
Ja, die Steam Punk-Autoren, das sind zwar die Romantiker unter den Science Fiction-Autoren, dem Literatur-Genre mit einer nahezu unerschöpflichen Anzahl an Formen und Stilen. Steam, das heißt ja Dampf, und gerne verfrachten sie ihre Geschichten in Alternative Realitäten, die in einer rauchverhangenen, viktorianisch anmutenden Szenerie spielen. Der Steam Punk liebt Maschinen, die er sehen, fühlen und fürchten kann. High Tech steht er unbeeindruckt gegenüber. Er liebt Vielfalt und nicht die Gleichschaltung. Seine Figuren tragen die rauschenden, züchtigen, bodenlangen Kleider oder Arbeiterkluft und Schweißerbrille.
Und Punk, das heißt armselig; für den Steam Punk unterscheidet sich das Lumpenproletariat von einst nicht großartig vom realen, heutigen Dienstleistungssklaven. Geschichte wiederholt sich, und friedfertigen Revolutionen stehen die Kriege gegenüber, die die Partei für sich entscheiden kann, die die absurdere, monströsere Tötungsmaschinerie konstruieren kann. Der Steam Punk-Autor taucht ein in soziale Spannungsfelder und geht zurück in einen leicht abgewandelten Amerikanischen Bürgerkrieg oder einen Ersten Weltkrieg. Der Klassiker H. G. Wells gar, zeigt in „Die Zeitmaschine“ eine entartete Menschheit im Jahr 802701.
Vier Einzelromane und eine Serie seien hier herausgegriffen, die in den letzten Monaten auf englisch erschienen - Robert Charles Wilson 's „Julian Comstock: A Story of 22nd-Century America“ auch schon auf deutsch -, von denen einige innerhalb des ersten Monats nach Erscheinen bis zu siebzig Kundenkommentare auf amazon.com provozierten. Allerdings muss man sehen, dass in den angelsächsischen Ländern Science Fiction-Literatur nicht in dem Ausmaß verhehlen muss, dass sie solche ist, wie hierzulande. Sie steht dort wesentlich gleichberechtigter neben der Mainstream-Literatur.
Der Australier Scott Westerfeld setzt seinen „Leviathan“ vor den Hintergrund des Ersten Weltkriegs. Allerdings ist Europa geteilt in die „Clankers“ und die „Darwinisten“. Die Darwinisten machen sich die relativ frischen wissenschaftlichen Erkenntnisse Darwins zunutze und setzen auf die Züchtung von maschinenähnlichen Kreaturen und Tieren als Kampfmaschinen, während die Clankers auf reine Mechanik setzen, mit monströsen dampfbetriebenen Kriegsgeräten.
Gegen den verwöhnten Adels-Fratz Alexander, Sohn des ermordeten Erzherzogs Franz Ferdinand, erhebt sich das Volk. Er muss flüchten und wird seine Lehrmeisterin finden: ausgerechnet in der jungen Deryn, die, als Junge verkleidet, im British Air Service Dienst tut, auf einem riesigen, biologischen Luftschiff, das ein sich selbstversorgendes Ökosystem darstellt - der „Leviathan“...
Was für ein Plot! Action soll es genug geben in diesem Buch, neben sich verwischenden Feindlinien, Gender-Thematik, Ökologie, Ethik... - all included.
In Cherie Priest 's „Boneshaker“ läuft der US-amerikanische Goldrausch kurz nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg ungleich fataler ab. Ein grausamer technologischer Fehlschlag während der mörderischen Industrialisierung bildet hier den Aufhänger. Russische Prospektoren setzen den Erfinder Leviticus Blue auf eine Möglichkeit an, an das vermutete Gold unter dem Eispanzer des Klonkike, Alaska ranzukommen. Das Ergebnis ist die Dr. Blue’s Incredible Bone-Shaking Drill Engine. Doch bei einem Testlauf in Seattle wird fast ein ganzer Stadtteil zerstört und eine ominöse unterirdische Gasader freigelegt, die die Bewohner in lebende Tote verwandelt... Die Stadt wird hermetisch abgeriegelt und Jahre später versucht der Sohn des Erfinders den Namen seines Vaters reinzuwaschen und dringt in die Stadt vor. In der haben sich inzwischen wundersame, neue soziale Strukturen aufgetan... Ein Roman auch über die Liebe der beschämten Mutter zu ihrem Rache fordernden Teenager-Sohn.
Auf Robert Charles Wilson 's „Julian Comstock: A Story of 22nd-Century America“ reagierte der Heyne-Verlag schnell und brachte es im September auf deutsch raus, wahrscheinlich geschuldet der hohen Bekanntheit Wilson 's in Deutschland als Autor anspruchsvoller allgemeiner Science Fiction. Hier ist die US-amerikanische Gesellschaft wieder auf den technologischen Stand des 19. Jahrhunderts zurückgefallen, nachdem die wirtschaftlichen und ökologischen Katastrophen des 21. Jahrhunderts Millionen von Bürgern dahingerafft haben. Man entsagt Technologie und Urbanismus und an der Macht steht im 22. Jahrhundert eine religiöse Clique, die sich zu einer Tyrannenherrschaft um den Amerikanischen Präsidenten herum emporschwingen konnte. Obgleich Präsident Deklan Comstock ohne Opposition wieder- und wiedergewählt wird, sieht er in seinem Neffen Julian Comstock eine Gefahr.
Julian wird in entlegene Landesteile „kinderlandverschickt“, um der drohenden Armee-Rekrutierung zu entgehen und wird auf seiner Odyssee Held wider Willen. „Julian Comstock“ ist sowohl ein geradliniger Abenteuerroman als auch eine tiefe Einsicht in die Natur einer Gesellschaft, des Einzelnen, der Macht und des Wandels.
Die mittlerweile vier Bücher der „Virga“-Serie von Karl Schroeder kann man mehreren Genres zuordnen, doch sicher haben sie viele Steam Punk-Elemente. Virga ist eine Ballon-Welt, eine nur 5.000 Kilometer große, frei schwebende Welt, in der Schroeder herrlich einen Mikrokosmos an gesellschaftlichen Gruppierungen, Anschauungen und sich befehdenden Familien-Clans aufbauen kann. Zudem sind es typische Coming-of-Age-Romane, die die Entwicklungswege ihrer jungen Protagonisten begleiten.
In „The Sunless Countries: Book Four of Virga“ etwa sieht es düster aus, als die religiös eifernden „Eternists“ anfangen, Bücher zu konfiszieren und die Nachrichten zu zensieren. Doch immer wieder Hauptcharakter in allen Büchern ist dieser Ort Virga an sich, mit seinen frei schwebenden Farmen und Gebäuden, seinen radartig angeordneten Städten mit ihrer schummeriger Gasbeleuchtung und seinen Hinweisen auf verlorengegangene Technologien. Die eigentümliche Mischung aus Altertümlichem und Futuristischem macht Karl Schroeder zu einem einzigartigen „Weltenbauer“ innerhalb des Genres.
Links:
Verlagsinfo zu Scott Westerfeld 's „Leviathan“
Cover zu Cherie Priest 's „Boneshaker“
Coverentwurf zu Karl Schroeder 's „Queen of Candesce: Book Two of Virga“
Coverentwurf zu Karl Schroeder 's „Sun of Suns: Book One of Virga“
Coverentwurf zu Karl Schroeder 's „Pirate Sun: Book Three of Virga“
Erläuterung Genres der Science Fiction
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