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Friedrich Christian Delius Die Frau, für die ich den Computer erfand

Friedrich Christian Delius - Die Frau, für die ich den Computer erfand (2009)

„A1, der Grundstein vons Janze“
Friedrich Christian Delius setzt dem Computer-Erfinder Konrad Zuse ein schönes Denkmal mit einem Roman in ungewöhnlicher Form.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 03.12.2009
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Im spektakulären 2003er ZDF-Ranking zum „Größten Deutschen“ landet Ingenieur, Erfinder, Firmeninhaber Konrad Zuse immerhin auf Platz 15. Vor ihm Robert Bosch. Zuse, der Mann, der in der Entwicklung des Computers sofort auf das Binärsystem setzte, der in einem Wohnzimmer in der Methfesselstraße in Berlin-Kreuzberg die erste frei programmierbare Universalrechenmaschine, also anerkanntermaßen den ersten Computer baute, platziert hinter einem schnöden Autobastler? Was war da schiefgelaufen? Denn das Votum der Teilnehmer an der ZDF-Umfrage kann man sogar als hoch einstufen, verglichen mit der geringen Anerkennung, die international gesehen Konrad Zuse zu seinen Lebzeiten - er starb 1995 - entgegengebracht wurde.

In einer hochspannenden, fiktiven Tonbandaufnahme, einem letzten Interview mit einem Reporter, hoch oben auf einem Berg in der Rhön, von 6 Uhr abends bis 6 Uhr morgens, setzt sich Friedrich Christian Delius mit Erfolg und Tragik dieses Mannes auseinander, der uns in diesem, die Nacht währenden Monolog, mal eben sein eigenes, archetypisches deutsches Schicksal umreißt, stellvertretend für all die Menschen, denen der Krieg das Lebenswerk zerbombt, die sich, da sie Tod und Armut ins Angesicht gesehen haben, zynisch geworden, nach dem Krieg schnell wieder aufrappeln, doch im Falle Konrad Zuses sehen müssen, dass die ehemaligen Alliierten zwar grobschlächtiges Wirtschaftswunder zulassen, aber technologische Vorherrschaft in Deutschland im Keim ersticken. Deutschland soll sich nie wieder rächen können, an wem auch immer.

Mehrfach knüppeldick kriegt's Zuse immer wieder drauf: Durch Adolf Hitlers Krieg sind Transistoren so teuer und knapp, dass Zuse eine Schar von Helfern Blechplättchen und Sperrholzplättchen laubsägen lassen muss. Leichte Unzuverlässigkeiten sagt man dem daraus entstehenden „A1“ nach. Tausende mechanische Teilchen, von denen immer wieder mal eins versagen kann - zuviele. Währenddessen bauen die US-Amerikaner mit viel Materialaufwand und ohne Knappheit „Mark 1“ und „ENIAC“, deren Technologien - sie benutzen das Dezimalsystem - zwar ein Abstellgleis sind, mit deren Hilfe sie jedoch schon die enormen Rechenarbeiten zum Bau der Atombombe bewerkstelligen. So ist es halt - der Deutsche: der Denker und Zufrühgekommene mit seinem Binärsystem; der Ami: der Macher.
Der „A3“ wird auch zur Profilberechnung sogenannter Flugbomben benutzt, die jedoch in keinster Weise mehr eine kriegsentscheidende Bedeutung haben werden. Im fiktiven Monolog erläutert Zuse die Unmöglichkeit eines Bürgers eines kriegsführenden Landes, sich komplett dieser Kriegsführung zu entziehen. Ein Gedankengang des Rezensenten in diesem Zusammenhang, könnte Zuse gefallen: Baue ich als Bauer Kartoffeln an, essen davon sowohl Zivilisten als auch Soldaten. Ist der Bauer also Kriegsverbrecher? Büßen tun freilich alle, noch bevor der „A3“ unter Trümmern liegt, weiß Zuse: „Sie lernen im Dunkeln zu sehen. Wenn die Fensterscheiben splittern, wissen Sie, was zu tun ist, und wie Sie sich hinwerfen bei den gefährlichen Luftdruckwellen. Sie können Sprengbomben von Brandbomben und Phosphorbomben und Zeitbomben unterscheiden. Sie dürfen nie aus Angst handeln, sonst machen Sie was falsch.“ Die Passagen über die letzten Tage in Berlin und über eine spektakuläre, zweiwöchige Flucht mit dem Zug, mit einem noch funktionierenden Computer in einem Wagon und quasi unter Dauerbeschuss, lassen jeden Leser gefrieren, der solches nie erleben musste.

Nach dem Krieg ergötzt sich Deutschland sehr rasch am Wirtschaftswunder, ohne zu sehen „dass stetiges Wachstum mit stetigem technischen Wandel einhergehen muss“. Allein die Industrial Business Machines, die IBM, investieren in Computer in den 50ern siebzig mal so viel, wie alle Institutionen und Firmen in Deutschland insgesamt, schreibt Delius aka Zuse. Zudem werden Patenterteilungen an Zuse durch fast geheimdienstartig anmutende Machenschaften der IBM um Jahrzehnte verschleppt.

Bisher mag es sich so lesen, als hätten wir es mit einem reinen Sachbuch zu tun. Nein. Die Form dieses Romans ist schon mal für sich grandios, auch wenn so ein Monolog nichts grundlegend Neues ist. Aber die unbefangene, lakonische, schalkhafte, sympathische Erzählweise, die Friedrich Christian Delius seinem Zuse aufdrückt, macht „Die Frau, für die ich den Computer erfand“ zu etwas Besonderem. Man muss auch nicht technikinteressiert sein, denn wenn Konrad Zuse schmunzelnd heutige Begrifflichkeiten mit den damaligen vergleicht - so etwa „das schöne Wort Kalkül von Leibniz“, das er für das heutige „Programmieren“ benutzte - so gefällt das jedem Leser. Tja, und die Lovestory natürlich: Wer Ada Lovelace - welch klingender Name - ist, das müssen sie beim Lesen des Buches selber herausfinden...

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Besprochene Ausgabe: Rowohlt Berlin | 2009 | 284 Seiten | Festeinband* | € 19,99
 
* Festeinband: harte Buchdeckel
  / Broschur: weiche Buchdeckel

 
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