Inspirationen für eine Erzählung finden sich ganz unterschiedlich. Beim Regisseur Juan José Campanella war ein älterer Mann, der alleine im Restaurant saß, das erste Bild, die erste Idee für seinen Oscar-prämierten Film "In ihren Augen" (Oscar für den besten fremdsprachigen Film 2010). Wie kommt es dazu, dass jemand so allein und verlassen ist, was oder wer wartet noch auf diesen Menschen? Fragte sich Campanella. Dieser ältere Mann wurde zu 'Benjamin Espósito', dem Protagonisten von "In ihren Augen" - großartig gespielt von Ricardo Darín. Espósito nutzt seine neu gewonnene Zeit als Rentner, um einen True-Crime-Roman zu schreiben, das Genre, das mit Truman Capote's "Kaltblütig" Mitte der 1960er Jahre den dokumentarischen Journalismus aufwirbelte. Eine Geschichte, nach einem wahren Verbrechen erzählt. Wie nervenaufreibend die Recherchen zu so einer Erzählung sind, zeigte Capote's tragisches Karriereende, das auf den Roman folgte - ebenfalls filmisch mit dem unvergleichlichen Phillip Seymour Hoffman in der Hauptrolle umgesetzt und 2005 für den Oskar nominiert. Benjamin Espósitos Vorhaben geht aber noch einen Schritt weiter, denn sein wahres Verbrechen ist eng mit seiner eigenen Geschichte verknüpft.
1974 wird der Polizist Espósito zu einem Tatort gerufen. Eine junge Frau wurde auf grausamste Weise misshandelt, vergewaltigt und ermordet. 'Ricardo Morales', der Ehemann, ist zutiefst erschüttert über den gewaltvollen Tod seiner großen Liebe. Benjamin Espósito, dessen Kollegen auf eine schnelle Lösung des Falles drängen und zwei Bauarbeiter, die in der Nähe arbeiteten, verhaften, verstrickt sich immer mehr in den Fall, nicht zuletzt aus tiefer Sympathie und Faszination für die Liebe des jungen Witwers. Gemeinsam mit dem alkoholkranken Freund und Bürokollegen 'Sandoval' (Guillermo Francella) und der jungen modernen Richterin 'Irene Hastings' (Soledad Villamil), für die Benjamin offen schwärmt, ermittelt er nicht immer gesetzestreu, bis er den wahren Mörder findet. 'Isodoro Gómez' (Javier Godino), ist ein Jugendfreund der Ermordeten, der sich erst nach einem perfiden Spiel ergibt und sein wahres Gesicht eines frauenverachtenden und machthungrigen Soziopathen zeigt. Er wird verhaftet und lebenslänglich verurteilt. Doch nur ein Jahr später erhält Espósito einen Anruf von Morales, der den Mörder seiner Frau im Fernsehen entdeckt. Hinter Evita Peron steht der Mörder 'Gomez' bei einer offiziellen Rede - als Sicherheitsmann. Der neue Staatsapparat holt sich Verbrecher zum Schutz. Espósito meldet sich empört bei den zuständigen Richtern und muss bald feststellen, dass er sich besser nicht mit der neuen Regierung und ihren Vollstreckern angelegt hätte.
"In ihren Augen" wird aber nicht zum Polit-Thriller. Der Film-Noir springt zwischen den 1970er Jahren und 2000, dem Jahr in dem Espósito für seinen Roman recherchiert. Hier trifft er die Richterin Irene Hastings wieder und macht sich schließlich auf, Morales, der inzwischen abgeschieden auf dem Land lebt, zu treffen. Die Suche nach der Vergangenheit, nach Erklärungen, ist eine fiebrige. Espósito, der vor den Ereignissen um den Mord ein ziemliches Schlitzohr war, findet in Morales etwas, zu dem er sich selbst nicht fähig sieht. Liebe und Hingabe zu einer Frau ohne sich verlieren zu müssen. Sein Verhältnis zu Irene ist immer noch nicht geklärt und so vermischen sich nicht nur in den Bildern, sondern auch in Espósitos Gefühlswelt immer mehr Vergangenheit und Gegenwart. Manisch wühlt er sich durch Akten und stellt bohrende Fragen an seine Gegenüber. Er beginnt immer wieder den Anfang der Geschichte zu schreiben und das Ende. Aber gibt es überhaupt einen Anfang und ein Ende für etwas, das nicht abgeschlossen ist? Das so viele Wunden und Narben hinterlässt, dass es kein Vergessen geben kann? Wie konnten Morales und Irene weiterleben? Auf den Rat von Irene, die Geschichte ruhen zu lassen, weil sie aus einer anderen Zeit, aus einem anderen Leben kommt, erwidert Espósito: "Es ist nicht ein anderes Leben, es ist immer noch das Leben".
"In ihren Augen" ist großes Kino, nicht nur weil die Charaktere, die Dialoge, die Musik und vor allem die Schauspieler perfekt besetzt sind. Auch wenn die Bilder der Gewaltszenen sehr intensiv und verstörend daher kommen, findet sich in der Leichtigkeit und Authentizität der Haupt-Charaktere Trost. Espósito und Sandoval, "beautiful losers" und Machos par excellence, und die kühle, kluge Irene tragen den ersten Teil des Films als Ermittler-Trio mit schnellen, zynisch-schnurrigen Dialogen. Filmisch beeindruckt der Grand Seigneur der südamerikanischen Kameraarbeit Félix Monti mit den perfekt inszenierten, unscharf leuchtenden Bildern, die aus der Vergangenheit oder eben vielleicht nur aus der Illusion der Erinnerung auftauchen. "In ihren Augen" erzählt auf mehreren Ebenen, aus unterschiedlichen Zeiten, von den großen menschlichen und politischen Dramen, von Liebe und Gewalt, von Macht und Ohnmacht und bleibt bis zum Ende spannend, ohne sich in sinnloser Action zu verlieren. Auch wenn die Auflösung des zuvor so realistisch konzipierten Thriller-Dramas zuerst ein wenig konstruiert wirkt, erfüllt sie gerade dadurch ihren Zweck. Hier geht es um Geschichte und Erzählungen, um Archive und Erinnerungen, um Dokumente und Fiktion. Es gibt 1000 Vergangenheiten aufzuklären, stellt Morales zum Ende des Films fest, doch die eigentliche Frage sei: Kann es trotzdem eine Zukunft geben?
Kinostart 28.10.2010
Pierre Wazem, Tom Tirabosco:
Im Dunkeln
Avant-Verlag, Broschur
Toine Heijmans:
Irrfahrt
Arche, Festeinband
Virginie Despentes:
Apokalypse Baby
Berlin Verlag, Festeinband
Florian Scheibe:
Weiße Stunde
Luftschacht, Festeinband
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