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- Der Staub der Ahnen

(2012)
Legende und Wahrheit
Wir wollen gar nicht wissen, was die Toten wissen. Soviel wird klar beim Schauen und Lesen von Felix Pestemer 's Graphic Novel, der lausbübisch und fasziniert zugleich den mexikanischen Kult um die Toten seziert.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 08.08.2012
Felix Pestemer - Der Staub der Ahnen
Zoom Felix Pestemer - Der Staub der Ahnen

Ja, er war da, in Mexiko, dieser Deutsche Pestemer, ein Jahr lang. Warum er sich am größten und wichtigsten Feiertag "Dia de los Muertos", dem Tag der Toten, so berauscht hat und überhaupt am ganzen Stellenwert des Vergänglichen in jenem Land, versucht er im Vorwort darzulegen. Einfach weil bei uns, in Europa, von all dem materialistischen Totenkult seit der Aufklärung nix mehr da ist, ließe sich seine Motivation wohl in einem Satz zusammenfassen. Die Präsenz des Todes in opulenter Bilderwelt, in zahlreichen Bräuchen und in unzähligem Tüneff, wie Totenbroten und Totenschädeln aus Zuckerguss, ist nach Pestemer das Erbe eines blühenden Synkretismus, der durch die Entsendung christlicher Missionare zu den prähispanischen Völkern entstanden war.

Muralismo, so sagt man zu der Wandmalerei, die in den 1920ern in Mexiko hauptsächlich Szenen aus der Revolutionszeit zum Motiv hatte, trifft in Felix Pestemer 's Graphic Novel "Der Staub der Ahnen" auf feinziselierte Buntstift-, Bleistift- und Kreidezeichnungen. Passagen, die direkt in der Totenwelt spielen, kommen konsequent auf tiefschwarzem Grund daher. Obgleich dieser Ort von Pestemer erfunden ist, bedient er sich bei der traditionellen symbolischen Darstellung des Todes, etwa als Skelett oder in der Welt der mexikanischen Masken-Schnitzerei.

Pestemer denkt auch, dass sich in Lateinamerika die Literaturspielart Magischer Realismus nicht entwickelt hätte, ohne die untoten Wesen und die Geister der Urahnen, von denen es dort wimmelt. Für die Erzählweise seiner Graphic Novel bedient er sich jedoch eines eigenen Tricks: Seinen Erzähler lässt er Erinnerungen anführen, die als Text die Zeichnungen eines Allwissenden ZEICHNERS begleiten! Was ein Spaß! Eben nur in einem audio-visuellen Medium, gerne gemacht im Film, oder eben in der Graphic Novel zu bewerkstelligen. Es ist der Museumswärter 'Eusebio Ramirez', der nach über zwanzig Jahren wieder in die alte Heimat reist, um der Beerdigung eines verunglückten Kindes beizuwohnen. Zu übermannt ist er von alten Erinnerungen, um lange dort zu bleiben. Aus schlechtem Gewissen heraus schreibt er der trauernden Mutter einen ellenlangen Brief ...

Verklärung und Wirklichkeit der Familie 'Rojas' - darauf ließen sich die Erkenntnisse des Lesers, gewonnen aus Eusebios Erinnerungen und den Fakten des Allwissenden Zeichners, verschlagworten. Es geht um die Toten aus dieser Familie; warum sie starben; was sie auf dem Kerbholz hatten; welche Geheimnisse sie mit ins Grab genommen haben. Eine Handvoll greift Eusebio in seinem Brief heraus. Und bei einigen von ihnen meinen wir, ihre Wesenszüge schon in der fantastisch intimen zeichnerischen Wiedergabe ihrer Gesichter zu erahnen. Besser als in der Realität geht das hier, in der Graphic Novel.

Auf dem reichlich geschmückten Totenaltar des Jungen stehen auch die Foto-Portraits der schon länger Gegangenen. Und so kann Eusebio zaghaft von seiner homoerotischen Beziehung zum ebenfalls tödlich verunglückten 'Victor' schreiben, der von einer Mutter quasi zwangsverheiratet wurde, die noch mindestens zwei weiteren Verwandten den Tod gebracht hat ... Doch verklärend und versöhnlich und auch verständlich schreibt Eusebio an eine Tochter eben jener Frau etwa: Die beiden Eltern "brauchten einander wie die Luft zum Atmen!" Na sowas Schönes, sowas gibt es ja heute gar nicht mehr, denkt der Leser, bevor Felix Pestemer in die Abgründe der Familie führt.

Doch gibt es auch die lustige Episode um den sehr weit zurückliegenden Ahnen 'El Negro'. Um den rankt sich der Familien-Mythos, er sei zwar nicht so bekannt wie Revoluzzer Pancho Villa oder Zapata, habe jedoch maßgeblich mit zur Revolution hingeleitet, deren konkreten Ausbruch er dann leider nicht mehr erlebt hätte. Die wahre Geschichte ... die eine unter vielen in der Ahnengalerie der Rojas, macht "Der Staub der Ahnen" allein schon schauens- und lesenswert.

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Besprochene Ausgabe: avant-verlag  |  2012  |  88 Seiten  |  Broschur*  |  € 24,95

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