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 23.05.2012         Georg Klein - Roman unserer Kindheit: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Georg Klein - Roman unserer Kindheit: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Roman unserer Kindheit

(2010)
Das Block der Versehrten
Mit einem Wechselbalg als Erzähler bemächtigt sich Sprachartist Georg Klein des Themas Verdrängung.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 18.03.2010

Im Dokumentarfilm „Das Block“ von Chris Wright und Stefan Kolbe nähert sich ein deutscher Plattenbau seinem absoluten Leerstand. Den Alltag der letzten vier Bewohner skizzieren Wright/Kolbe gefühlvoll. Georg Kleins „Roman unserer Kindheit“ spielt etwa 50 Jahre früher, zeitlich nicht genau verortet, aber wohl Anfang der Sechziger. Wohnungen im Türkisen Block, im Grünen Block oder im Weißen Block einer süddeutschen Trabantensiedlung sind begehrt und erfordern eine Menge Antragsmaterialien bei der Stadt. Alleinstehend einziehen geht schon mal gar nicht. Der Mann ohne Gesicht - ein Kriegsversehrter, der seit dem Krieg in einem Bauwagen im Wald lebt, bis ihm die Waldarbeiter, seine einzigen gelegentlichen Gesprächspartner, nahelegen, wieder in Kontakt mit Leuten zu kommen, weil er immer wunderlicher wird - sucht so den Stempler auf, in der Kneipe Affentanz. Dort, in einer Gemengelage aus Siebzehnundvier, GIs aus der nahegelegenen Kaserne, Messerstechereien, Malochern und einigen Jenischen - Fahrende, die der Staat ebenfalls in einem der Blocks dingfest gemacht hat - notiert sich der Stempler auf einem schmalen Abreißblock die Daten, die auf den zu fälschenden Dokumenten auftauchen sollen. Dann macht er sich an die Arbeit, Papiere zu gilben und Stempel zu schnitzen...

Der Mann ohne Gesicht verhüllt das Fehlende mit Mull, nur Mund und Augen scheinen frei, eine Nase scheint nicht mehr vorhanden. Zu ihm gesellt sich noch ein wahres Panoptikum an psychisch und physisch verletzten Kriegsteilnehmern. Etwa der blinde Fehlharmoniker mit seiner Hündin Sputnik, der Kommandant Silber, der fallsüchtige Kikki-Mann, dem nach dem Fallen auf dem Rücken liegend das Blut aus dem Mundwinkel läuft, weil er sich immer dabei auf die Zunge beißt, oder der Wohnungsbaubeauftragte; dem sein linker „Restarm, der sich lang lammfromm in seine lederne Prothesenmulde schmiegte, ist seit dem Frühjahr chronisch, richtig bös, entzündet.“
Viel ist von vielen Männern nicht übrig, besonders vom Gesicht, aber das macht nix, „zur Not kann man einen alten Kameraden auch an der Art, wie er aus seinen Augen guckt, erkennen.“ Da braut sich was zusammen, Der Mann ohne Gesicht fängt an, sie um sich zu scharen.

Wie kommt das nun zusammen mit dem Buch-Titel „Roman unserer Kindheit“? Der vielgestaltige Allwissende Erzähler, ein fabelhafter Wechselbalg, mal Embryo, mal Kind, mal ätherisch, lässt uns noch Schniefer, Wolfskopf, die Schicke Sybille, die Kleine Schwester der Schicken Sybille, den Ami-Michi, die Witzigen Zwillinge oder den Großen Bruder beobachten. Die Kids treiben sich rum zwischen den Blöcken, in den Gewölben einer alten Brauerei und zwischen Kleingärten. Auch die Ferse eines der Kinder wird versehrt und wird nicht mehr aufhören zu nässen. Bei ihren Erkundungen dringen sie zu den Geheimnissen der Erwachsenen vor, doch Georg Klein scheint sein Buch ins Surreale abdriften zu lassen, um seine Schützlinge vor allzu viel Schaden zu bewahren. Denn ein Mord ist vorhergesagt...

Klein zeigt, dass der WK II niemanden unverletzt ließ. Egal ob an der Front, der Heimatfront, im Feuersturm, auf der Flucht, egal ob vergewaltigt, körperlich verletzt oder unverletzt. Sogar seine Kinder in „ihrem“ Roman kriegen die mannigfachen Formen des Grauens um die Ohren gehauen. Das Grauen färbt durch auf die Nachgeborenen, es sickert ein und es nässt in den Wundverbänden. Die Nachgeborenen werden in den späten Sechzigern trotzdem rebellieren, gegen das Unterbuttern der jüngsten Geschichte durch die Alten. Die heimgekehrten Exilanten und ausländische Beobachter empörten sich darüber schon in den Fünfzigern. Es war leicht, sich zu empören, wenn man das Ganze nicht mitgemacht hatte. So einen Krieg, solche Schrecken, aufzuarbeiten - Nazitum und Schuldfrage hin oder her - das bedeutete im Fall Mensch erstmal Verdrängung. Anders war wohl Weiterleben anfangs nicht möglich.

Georg Kleins „Roman unserer Kindheit“ hätte ein großes Buch zu diesem Themenkomplex werden können, wären nicht Erzähltechnik und Stil so verdammt gewöhnungsbedürftig. Nur ein kleiner Teil an Lesern dürfte an soviel Exzentrik Gefallen finden. Kleins Sätze sind aneinandergelegtes knallbuntes Konfetti, zuviele Fetzen, die keine Kohärenz ausbilden. Durch seine Fahrigkeit kommt man seinen Figuren nicht richtig nahe. Man muss den Plot, eine Geschichte suchen zwischen und unter Versatzstücken, den kruden Metaphern und aneinanderschlagenden Bildern. So, dass das alles zäh bleibt und nur eine komische Spannung bildet, die nicht richtig hervorbricht, hinter Gaze bleibt und den Leser ständig im Unzufriedenen belässt. So sieht zwar Verdrängung aus, aber so kann man sie nicht beenden.

Besprochene Ausgabe: Rowohlt | 2010 | 448 Seiten | Festeinband* | € 22,95


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
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