doch zuviel -, die vielen Lookalike-Vergleiche bei Frisuren oder Mode - à la: ihr Haar wie Susanna Hoffs von den Bangles, bevor sie für das Cover des zweiten Albums ein neues Outfit verpasst bekam ... - und letztendlich müssen auch die Waffennamen Glock und Walther, einst vereint in Großdeutschland, nicht übersetzt werden.
George Pelecanos 's Plot ist ein einfacher. Umso eleganter ist der Stil der Umsetzung der Geschichte. Das Buch spielt mit Simultanität: dasselbe Ereignis manchmal von hinten und vorne und teils von der Seite durch die Augen verschiedener Possies betrachtet. Kein Schelm, wer an Kino denkt. Nicht zwangsläufig tut sich ein Drehbuchautor im Roman-Fach leicht. Doch Pelecanos tut. In jüngerer Zeit schrieb er für die Erfolgs-TV-Serie "The Wire" - freilich neben vielen anderen US-amerikanischen Hardboiled-Krimi-Größen.
Mittelpunkt spielt ein einziger Block: der, in dem Marcus Clay den vierten Schallplattenladen seines kleinen Imperiums aufgemacht hat, und in dem 'Tyrell', Möchtegern-Drogenkönig, mit Unterstützung des Cop-Duos Tutt, Weißer, und 'Murphy', Schwarzer, auch gern ein Imperium hätte. Während Cop Murphy zunehmens dem Alkohol zugeneigt ist, weil er die ständigen Nigger-Witze seines Partners nicht mehr hören kann - Motto: "Hey Kumpel, nur Spaß, Du bist doch einer von den Guten!" -, kommen im sonstigen Personenreigen alle Formen des Koks-Konsums vor; vom braven Wochend-User bis zum grenzwertigen Fall von Clay's Controller Karras, dessen Arbeitsfähigkeit so grade noch gewährleistet ist.
Kunstvoll verwebt George Pelecanos den Diebstahl von Drogengeld durch einen Freund einer Freundin des Controllers ins Geschehen - und damit die Anderswelt der Drogendealer in der Hood. Plattengeschäft-Besitzer Clay wird derjenige sein, der zumindest einen Teil der dortigen schwarzen Kids aus der Scheiße raushalten kann und letztendlich mit unerwarteter Hilfe anderer, in denen doch noch etwas Gutes steckt, korrupte Cops und Gangs gegeneinander ausspielen kann. Sicher: Das ist der Wunschgedanken-Part seines Thrillers, der eher als Sittengemälde daherkommt.
Alle Facetten von Rausch sind indes beiläufig beleuchtet. Die Post-Koks-Depression, das dutzende Stunden lange Gequassel, jeder simpelste Satz in den Momenten eine philosophische Überhöhung - am nächsten Tag vergessen. Das Abhauen der Freunde als untrügliches Zeichen, dass das letzte Briefchen aufgebraucht ist. Aber auch der tatsächlich überhöhte Sex, nach Stunden oder Tagen des Feierns - "Etwas Besseres als das hier gab es nicht", lässt Pelecanos danach seinen Karras sinnieren. Und auf der letzten Seiten von "Eine süße Ewigkeit" stirbt der reale Basketball-Star Len Bias an einer Kokain-Überdosis. Keine Party ist für immer, sang mal Prince ... aber das war schon in den Neunzigern, oder?
ACHTUNG: Besprochenes Buch derzeit - Aug. 2011 - nur antiquarisch.
Besprochene Ausgabe: Dumont | 2003 | 336 Seiten | Festeinband* | €
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1. Michael Herzig: Töte deinen Nächsten (2012)
2. Gavin Knight: The Hood (2012) - Orig.: Hood Rat (2011), engl.
3. Linwood Barclay: Weil ich euch liebte (2012) - Orig.: The Accident (2011), engl.
4. Val McDermid: Alle Rache will Ewigkeit (2011) - Orig.: Trick of the Dark (2010), engl.
5. Elisabetta Bucciarelli: Ich vergebe dir (2012) - Orig.: Io ti perdono (2009), italienisch
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