James Cameron war der Mensch nie genug. Dieser verletzliche Batzen Fleisch, der schon von einem Grippe-Virus umgehauen werden kann und dessen Sehnen unter Belastung reißen. Das Mensch-Maschinen-Hybrid war da schon immer eher sein Ding. Ein Alien, dessen Haut allen Umwelteinflüssen standhält, ein Terminator, der erst gar nicht vorgibt, dass der Mensch mit seinem vorgeblichen Körper-Geist-Dualismus eine Sonderrolle einnimmt, sondern sofort sagt „Ich denke auch mit Elektronenimpulsen in meinen Schaltkreisen - ich denke, also bin ich!“
Eigenartig wirkt im ersten Moment James Cameron 's „Avatar“, wenn er die Folklore des Eingeborenenstammes der 'Na'vi' auf dem Planeten 'Pandora' den Menschen des Jahres 2154 gegenüberstellt, die längst fröhlich Geist vom Körper trennen, die Na'vi-Körper nachzüchten und sich via neuronalem Interface in die leeren Hüllen hineinversetzen können und sie sozusagen mit allen Sinnen fernsteuern und fühlen. Die ersten 60 Minuten des Films lässt er uns teilhaben an der Lebewelt der Na'vi, ihrer Fauna und Flora, in einer Art etwas zu lang geratenen Grzimek-Dokumentation - die Älteren werden sich erinnern: Grzimek war der erste Europäer, der sich intensiv und medienwirksam für das Ökosystem Afrikas einsetzte. Die Na'vi auf Pandora stören beim Abbau eines wichtigen Erzes. Edler Wilder gegen Expansionsdrang. Kommt nun also ausgerechnet Technik-Freak Cameron daher, der mithilfe neuester Animations- und Filmtechnik - auf die er Dank ungebremstem Innovationsdranges des Menschen zurückgreifen kann - den Kinobesucher in eine neue Dimension des visuellen Erlebens führt, um uns zu sagen, stopp!, wir stehen ab jetzt still? Cameron, der Kanadier, auf einem Terrain lebend, das den Edlen Wilden abgeschafft hat und die technologisch am weitesten fortgeschrittene Zivilisation darauf gepflanzt hat? Wir werden sehen.
Einer dieser Fernsteuerer drückt unsere Sehnsucht nach dem optimierten Leben, nach dem perfekten Leben, nach der Vollkommenheit, am besten aus: Es ist 'Jake', querschnittsgelähmt, was 2154 kein Problem wäre, hätte man genug Geld, es reparieren zu lassen. So jedoch, macht Jake seinen Job und soll vermittelnd zwischen beiden Welten pendeln.
Jake liegt also traumwandelnd unter seinem Interface und bedient einen Na'vi-Körper, drei Meter groß, blaue Haut - blau gleich edel - und in seiner Spannkraft, Stärke und Geschmeidigkeit an den mythischen Übermenschen aus Thule, Himalaya erinnernd. Nein, wir wollen James Cameron kein Nazi-Gedankengut unterstellen, darum geht es nicht. Unser Wunsch nach Perfektion ist unabhängig von Ideologie, sei es ein kommunistisches Ideal oder eines der Rechten. Jake sagt in einer Szene, nachdem er als Na'vi etliche Monate durchlebt und durchliebt hat und mal wieder in seiner vermeintlichen Realwelt eine Essens-Pause einlegen muss: „Das was ich als Avatar durchlebe ist die fuckin' reale Welt!“ Hier mischt sich philosophischer Idealismus - unsere jeweilige Welt definiert sich nur mental - mit philosophischem Materialismus: wir existieren nur rein physisch. Jake lebt tatsächlich zweimal, in seinem verkrüppelten Menschenkörper, der wissenschaftliche Berichte schreibt und sich regeneriert während sein Na'vi-Avatar-Körper schläft, und als eben dieser, in den Zeiten, in denen Jake 's Menschenkörper unter der sarg-artigen Interface-Haube liegt. Das mag anfangs anstrengend sein, doch wird sich der Mensch technologisch-evolutionär gesehen nicht mehr lange mit nur einer Identität zufrieden geben. Er will das Multiversum, die schönsten, spannendsten, spektakulärsten Identitäten auf sich vereinigen können, sooft und wann er will und soviel wie er verkraftet. Die Gedächtnistheorie wird nicht obsolet werden; die Gesamtidentität eines Individuums wird sich nach wie vor aus Erinnerungen speisen, doch ist deren Gewinnung kein singulärer Strang mehr.
Eine Kernfrage in James Cameron 's „Avatar“ lautet - ob er selber sich dessen bewußt ist oder nicht -, ob die noch rein fleischliche Spezies Mensch weiterhin ihrer evolutionär entstandenen Umwelt Bedeutung beimessen wird, sobald sie sich völlig über sie hinwegsetzen kann, weil sie Erfahrungen virtuell aufnimmt und mittelfristig selbst nur noch als maschineller Geist existiert, dem Klimaeinflüsse nichts anhaben können.
Eine Menschheit der nahen Zukunft wird nicht mehr auf das eigene physisch-körperliche Erleben angewiesen sein. Diese Menschheit wird sich auch nicht mehr lange in diesem grauen, biologischen Batzen Gehirn abspielen, sondern in einer Maschinen-Virtualität. Dabei bleibt die Frage: An was wollen wir uns erinnern? Sollen „Träume“ von grünen Pflanzen und blauen Ozeanen so sein wie unsere derzeitigen theoretischen Kenntnisse von Gladiatorenkämpfen und Dampfmaschinen oder sollen sie real erhalten bleiben? Cameron stellt nichts weniger als die Frage, ob die biologische Menschheit sublimiert in eine Virtualität auf einer toten, maschinengrauen Erde, auf der elektrische Impulse in buntesten Träumen schwelgen, oder ob wir beim Alten bleiben, wo uns ab 40 die Knochen weh tun. Schaut man den Mensch an, scheint der Weg klar. Doch hegt Cameron den Traum eines Zwischenweges: Ein Übermensch, der sich allem bedient, was seiner Perfektionierung dient, aber in Einklang mit seiner natürlichen Umwelt. Der querschnittsgelähmte Jake dekantiert in einer mythischen Schöpfungsszene am Ende des Films tatsächlich in seinen übergesunden Na'vi-Körper. Sein alter Körper stirbt. Pandoras Gaben der Erde respektive des Planeten Pandora sollen in all ihren Facetten erhalten bleiben, ihre Büchse der Plagen jedoch technologisch beseitigt werden. Ob das übereingeht?
Wahrscheinlicher scheint, nachdem wir seit Jahrhunderten ganze Völker und Gegenstände ins Museum schicken, dies auch mit der kompletten Natur tun werden, damit wir uns erinnern und sie irgendwann nocheinmal nachbilden oder teil-wiederbeleben können als Teil einer Modalen Lebewelt, in der wir schon längst drinstecken, was „Avatar“ auch anschaulich zeigt: Die meiste Zeit zeigt er durch Motion-Capturing realer Schauspieler animierte Figuren, doch gegen Ende wird die Geliebte Jake 's in einer kurzen Szene durch die Schauspielerin selber dargestellt und mithilfe „herkömmlicher“ optischer Tricks auf drei Meter aufgeblasen. Ihre Lippen sind spröde, wenngleich mit Kampffarbe übermalt, ihr Gesicht wirft mannigfache Falten und hat tausende Poren. Auch sehr süß, verglichen mit ihrer virtuell erzeugten und auf Zelluloid gebannten Schwester. Doch ganz anders, nicht vergleichbar. Die reale Frau ist eben auch nichts weiter als eine der möglichen Modalitäten der Wirklichkeit.
Schön auch, die Reminiszenz an den Real-Star Sigourney Weaver, die vor zwölf Jahren in einem sexy Basketball-Shirt eine legendäre Szene in „Aliens 4“ des Kollegen Jean-Pierre Jeunet hatte. In „Avatar“ spielt sie auch mit. Und auch ihre jüngere Na'vi-Identität, bekleidet mit eben diesem Shirt. James Cameron kann es nicht verleugnen: Er ist ein Techie! Er wünscht sich das Ewige Leben, um für immer in Welten eintauchen zu können, die ihm gerade Spaß machen und noch möglichst viele davon ins 3D-Kino zu bringen.
Shumeet Baluja:
Silicon Jungle
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Moti Kfir, Ram Oren:
Sylvia Rafael. Mossad Agentin
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1999
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Sorj Chalandon:
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