Leicht konsterniert reagiert der fiktive britische Ex-Premierminister 'Adam Lang' auf die Begrüßung des Mannes, der ihm beim Verfassen seiner Memoiren unterstützen soll. "Ich bin Ihr Ghost", sagt der nämlich lapidar. Fauxpas, und Menetekel für den Fortlauf der Geschichte, die eindeutig an die Geschicke des realen ehemaligen Premierministers Tony Blair angelehnt ist. Süffisant ist diese Story schon genug, durch die realen Geschehnisse, während derer sich der Held der Neunziger, die gitarre-spielende Hoffnung der angelsächsischen Welt, Tony Blair, mit seiner blinden Gefolgschaft zu den Angelsachsen auf der anderen Seite des Atlantiks in die Bredouille bringt, und schließlich kolossal scheitert. Doch getoppt werden die Arbeiten an Roman Polanskis Film noch durch den prekären Umstand, dass dieser in den USA unerwünscht ist, da er dort einst Sex mit einer Minderjährigen hatte. So dreht Polanski auf den deutschen Inseln Sylt und Usedom, obwohl der Großteil von Robert Harris ' Geschichte auf Martha's Vineyard spielt, der verschlafenen Insel in Neuengland, die nur in den warmen Monaten von den reichen New Yorkern bevölkert wird. Die Hamburger sind da härter gesotten und genießen Sylt auch im Winter. Ungestörter war die Film-Crew auf Usedom, wo sie in modernster Formensprache eine komplette Villa direkt hinter den Dünen als Filmset bauen konnte. Das Haus in seiner kubistischen Eleganz ist so einsam, dass es genauso gut auf dem Mars stehen könnte.
Wir, sf magazin, haben das Buch zugegeben erst ziemlich spät besprochen, vor etwa zwei Jahren, das können Sie, lieber Leser, jetzt lesen (Buchbesprechung Robert Harris "Ghost"), oder anschließend. Das englische Original erschien 2007. Mit sprachlicher Wucht und feinstem Spannungsbogen impliziert dort Harris Geschehnisse um den Werdegang Adam Lang's aka Tony Blair, gegen die jüngste Wikileaks als Pillepalle wirken. Freilich ist das Fiktion. Aber schwerwiegende und im Bereich des Möglichen liegende, dafür ist die Form Roman da.
Die Isolation der Figuren in Harris ' und Polanskis Kammerspiel ist ultimativ. Eine Orientierung ist ihnen versagt, geht doch das Grau des Himmels auf einer kaum erkennbaren Linie am Horizont in das Grau des Atlantiks über - aka Ostsee. In den wenigen, geduckten Häuschen der einstigen Kapitäne und Mannschaften der Walfänger-Flotten des realen Martha's Vineyard bilden nun viele Galerien das Rückgrat der Infrastuktur. Denn nur die vielen ortsansässigen Künstler und die Touristen wissen noch das Eiland zu schätzen. Die deutschen Inseln Sylt und Usedom sind würdige Platzhalter. Die Filmcrew bespannte Usedom mit US-amerikanischen Telegrafenmasten und schon war die Illusion perfekt.
"Ghost" beziehungsweise "Ghostwriter" zeigen ihre Individuen nackt, von (fast) allem enthoben. Die einsame Villa des US-amerikanischen Verlegers, der sich Adam Lang's Memoiren annehmen will, gibt die Möglichkeit, vier Personen auf sich selbst zurückzuwerfen. Den Ex-Premier, gespielt von Pierce Brosnan, seine Ehefrau, gespielt von Olivia Williams, seine PR-Beraterin, gespielt von Kim Cattrall und schließlich den Ghostwriter, gepielt von Ewan McGregor. Die dunkelgrau gehaltenen Wände des Hauses, innen wie außen, reduzieren das Medium Film geradezu auf den gekonnten Kulissenbau eines Theaterstücks. Die großformatigen Fenster der Villa, bis zum Fußboden reichend, tun ihr Übriges: Denn draußen ist es ebenso homogen grau wie drinnen. Es wurde nur bei explizit schlechtem Wetter gedreht.
Polanski schafft ein visuelles Meisterwerk in der Manier, in der schon Robert Harris mit seinem Buch sprachlich die Klaustrophobie vorgegeben hat. Nicht, dass dabei in "Ghostwriter" gefühlt weniger gesprochen würde als im Buch. Eher hat Polanski Mühe, seine Protagonisten dem Zuschauer die wichtigsten Prämissen aus dem Buch mitteilen zu lassen. Doch alles in allem ist das brillant gelöst.
Der Ghostwriter - aka Ewan McGregor - gerät in die lebensbedrohliche Krise seines Lebns und kann das nicht mal eben allen Freunden im tausende Kilometer entfernten Großbritannien mitteilen. Er hat eine Art Vergatterung unterschrieben. Außerdem wäre Handy-Kontakt nicht dasselbe, wie sich in physischer Präsenz auf dem Sofa eines Freundes ausheulen. Ex-Premier Adam Lang steht ebenso schlecht da. Aufgrund des aufgedeckten Skandals kann er nicht einmal mehr nach Großbritannien zurück, weil er sofort von der UN verhaftet werden würde - in den USA ist er vor ihr sicher. So sehen sich alle gezwungen, dem fatalen Ende auf dem beschaulichen Eiland Martha's Vineyard/Usedom entgegen zu sehen.
Buchbesprechung:
Robert Harris "Ghost"
Pierre Wazem, Tom Tirabosco:
Im Dunkeln
Avant-Verlag, Broschur
Toine Heijmans:
Irrfahrt
Arche, Festeinband
Virginie Despentes:
Apokalypse Baby
Berlin Verlag, Festeinband
Florian Scheibe:
Weiße Stunde
Luftschacht, Festeinband
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