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 23.05.2012         Frederik Pohl - Gateway: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Frederik Pohl - Gateway: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Gateway

(2004) - Orig.: Gateway (1976), engl. (in: Die Gateway-Trilogie, Heyne)
„Ecoutez, gospodin, tu es verrückt.“
Was Menschen für Geld tun, kann in einem Science-Fiction-Roman noch verrückter dargestellt werden. Genau in der Mitte zwischen zwei Ölkrisen tut dies Frederik Pohl 1976.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin * 15.12.2008

Ja, ja. Der Zahn der Zeit. Der nagt an allem, also auch an einem SF-Roman von 1976. Oder auch an einem Woody Allen-Film der Siebziger. Das macht einen Woody Allen-Film allerdings nicht schlechter. Was die Zeit an der einen Stelle nimmt, kann sie auch an anderer hinzufügen. Man mag genervt sein vom Psychotherapie-Smalltalk, der den Großteil der Dialoge dieser Filme ausmacht. Doch sind sie auch großartige Zeitzeugnisse. Man riecht die Siebziger. Und die Wahrheiten bleiben, auch wenn man anders über sie spricht heutzutage. Frederik Pohl 's „Gateway“ hat auch diesen Rückhol-Effekt, oder Hervorhol-Effekt, wie man will. Der kommt zum einen durch die Therapie-Sitzungen zwischen der Maschine 'Sigfrid von Shrink' und der Hauptfigur 'Bob'. Doch, um beim Vergleich zu bleiben, im Gegensatz zu Allen ist die Sprache hier sehr konzentriert und verdichtet - dabei schön in sich ruhend - während sie in den weiteren Erzählsträngen auch noch den typischen dreckigen, desillusionierten, harten Duktus der Siebziger hinzunimmt.

Denn was da im Weltraum passiert, ist alles andere als heroisch, clean oder Glanz, der von High Tech normalerweise ausstrahlt. Es ist schmutzig, abscheuerregend, menschenverachtend. Genauso wie auf Good Old Earth. Die Figuren, sie sind Geschöpfe der Umstände, unter denen sie groß wurden, und die sind auf Pohl 's zukünftiger Erde nicht rosig. Es herrscht Überbevölkerung und die breite exponentielle Basis der Einkommenskurve zeigt auf arm. Der neue Amerikanische Westen, die neue Lüge von den unendlichen Möglichkeiten, heißt Weltraum, heißt Gateway.

Das Leben auf Gateway, einem Asteroiden, in den Tunnel getrieben sind, stinkt, ist eng, ist ständig auf der Überholspur und lange dauert es meistens auch nicht. Der Leser riecht die Menschen in ihren Polyesterhemden der Siebziger respektive in dieser Zukunft, die leider in den Neunzigern nochmal populär wurden, da in der Normalunterkunft nur 45 Sekunden Duschen alle drei Tage enthalten ist. Man riecht ihren Schritt, denn Sex haben sie wie die Kaninchen - das Leben ist kurz und die Angst auf Gateway permanent -, meist alle Geschlechter untereinander, denn nebenbei bricht Pohl auch noch eine Lanze für die gleichgeschlechtliche Liebe mit diesem Roman. Wegspülen kann man die Angst natürlich auch, und so verdienen sich die Wirte der Bars an ihrem Monopol eine Goldene Nase.

Die Leute, sie sind direkt, sie sagen sofort, wenn ihnen etwas auf die Nerven geht, 'p. c.' ist nicht, und sie schlagen zu, wenn sie zu sehr genervt sind. Heute werden Figuren in einem heroischen Sinne dreckig, wie der 'neue' Bond. In den Siebzigern waren sie einfach dreckig. Wie Jeff Bridges mit den stolz zur Schau getragenen nassen Achselhöhlen in 'TRON'.

Atmosphäre ist denn auch das, was dem Roman immer noch seine Berechtigung gibt. Relativ schnell kann man den Roman auf das Glücksrittermotiv reduzieren, in einer Welt, in der nur wenige wirklich absahnen, auf Kosten der Knochen der Masse. Das bleibt so, auch als 'Gateway' entdeckt wird: „Im Inneren befanden sich die Sterne“, nämlich zurückgelassene überlichtschnelle Raumschiffe einer verschwundenen Rasse. Man kann sie verwenden, doch ihre Ziel-Programmierung nicht ändern. In einer furiosen Allegorie lässt Pohl die Raumfahrer massenhaft zu Tode kommen, die sich freiwillig melden, um sich auf eine Reise schicken zu lassen, die selten eine Wiederkehr hat. Alles passiert nicht aus wissenschaftlichem Ethos heraus, sondern weil die Wiederkehrer, so sie es schaffen, fürstlich von der Erforschungsgesellschaft bezahlt werden!

Es gibt viele Fratzen des Todes an den Zielpunkten der Schiffe. Oder auf der Rückreise, wenn Verstrahlungen, Verseuchungen, Verletzungen oder schlicht das Verhungern der Crew den Garaus machen. Unbeliebtester Job auf Gateway ist das Öffnen der zurückkehrenden Kapseln...

Zutiefst mitfühlend sind die Beschreibungen der vielen Ankunfts- und Abschiedsparties mit ihrer Elegie und das schnelle Gewinnen und Verlieren von Freunden auf der Station, so schnell wie in einer Sylvesternacht. Schneller leben im Angesicht des Todes oder vielmehr angesichts der Angst sich in die Todesangst zu begeben. 'Bob' und 'Klara' pendeln in der Absurdität ihres Tuns und einer seltsamen Klarheit über ihre Motivationen: „Was es uns erleichterte, der Selbsterkenntnis auszuweichen, war, dass wir voreinander und manchmal jeder sogar vor sich selbst so taten, als bereiteten wir uns besonders genau auf den Tag vor, an dem der richtige Flug sich anbieten würde.“ Sie schauen dem Lauf in die Öffnung beim Russisch Roulette: „Als ich sicher war, überfiel mich die Angst.“

Besprochene Ausgabe: Heyne | 2004


 

 

 

 
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