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Gaetano Cappelli - Die beste Lage: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Die beste Lage

(2012) - Orig.: Storia controversa dell'inarrestabile fortuna del vino Aglianico nel mondo (2007), italienisch
Selbstlügen im Wein
Lieber berühmt oder reich oder beides? Wie auch immer sich die Helden in Gaetano Cappelli 's "Die beste Lage" entscheiden, sie erreichen ihre Ziele immer nur auf dem Rücken ihrer Feinde oder, schlimmer, ihrer Freunde. Über Menopause, männliche End-Vierziger, ewige Hippies und den "unaufhaltsamen Siegeszug der Aglianico-Weine um die Welt" - so in etwa lautet der Originaltitel.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 14.08.2012
Gaetano Cappelli - Die beste Lage
Zoom Gaetano Cappelli - Die beste Lage

Am Ende werden tatsächlich zwei Winzer, die Aglianico anbauen, diese uralte Rebsorte aus der Basilikata, in das jährlich erscheinende Buch der 100-Must-Have-Weine eines US-amerikanischen Verlegers aufgenommen, in "Die beste Lage". Doch werden es die beiden richtigen sein, und vor allem, werden sie im Ranking so platziert sein, wie es sich die Handvoll Ränke schmiedender Helden Gaetano Cappelli 's gedacht hat? Denn ein mäßig erfolgreicher Ethnologe gerät mitten hinein in eine Fehde zwischen altem toskanischen Adel und einem schwerreichen Parvenü, mit dem er einst die Schulbank gedrückt hat ...

Zugegeben, dem Neureichen 'Dell'Arco' heftet der Autor alle Klischees an, die man an einem solchen Menschen festmachen kann. Von der Yacht mit Möbiliar aus durchsichtigem Acryl aber mit barocken Formen und Bezügen im Tigerfell-Style bis hin zum Hobby, das irgendwann Geld einbringen kann - oder auch nicht. Bei Dell'Arco ist es Weinbau. Zu dumm, dass er, obgleich dieser Vorwurf stimmt, seit Neuestem in der Presse als Oberproll, gar "Neotölpel" tituliert wird. Auslöser war ein verbaler Zusammenprall mit dem stilvollen und ober-coolen toskanischen Grafen 'Yarno'. Dass auch dieser manch Schein unfreiwillig aufrecht erhalten muss, wird später herauskommen.

Doch erstmal ist Krieg. Und in den verschlägt es auch die zweite Klientel aus Cappelli 's Personenreigen. Da ist 'Eleonora', die Ehefrau des Ethnologen, die sich mit 50 plötzlich im Theater engagiert, hauptsächlich der jungen Schauspieler wegen, da ist der zwischenzeitlich in der Versenkung verschwundene einst gehypte Maler 'Giàcenere' sowie eine US-amerikanische Ethnologen-Kollegin, die einzige Frau bisher, mit der 'Riccà' einen ausgedehnteren Seitensprung hatte.
Diese mehr oder weniger bürgerliche Mitte scheint es zu sein, die sich mit Menopause oder der Angst vor dem körperlichen Verfall auseinandersetzen muss, mit all den Begleiterscheinungen, wie der Jagd nach dem jüngeren Sexualpartner, dem Sich-Entlieben in der Ehe oder Sich-Stürzen in Sommelierkurse, Ehrenämter, Katechese, transzendentale Meditation oder Fairen Handel, an sich verdienstvolle Angelegenheiten, wie Gaetano Cappelli meint, "aber der fanatische Ernst, mit dem sie in Angriff genommen wurden, verriet das ihnen zugrunde liegende Unbehagen."
Dem stellt er Berühmtheit und gesellschaftliche Beliebtheit entgegen, oder eben sagenhaften Reichtum. Manch gerade genannte Problematik scheint in dieser Klientel gedämpft oder abgefedert zu sein, andere verstärken sich eher und ganz andere kommen überhaupt erst hinzu ...

Die Gegenwart seiner Helden weiß Cappelli mit sanfter Melancholie vorzutragen, die Schmunzeln gebiert, aber nicht den lauten Lacher. Leider nimmt er eine Verschränkung vor mit der Geschichte der Ahnen einiger Figuren. So unterfüttert er etwa die tieferen Gründe der Fehde zwischen Dell'Arco und Graf Yarno, die beide Wein anbauen. Streut aber auch recht überflüssig die Geschicke des Vaters von Ethnologin 'Chatryn Wally Triny' ein, als damals frischer italienischer Einwanderer in die USA. Bei einer Roman-Länge von 250 Seiten geraten diese Einsprenksel doch eher stumpf wie Curriculum Vitae, ohne die exemplarischen, exponiertenTaten, die ein Buch tragen wie eine Reihe von Pfeilern eine ganze Brücke. Der Charme für das abschweifende Erzählen fehlt Gaetano Cappelli in "Die beste Lage". Nur manchmal lässt er Sprachkunst aufblitzen, etwa wenn er die Familie aus dem toskanischen Uradel in einem kaskadenhaften Satz charakterisiert, der einen über eine komplette Buchseite mit hinfortreißt. Doch meist sind Vergangenheit und Gegenwart nicht verschmolzen, seltsam unverzahnt und kalt aneinander vorbeirauschend.

Wenn Gaetano Cappelli das Hier-und-Jetzt aufs Korn nimmt, ist er besser. Auf ewigem Hippietum und Esoterikanwandlungen herumreiten ist zwar auch ein beliebtes und leicht zu bespielendes Motiv. Aber Cappelli 's Maler Giàcenere ist schon klasse. Er ist exzentrisch in seinem safrangelben Seidenhemd, den langen Haaren und Spitzbart, der violett und orange gestrichenen Wohnung und mit zwei sylphidischen jungen Australierinnen am Arm. Eigentlich will gescheiterter Ethnologe Riccà sich am Unglück eines noch tiefer Gefallenen weiden, als er beschließt den Freund seit Schultagen zu besuchen. Doch der hat's mittlerweile geschafft - dank eines gewissen Dell'Arco. Dem vom Leben gelangweilten Riccà macht er ein Angebot, das dieser nicht ablehnen kann ... Doch bevor die beiden durch Turbulenzen gehen, die auch den einstigen Seitensprung Riccà's wieder mit einbeziehen werden, nimmt Gaetano Cappelli erstmal Schwung aus dem Fortlauf seiner Geschichte mit einer der lustlos vorgetragenen Geschichtlein um die Ahnen. Das wird er wiederholen und "Die beste Lage" wird insgesamt ein zwiespältiges Vergnügen sein.

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Besprochene Ausgabe: C. Bertelsmann  |  2012  |  256 Seiten  |  Festeinband*  |  € 17,90

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