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- Hingabe

(2010) - Orig.: Close-Up (2007), niederländisch
Aus der Deckung
Esther Verhoef wagt viel, ein Lehrstück über weibliche Selbstbestimmung als Psychothriller deklarieren zu lassen. Und gewinnt. Ihrer Hauptfigur kommt sie sehr nah, „Close-Up“, so der Originaltitel.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 24.05.2010

Der neue Mann im Leben von Innenausstatterin 'Margot' ist Fotograf; Close-Ups sind die ersten Werke, die Margot von ihm in einer Londoner Galerie zu Gesicht bekommt und Gesichter sind das durchgängige Motiv. Doch auch der deutsche Buchtitel „Hingabe“ passt, ist Margot doch schnell dem Reiz des selbstsicheren und charmanten Künstlers erlegen.

Erotik hat Esther Verhoef auch eine Menge reingepackt. Zögernd akzeptiert der Leser diese Szenen erstmal als weiteres Sinnbild einseitiger Abhängigkeit, bestimmt doch Fotograf 'Leon', wo der Sex langgeht... Doch schnell wird bei Verhoef klar, dass wenig ist, wie es scheint. Wer treibt da wen aus der Deckung?

Grob gefasst, schildert „Hingabe“ drei Lebensbereiche von Margot, die sich kürzlich von ihrem Ehemann trennte, mit dem sie sieben Jahre zusammen war. Da ist die Familie, deren konservative Werte Margot akzeptiert, die aber auch nerven kann, wenn sie nach der Trennung vom Ehemann typisch genderspezifisch behauptet, der Ex habe doch nur einen leichten Fehler gemacht, und sich quasi auf seine Seite stellt! Da ist die neue Beziehung zu Leon und die bedingt eine toll beschriebene dritte Ebene: Margot kündigt ihr Angestellten-Verhältnis und beginnt, initialgezündet durch Auftragsvermittlung von Leon, der bekannt wie ein bunter Hund ist, auf Selbständigen-Basis endlich Designarbeiten zu planen und durchzuführen, auf die sie wirklich Lust hat.

Da geht nur ein Problem um: In anderer Typografie ist „Hingabe“ durchsetzt von Inneren Monologen eines Mörders. Und der beschreibt uns auch, wie er 'Edith', die Exfreundin von Fotograf Leon umgebracht hat. Klar ist auch, dass er dies in Leons Haus tat und erfolgreich als Selbstmord mantelte.

Esther Verhoef ist eine sehr akkurate Schriftstellerin. Sie schafft Intensität durch die Natürlichkeit ihrer Figur Margot, die sie mit viel Empathie durch den Alltag geleitet. Jeder Leser sieht sich wieder in ihren Schwächen, Unsicherheiten und den Gefühlen von Minderwertigkeit, Verletzlichkeit und Ohnmacht. Das Frauenspezifische und -emanzipatorische stellt Verhoef nicht künstlich in den Vordergrund. Es ist auf angenehme Weise einfach da.

Margot taucht ein in die vermeintlich tolerantere Welt der Kunstagenten und der Betreiber von Restaurants und Clubs und wundert sich, dass diese Parallelwelt schon immer neben ihrer langweiligen existiert hat. Aufgeben tut sie deswegen alte Werte wie Familie nicht; im Gegenteil, durch ihr Erstarken kann sie Verkrustungen aufbrechen.

Esther Verhoef verteilt gekonnt die Gewichtung zwischen den Hauptfiguren, den wichtigen Nebenfiguren, wie etwa der bisexuellen PR-Agentin 'Debby', und den Nebenfiguren, die einfach noch so dazugehören, die man aber - wie etwa Clubbesitzer 'Taco' und seinen Köter oder zwei sympathische Restaurantbesitzer - allesamt gerne in Erinnerung behält. Nun noch eine ungewöhnliche Aussage: Wer auf das Thrillerelement nach etwa der Hälfte von „Hingabe“ verzichten will, kann das ausnahmsweise bei diesem Buch wirklich tun, indem man die letzten Seiten zuerst liest. Es liest sich dann entspannter und tut diesem Zwitter aus anspruchsvollem Roman und Krimi keinen Abbruch.

Besprochene Ausgabe: btb | 2010 | 432 Seiten | Festeinband* | € 19,95
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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