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- Jugendbuchautor Kevin Brooks

„Keine großen Worte“
Da kommt ein Jugend- und Erwachsenenbuch-Autor daher und lässt seine Figuren das tun, was man als Jugendlicher so tut: Rauschzustände testen, Sex testen, sich mit Gewalt auseinandersetzen müssen in einer doppelmoraligen Erwachsenengesellschaft. Nach 2006 jetzt der zweite Deutsche Jugendliteraturpreis 2009 für Kevin Brooks.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 31.10.2009
Essay  - Jugendbuchautor Kevin Brooks
Zoom Essay  - Jugendbuchautor Kevin Brooks

Kevin Brooks wuchs im kleinen Ort Pinhoe in der Nähe von Exeter/Südengland auf. Vom Leben hat er viel aufgesogen. Er studierte, arbeitete als Tankwart, als Bahnticket-Verkäufer, als Verkäufer im Londoner Zoo, bei der Post und als Handlanger im Krematorium. Punkrocker in einer Band war er auch lange. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Yorkshire im Norden Englands. Seit sein Debütroman „Martyn Pig“ in England ein überwältigender Erfolg wurde, konzentriert er sich auf seinen neuen Beruf und veröffentlicht etwa jährlich hochgelobte Romane, die den Nerv der Jugendlichen treffen. Sein Genre: Krimi, in denen er die Wechselwirkungen des Einzelnen und der Gesellschaft aufs Korn nimmt, das unschuldige und unbefangene Ausprobieren wenn du jung bist, und das, was du erfahren musst, wenn die Doppelmoral dein Verhalten auf dich zurückschlägt. Das schnelle Umschlagen von Liebe zu Hass und Rache ist zudem Thema, und die Gewalt; und das hielten ihm einige Kritiker vor, zum 2006 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichneten „Lucas“. Das ist äußerst kurzsichtig, zu sagen, ein Jugendbuch dürfe keine Gewalt enthalten, denn Kevin Brooks zeigt in erster Linie wo sie herkommt! Das derzeit mit Abstand am beliebtesten Genre der Jugendlichen, der Vampir-Roman, tut das nicht und vergibt damit viel. Eine Sehnsucht nach Romantik ist verständlich, doch ist die nicht erreichbar, wenn man sich nicht mit Realitäten auseinandersetzt.

In „Black Rabbit Summer“, gerade auf deutsch erschienen (Link zur Rezension auf sf magazin siehe nebenstehend), wird deutlich, wie gut sich Kevin Brooks in die Jugendwelt hineinversetzen kann. Er beschreibt den schnellen Wechsel von Solidaritäten und Loyalitäten im Freundeskreis in den Teenagerjahren, das Sich-Ausprobieren und immer wieder neu finden. Da tun die Figuren, was sie tun müssen, Drogen nehmen, Saufen, sich verlieben, sich hinterher umso mehr hassen. Die einen haben Eltern, die wirklich kommunizieren und das „Wo warst du letzte Nacht?“ nicht zum Fragespiel verkommen lassen, die anderen haben welche, die in ihrer eigenen Misere drinstecken und dazu nicht fähig sind. Die zwei Seiten gibt es, und vielleicht hilft man sich untereinander, unter den Freunden. Das Rüstzeug dazu hätte man, wenn man Kevin Brooks-Romane liest.

Im preisgekrönten „Lucas“ geht es um eben den 'Lucas', der auf eine Insel kommt, und auf die Einheimische 'Caitlin' sofort schön und geheimnisvoll wirkt, da er sich jeder Einordnung entzieht. Genau deswegen reagieren jedoch die meisten Inselbewohner argwöhnisch und mit Vorurteilen auf ihn. Caitlin verliebt sich. Die Jugendgangs dagegen haben ein neues tolles Zielobjekt, verspotten und verfolgen Lucas. Die Erwachsenen schieben ihm alle krummen Dinge in die Schuhe, die auf der Insel passieren. Er habe ein junges Mädchen belästigt, und als gar eine junge Frau ermordet wird, beginnt die Hetzjagd...

Jetzt erhielt „The Road of the Dead“, deutsch 2008, den Deutschen Jugendliteraturpreis 2009. In der Begründung der Jury wird auch deutlich, dass Brooks ' Sprache stimmig ist. Sie hält sich nicht damit auf, extra vulgär sein zu wollen, sondern konzentriert sich oft auf die Unsicherheit und das Schwanken in den Gedankengängen seiner Protagonisten. Eher sind die Wörtliche Rede auch mal nur zwei Worte oder ein schlichtes Grunzen. Oft fällt sie weg und es wird über Mimik und Gesten kommuniziert. Die Jury: „Dazu braucht es keine großen Worte. Kurze, knappe Sätze mit den notwendigsten Informationen bestimmen die Kommunikation, ein Nicken, ein kurzer Blick. Man versteht sich auch so.“
'Rachel', die ältere Schwester des 17-jährigen 'Cole' und des 14-jährigen 'Ruben' ist tot – vergewaltigt und brutal ermordet. Zu ungeduldig, um auf Polizei-Ergebnisse zu warten, reisen die Zwei selber zum Tatort, einem von Korruption regierten Dorf im düsteren Dartmoor, dessen Bewohner die Brüder mit Vorurteilen und Gewalt konfrontieren und dem grenzenlosen Begehren, diese eigene Ordnung mit Gewalt zu verteidigen. Die Jury vergleicht den Roman mit einem Western und dessen Grundthematik, Gerechtigkeit gegen ein erstarrtes System erwirken zu wollen, notfalls mit Gewalt. Doch der unbedingte Glauben an die eigene moralische Legitmation wird in Zweifel gezogen: „Wer sich seiner moralischen Integrität sicher zu sein glaubt, den zwingt die Geschichte, dieses theoretisch gefällte Urteil immer wieder an der Praxis zu messen und genauere und ehrlichere Antworten auf diese Frage zu finden.“

Explizit lobt die Jury Sprache und Aufbau von „The Road of the Dead“:
Brooks erzählt die Geschichte von Rubens und Coles Ausfahrt auf zwei unterschiedlichen Ebenen. Durch Rubens Augen und mit dessen Sprache formuliert Brooks für die albtraumartigen Kulisse des düsteren Dartmoor literarisch aufsehenerregende Beschreibungen von Landschaften, Menschen und Situationen in einer metaphorischen, alle Sinne beteiligende und fesselnden Sprache. Die zweite, die Handlungsebene des Romans ist Coles Domäne, in der unbeschreiblich gewalttätige Kämpfe vorherrschen. Brooks setzt wohl kalkulierte, scharfe Kontraste zwischen der bildreichen Sprache in den beschreibenden Passagen und den wortkargen und derben Dialogen und den Kampfszenen.

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