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 23.05.2012         Frédéric Beigbeder - Ein französischer Roman: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Frédéric Beigbeder - Ein französischer Roman: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Ein französischer Roman

(2010) - Orig.: Un roman français (2009), französisch
"Nicht zuschlagen, er ist prominent!"
Kein Roman. In "Ein französischer Roman" übt Frédéric Beigbeder das Genre Kindheits-Autobiografie, und beschränkt seine Selbstbeschau strikt auf die Zeit zwischen etwa seinem sechsten und sechzehnten Lebensjahr.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 01.11.2010

Frédéric Beigbeder saß wegen Betäubungsmittelkonsums in der Öffentlichkeit 2008, damals 42-jährig, etwa 48 Stunden in Untersuchungshaft. In diesen 48 Stunden, oder zumindest Teilen davon, will er den Entschluss gefasst haben "Ein französischer Roman" zu schreiben und will ihn auch noch gleich mental entworfen und abgespeichert haben. Schreibmaterialien hatte er selbstredend keine, denn U-Haft-Zellen, so lernen wir im Buch, sind absichtlich so schäbig wie möglich, um die Insassen zu brechen oder zumindest gefügiger zu machen. Nun - hier geht es los mit der gewundenen Künstlichkeit seiner Kindheits-Autobiografie, die nämlich "Ein französischer Roman" geworden ist. Geschrieben hat Beigbeder daran 1 1/4 Jahre, von Januar 2008 bis April 2009. Doch die leidlich interessanten Kapitel werden immer wieder durch Einschübe der Vorgänge um die U-Haft unterbrochen. Seiner Freundin spricht er nach der Entlassung auf AB, es sei nichts Schlimmes passiert, aber vielleicht sei er jetzt endlich zum Mann geworden ... Dass dem nicht so ist, belegt sein Buch, das er ja nach diesem Selbst-Zitat erst beginnen konnte zu schreiben. Sein Umgang und seine Gespräche mit den Streifenpolizisten und Kommissaren kommen eher mit der billigen Trotzigkeit eines Pubertierenden daher. Stop! Jetzt könnte man argumentieren, im Buch schaue der nun erwachsene Beigbeder zurück - war also noch Kind, wenngleich 42-jähriges. Fatal ist jedoch, er hätte mit dem Trash, sei er nun erfunden oder wirklich so gewesen, im Buch nicht posen und kokettieren müssen, gipfelnd in lächerlichen Vergleichen, in die er sich und einen namentlich nicht genannten mitverhafteten Dichter stellt, zu namhaften internationalen Literaten, die zu ihren Zeiten wirklich und richtig lange einsaßen.

Interessanter sind da schon die Blicke nach weit zurück. Denn aus den Jahren, in denen Frédéric Beigbeder schon als Romancier, Literaturkritiker, Lektor oder TV-Moderator berühmt war, wird man nichts erfahren. Im Grunde ist "Ein französischer Roman" ein Scheidungsdrama geworden. Denn damit, der Trennung der Eltern als Beigbeder sechs war und deren Scheidung zwei Jahre später, setzt die Autobiografie an, und wird diese Straße eigentlich bis zum Schluss nicht verlassen, wenn noch die wechselnden, neuen Stiefväter beschrieben werden, eigenartigerweise aber nie ein neue Liebe des Vaters. Freilich gefeit die dabei größtenteils eingehaltene Ernsthaftigkeit in diesen Abschnitten nicht erneut vor Koketterie, Belanglosigkeit und selbst Kitsch. Eine Selbstbeschau - neidisch betrachtet der Rezensent vor allem die jeweils etwa anderthalbseitigen Auflistungen unter der Nomenklatur "Elterninventur" von Mutter und Vater: was für geile Eltern! - sei jedem gegönnt. Nur ist man schon sehr verschaukelt, wenn man trotz hochtrabendem Buchtitel eigentlich höchst wenig vom "zeitgeist", wie es die Angelsachsen jetzt so nett kleingeschrieben benutzen, der durchlaufenen Epochen erfährt. Da ist einmal die DVD "La Boum" anschauen wesentlich zeitökonomischer als Beigbeder 's 260 Seiten durchpflügen. Denn der fügt pflichtbewusst manchmal launig Banalitäten ein, wie, Frankreich habe die Weltkriege und seine Kolonien verloren und fühle sich aber unbeschnitten genauso erhaben, wie zu den alten Zeiten.

Er erzählt unablässig von fehlender Liebe, beschreibt jedoch das Gegenteil. Die Mutter, auch in den härteren Jahren stets liebevoll, obwohl sie sich schon früh die härteste Strafe der Emanzipation aufbürdet: Sie erzieht Bruder Charles und Frédéric und geht arbeiten. Warum sie das trotz Unterhaltszahlungen und ihrer Abstammung aus einem Adelsgeschlecht tun muss, bleibt unersichtlich. Der Vater entstammt dem Großbürgertum.
Auch der Vater scheint der coolste der Welt zu sein, wenn Frédéric Zeit mit ihm verbringt.

Das ist alles ganz nett zu lesen, und wäre vielleicht sogar gut, wenn es Frédéric Beigbeder nicht unter diesen lächerlichen Prämissen geschrieben hätte, nämlich sich als Koks-Nase aufzublasen und sich als U-Haftler wichtig zu machen. Denn damit hat er sich die Erwartungshaltung des Lesers aufgebürdet, bei "Ein französischer Roman" mit irgendeiner Erhellung belohnt zu werden. Die kommt nicht. Mein Gott, Beigbeder, schreiben Sie nächstes Mal: man nimmt mal ein Näschen, weil es eben Spaß macht. Nicht mehr und nicht weniger.

Besprochene Ausgabe: Piper | 2010 | 320 Seiten | Festeinband* | € 19,95


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
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