Dieser Nachruf soll keine Auflistung der Literaturpreise sein, die Farmer erhielt. Es waren einfach sehr viele.
Viel Output hatte er auch in seinem langen Leben. 1999 holte er sich vom Enkel des Tarzan-Erfinders Edgar Rice Burroughs die Erlaubnis, Tarzan fortsetzen zu dürfen, einen Traum, den er siebzig Jahre lang gehegt hatte. 1918 im Bundesstaat Indiana geboren, wuchs er auf mit den Pulpfiction-Helden Tarzan und Doc Savage. Später dann die Inauguration ins SF-Genre mit Pulp-Heften wie „Science Wonder Stories“. Seit den späten 40ern war Farmer mit seiner überschäumenden Phantasie gezwungen, 75 Romane für 25 verschiedene Verlage zu schreiben. Die New York Times zitiert ihn: “Imagination is like a muscle. I found out that the more I wrote, the bigger it got.”
1952 ein erster Paukenschlag mit „The Lovers“, einer Novelle, in der ein Mann Sex mit einem Alien und seinem ungewöhnlichen Reproduktionssystem hat. SF in jenen Jahren, das war was für Männer, die in der Vorpubertät stecken geblieben waren, Technik-Nerds und asexuell! Tabu-Brecher sollte Farmer, der kurz vorher, 1950, seinen Bachelor in Englischer Literatur gemacht hatte, fortan bleiben.
In den 60ern, da fallen überall moralische Tabus, und so ist beim Ausloten dieses Umstandes Sex nur noch eine Sache, die auf die Schippe genommen werden kann. Zwar veröffentlicht Farmer zu dieser Zeit bei Essex House, einem Porno-Verlag, doch sind diese Werke aus heutiger Sicht keine Pornografie. Vielmehr geht es allem an den Kragen, was dem US-Amerikaner hoch und heilig ist. Es ist Satire, wie sie auch ein Woody Allen bald im Film verwenden wird. Bei Farmer kriegen christliche Fundamentalisten ihr Fett weg, Hard-Boiled-Detektive, nerdige SF-Sammler daselbst; Er vergreift sich an US-amerikanischen Sakrilegen wie Baseball und dem Kapitol, das in seiner Version zwei busenförmige Kuppeln hat. Die Fallschirme in Allen 's „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten“ lassen grüßen.
Sind seine Romane anfangs noch aktionsgeladen, macht er später mit ihnen, was ihn letztendlich berühmt gemacht hat: Die epische Länge seiner Roman-Serien mit ruhigeren, psychologischen und philosophischen Themen. Der Flusswelt-Zyklus aus den 70ern umfasst fünf Bände, "Die Welt der tausend Ebenen" sieben Bände.
Ein weiteres Steckenpferd sind Parodien und Fiktive Biografien von Roman-Idolen. So findet sich einmal ein Überlebender aus Melvilles ' „Moby Dick“ in eine ferne Zukunft versetzt. Jules Verne wird verbraten, der Zauberer von Oz, sogar James Joyce ’s “Ulysses” und - natürlich - Tarzan und Doc Savage.
In "Die Welt der tausend Ebenen" ist auch die Erde nur eine Künstliche Schöpfung von Unsterblichen, die mit einer Reihe anderer „Taschen-Universen“ spielen. Doch das Thema Unsterblichkeit wird erst richtig groß im Flusswelt-Zyklus: Ein Fluss, Millionen von Meilen lang, an dessen Ufern sich alle jemals lebenden Menschen tummeln. Das ist das Ur-Thema jeglicher Religion. Körperlich runderneuert darf man hier seiner zweiten Chance hinterhergehen...
In den 80ern folgt noch der „Dayworld“-Zyklus: Die Erde entwickelt sieben divergierende Kulturen. Weil es nämlich sieben Wochentage gibt. Aufgrund der Überbevölkerung, darf jeder Mensch nur einen Tag pro Woche aktiv sein und muss den Rest in Stasis verbringen!
Philip José Farmer war berühmt für seine große Klappe, aber auch für seine freundliche Offenheit, die ihn bei Kollegen und Fans beliebt machte - ausser bei Kurt Vonnegut, da er mal unter dem Pseudonym 'Kilgore Trout', einer Romanfigur von Vonnegut, einen Roman veröffentlichte. Die Kritiker dachten, der Roman wäre von Vonnegut selbst, und lobten ihn als würdige Ergänzung seines Oeuvres.
Den eingangs erwähnten Tarzan-Roman nannte er „The Dark Heart of Time“. Philip José Farmer starb am 25. Februar 2009. Er ruhe in Frieden, irgendwo an der hellen Sonne, vielleicht an einem Fluss sitzend...
Martin Amis:
Die schwangere Witwe
Hanser, Festeinband
Shumeet Baluja:
Silicon Jungle
suhrkamp nova, Broschur
Moti Kfir, Ram Oren:
Sylvia Rafael. Mossad Agentin
Arche, Festeinband
Martin Amis:
1999
Rowohlt, Festeinband
Sorj Chalandon:
Die Legende unserer Väter
dtv premium, Broschur
Douglas Coupland:
Eleanor Rigby
Hoffmann und Campe, Festeinband
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