Frank Hebben - Prothesengötter: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Prothesengötter

(2008)
Céline reist ans Ende der Nacht
Göttlich kommt keine einzige der Figuren Frank Hebbens rüber, eher mitleidheischend. Die tragischen, melancholischen Helden in einer biomechanischen Zukunft oder einer Steam-Punk-Vergangenheit tun sich hart auf ihrer Suche nach einem bißchen Glück.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 17.06.2008

Es mag an der Anzahl von 13 Erzählungen in diesem Band liegen. Schon das Mädchen Céline müht sich in den ersten beiden Geschichten in einer Welt ab, die ihr nicht allzu gut gesonnen scheint. In dieser Welt kann man seine Erinnerungen verkaufen, für gutes Geld. Nur leider ist man sie nach dem Transfer auch endgültig los. Dem ungeachtet: Céline muß sich durchschlagen, dürstet ständig nach dem wahren Erleben und kann sich doch nicht auf dem schon Erlebten ausruhen...

Hebben verwendet knappe Sprache, kurze Satzteile, in schöner Cyberpunk-Tradition. Der Semikolon ist ein guter Freund, er gibt oft Sätzen eine gute Verzahnung.

In „Gelée Royale“ bekommt der Leser vorerst nur einen klaustrophobischen Eindruck von Innenwelt und nähester Außenwelt eines golemartigen Wesens, das, wie es scheint - genau dieser Bedeutung entsprechend - nur Befehle empfangen und nicht sprechen kann. Es haust in einem Container, nur durch Ventilatoren und einen dicken künstlichen Nervenstrang mit der wie auch immer gearteten Umgebung verbunden. Arbeiten tut es für das 'Hauptwerk', das es als 'Recheneinheit' benutzt. Ab und an schnappt sich eine 'Fracht-Libelle' den Container, um den Einsatzort zu ändern. Doch noch scheint nicht sämtliche Individualität erloschen zu sein.

In weiteren Stories zählen zu den Prothesen, die sich der Mensch geschaffen hat, Maschinenhände, Stirn-Haftungen zum Erinnerungsaustausch, Konsolenstecker (für den Hals!), Braincast-Geschwüre = Organische Konsolen, ganze Organische Serverfarmen basierend auf Speichergewebe und Fleischkonsolen: ein Burattino, ein aus Stammzellen geschaffender Pinocchio, der einzig lebt, damit der User seine Denkkapaziät nutzen kann.
Durch die 'Nexus-Verbindung' kann man sich schon mal in Augen, Muskeln, Sehnen eines anderen hineinversetzen und es sprießen fröhlich die Anwendungen im halbseidenen Milieu: Da werden Obdachlose von der Straße verschleppt, um sie von Herren in weißen Hemden, die sich hinter ihren Konsolen nicht die Hände schmutzig machen, in Boxkämpfe schicken zu lassen. Die Herren fühlen nur den Schmerz, aber nicht zuviel - es sind Filter installiert, das Vergnügen soll im Vordergrund bleiben. Das willenlose Opfer blutet wirklich.

Für Freunde der „Alternativen Realität“ findet sich eine Erzählung im harten Stil Remarque's, in der der 1. Weltkrieg sich gnadenlos Jahrzehnte hinzieht und direkt in das Erscheinen der braunen Horden übergeht. Fast wie es wirklich passiert ist.

Es ist nicht so, dass Hebben das (Zahn-) Rad neu erfindet. Aber das ist eine lahme Feststellung, angesichts der Bürde des SF-Genres ständig eine übersteigerte Erwartungshaltung auf Innovatives zu befriedigen, mehr als es den anderen Literaturgattungen obliegt.
Hebbens Inhalte sind solide, seine Sprachgewandtheit ist mehr als das, und durch Raffung und Komprimierung seiner Geschichten schafft er schnell Spannung und Atmosphäre.

Besprochene Ausgabe: Wurdack Verlag | 2008

      
 
 
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