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- Ein Bulle im Zug

(2014)
Führerlos
Am Ende gar Anleihen bei Odysseus: Franz Dobler schickt seinen Helden per Zug an temporäre Orte zum Nachdenken.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 17.08.2014
Franz Dobler - Ein Bulle im Zug
Zoom Franz Dobler - Ein Bulle im Zug

Der Dobler ist Augsburger. Wenn man dort im vergangenen Frühjahr hinkam, oder in die Landkreise drumrum, gab es an Ess- und Stammtischen nur ein Thema: der Augsburger Polizistenmord. Fassungslosigkeit über die Schwierigkeit, einen der beiden mutmaßlichen Täter wirklich zu verurteilen. Da musste man sich trotz aller Emotionen schon trauen anzumerken, dass sich trotz möglicher Kapriolen in unserem Justizsystem, doch niemand ernstlich ein Gestapo- oder Stasisystem zurückwünsche? Und man konnte erkennen, wie paradox der Bürger den Berufsstand Polizist einschätzt, wie er sein Fähnlein in den Wind hängt, fast egal, an welchem Tisch er gerade sitzt: verächtlich die Bullen, aber gerne schnell die 110 wählen, wenn man zu blöd ist, Konflikte selber zu regeln. Erst wenn einer stirbt - und es muss in der Nachbarschaft sein -, heißt es: Ach ja, das war ja ein Mensch. Der begibt sich in Gefahr und hat aber genauso Kind und Freundin wie wir ... Und plagt sich mit demselben Scheiß ab.

Hält ein Bulle auf der Landstraße eine Blondine an. "Fahrzeugkontrolle. Den Führerschein bitte." - "Ja, gerne. Was ist denn das genau?", fragt die Blondine. "Na, so ein Dings, wo ein Foto von Ihnen drauf ist." Die Blondine kramt und kramt und kramt in ihrer Handtasche und hält dem Bullen schließlich ihren Schminkspiegel hin. "Ach so, Sie sind auch Bulle! Konnt ich ja nicht wissen."
Franz Dobler lässt seine Helden in "Ein Bulle im Zug" Bullenwitze am laufenden Meter erzählen, der obige frei wiedergegeben und bestimmt pointierter abgedruckt im Buch. Bullen-Lebenspartner sind's gleich, der 'Robert Fallner' und die 'Jaqueline', die ihre Beziehung in die Sackgasse manövriert haben. Der Robert bricht nach langem Zaudern aus; dienstunfähig geschrieben kauft er die teuerste BahnCard für die BRD und fährt los und hofft, nicht gegen einen Prellbock zu donnern. Den jungen Kriminellen will er aus dem Kopf kriegen, den er im Einsatz erschießen musste. Doch der fährt freilich mit kreuz und quer durchs Land, wie eine Spiegelung im Wagonfenster ...

In der Eingangssequenz von "Ein Bulle im Zug" ist es der personifizierte ICE-Zug höchstselbst, der spricht. Vor dem "weißen Hai", der seine Pferdestärken immer wieder ungewollt bremsen muss, wegen diesem kleinen Mann im Kopf (dem Führerhaus), wird einem angst und bang. Könnte er, wie er wollte, gäbe es keine Reduzierung aus Lärmschutzgründen, würde er alles niederwalzen, die mickrigen LKWs, die Autos, die Menschen und würde den Sackbahnhof zermalmen, auch wenn ihn das selber schaden würde. In ein solches Viech steigt der Fallner ein, na prost Mahlzeit. Wer da wohl auf wen abfärbt. Jaqueline und Robert haben es immerhin nicht verlernt, sich gegenseitig zu provozieren, wie man aus Rückblicken erfährt. Sie steigern sich in Szenen aus Kriminalfilmen hinein, die etwa, wo der Mann seine Geliebte im Augenblick des Orgasmus abknallt und schreit: "Ich liebe Dich!" Jaqueline bemäkelt die womöglich entstehende Sauerei dabei. Man müsse halt den Kissentrick anwenden, sagt Robert. Nein, unter einem Kissen wolle sie nicht sterben.

Es ist vor allem eine Reise in die Nacht, in den Zügen selbst im Bistro oder Restaurant, jeweils angekommen an den Nicht-Orten um die Bahnhofsgebäude, mit ihren scharfen Kontrasten zwischen neonhell oder zugeschissener Dunkelheit. Die Spelunken der Luden und Prostituierten, die nur vermeintlich billigen Stundenhotels. Ein Schelm, der Franz Dobler, baut er noch einen Kriminalstrang ein, der sich wie das von den Zügen ausgestoßene klebrige Toilettenpapier übers ganze Gleisnetz legt, das Fallner bereist. Von wegen Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps: Fallners Chef stimmt recht unwirsch dieser therapeutischen Maßnahme zu und meint, wenn er ihn schon kreuz und quer durch die Lande reisen ließe, könne er sich ein bißchen umhören und "die Augen offen halten". Denn ein Puzzle von Serienmorden fügt sich zusammen - Tatorte immer in Bahnhofsnähe.

Franz Dobler schaut direkt in den Kopf von diesem Fallner, lässt ihn abschweifen, mäandern, eine Exaltiertheit innerlich ausleben, die man nach außen hin nur gelegentlich aufblitzen sehen würde. Freilich, einige Gestalten im Zug und in den Spelunken lässt er es spüren, genüsslich amüsante Stellen im Buch. Das Buch wird vorangetrieben durch ein stetes Unbehagen, dem konstanten Gefühl einer Bedrohung. Von wessen Seite? Durch den Fallner, durch den personifizierten Zug, durch die schmierigen Kontakte an temporären Orten, oder - doch nur einfach durch das Monster, das in jedem von uns haust?

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Besprochene Ausgabe: Tropen  |  2014  |  250 Seiten  |  Festeinband*  |  € 19,95

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