21.11.2017   Rezension, Buchbesprechung, Buchkritik   Literatur, Buch, Kritik         François Schuiten, Benoît Peeters - Jenseits der Grenze - Gesamtausgabe: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
François Schuiten, Benoît Peeters - Jenseits der Grenze - Gesamtausgabe: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Jenseits der Grenze - Gesamtausgabe

(2012) - Orig.: La frontière invisible 1 + 2 (2002), französisch
Road To Nowhere
Wiedergelesen: Anfang der Nuller-Jahre reflektieren die zwei Großmeister der Graphic-Novel Schuiten und Peeters über persönliche und territoriale Grenzen in ihrer Allegorie auf Großmachtstreben.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 07.01.2014
François Schuiten, Benoît Peeters - Jenseits der Grenze - Gesamtausgabe
Zoom François Schuiten, Benoît Peeters - Jenseits der Grenze - Gesamtausgabe

Stefan Dušan hieß einst - im 14. Jahrhundert - ein mächtiger serbischer König, der sein Land in ein kurzes Goldenes Zeitalter führte. Von dieser alten großserbischen Pracht träumten noch die Politiker, die nach Erstem und Zweiten Balkankrieg maßgeblich den Ersten Weltkrieg mitentzündeten und selbst in den 1990er Jahren einen kaum für möglich gehaltenen Bruderkrieg inmitten Europas vom Zaum brachen. Exemplarisch ist hier die Idee des Nationalstaates beleuchtet, seine Eigenschaft, wie ein Sport-Expander betrieben zu werden. Ist Serbien da, wo viele Serben leben oder auch nur einige und müssen sie aktuell dort leben oder reicht es, wenn sie mal vor Urzeiten sich dort getummelt haben? Ist Zeit "verrückbar" im Gegensatz zu Grenzen, die es natürlich jederzeit sind? Ist mit Bezugnahme auf Alte Zeiten Expansion zu rechtfertigen?

Zeichner François Schuiten und Szenarist Benoît Peeters greifen in ihrer mittlerweile 17-bändigen Reihe der "Geheimnisvollen Städte" gerne reale Historie und aktuelle städtebauliche Entwicklungen auf, um sie in ihren Graphic-Novel-Kunstwerken zu thematisieren. Freilich nie schulbuchartig, sondern allegorisiert und - wie auch in besprochenen "Jenseits der Grenze 1 + 2", jetzt Gesamtausgabe - gerne als Alternative Realität oder anderen, von Science Fiction und Steam Punk beeinflussten Szenarien.

Held 'Roland von Cremer', Aristokrat und frischgebackener Kartograf, lässt sich recht naiv am nationalen Kartografischen Zentrum von "Sodrowien" in die Dienste einer Militär-Kamarilla einspannen, um, als er die Fehlentwicklungen zu spät erkennt, zwar eigene Grenzen zu überschreiten, dies jedoch auch gegenüber seiner Liebe 'Shkodrã'. Ein Schelm wer Böses dabei denkt, die Love-Affair in "Jenseits der Grenze" sei nur eingeführt, um viele und sehr erotische Panele der beiden Liebenden abbilden zu können ... Und wenn schon, sie sind eingegliedert, wie man es eben von einem Franzosen und einem Belgier erwartet. Mit Leichtigkeit. So sind sie. Genug der projezierten Chauvinismen und weiter im Text.

In eine zeitlose, wenn auch leicht archaische, steam-punkische Welt haben die beiden Autoren ihr Werk eingebettet. Es sind erdverbunde Farbtöne, dem rein faktischen Komplex Kartografie geschuldet, aber auch die universelle Herausgehobenheit der Thematik Territorialträume verdeutlichend. Eher im Geheimen und Abgelegenen steht der riesige Kuppelbau des "Kartografischen Zentrums", vom Helden im Eingangskapitel über eine halb von Sandverwehungen bedeckte, einsame Straße erreicht. Das Innere beherbergt nicht nur ein Landesarchiv an Karten und Fotografien, sondern ebenso ein maßstabsgetreues Topografie-Modell des gesamten Landes!

Unvermittelt gerät das Zentrum in die Begierde von Regierung und Militär. Die Belegschaft wird vergrößert und Roland kann schnell beruflich aufsteigen. Man schmeichelt sich gegenseitig, Militär und Aristokratie: Der Name Roland von Cremer (die Crème - sic?) steht für eine austauschbare Schicht - vielleicht in Frankreich oder Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg -, die im Rausch der eigenen Karrierebildung negative Zeichen geflissentlich übersieht. Marschall 'Radisic' faselt von "Bedürfnissen der Nationen" und der Notwendigkeit, die "Stellung auf dem Kontinent [zu] festigen" - ein Paradigma, das etwa das Deutsche Kaiserreich zur Verzweiflung bringen musste und Frankreich und Russland zum Vernichtungswillen eben jenes antrieb.

So lässt einen François Schuiten 's und Benoît Peeters ' "Jenseits der Grenze" erneut frösteln im Jubiläumsjahr Erster Weltkrieg 2014. Und Geschichte wiederholt sich gerne. Eben auch erst kürzlich, in den 1990ern. Doch auf der anderen Seite steht immer wieder die Schönheit, wie sie etwa die beiden Autoren erschaffen, mit ihren fantastischen Gebäuden und Landschaften, der über beide Bände kongruenten und unverkennbaren Charaktergestaltung sowie dem Gefühl für Farbgestaltung und Detailmaß.

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Besprochene Ausgabe: Schreiber & Leser  |  2012  |  125 Seiten  |  Festeinband*  |  € 26,80

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