
Doch gibt es freilich objektive Kriterien, nach denen sich jedes Buch - auch wenn es gar Kult-Status unter seinen Lesern genießt - messen lassen muss.
Um mit irgendetwas anzufangen: Stimmt die Länge des Buches? Ja, tatsächlich eine gewichtige Frage im wahrsten Sinne, eben auch von zwei Seiten aus zu stellen. Subjektiv: Es gibt Leute, die lesen grundsätzlich kein Buch, das über 200 Seiten lang ist, weil sie ihre Hingabe daran nicht länger aufrechterhalten können. Dann gibt es die Leser, die dem leider allzu menschlichen „Viel hilft viel“ frönen und es möglichst dick wollen, für ihre 8 Euro 95. Den günstigsten Euro pro hundert Seiten-Preis sozusagen. Lässt sich ein Autor von Markt und Verlag zu einem dicken Buch verführen, obwohl er wenig zu sagen hat, dann hat man den Fall von beispielsweise 350 „Füllseiten“ von 500.* Und da sind wir wieder beim objektiv Bewertbaren.
Thema Inhalt: Möglichst alles zwischen Gott und der Welt reinpacken? Kann klappen, bei einem wahrhaft guten Autor, aber eher nicht.
Wer wirklich gut ist, packt nur ein, zwei Thematiken in ein Buch. Im Extremfall eine, die sich gar nicht richtig greifen lässt, oder gar keine ist. Es gibt eine ellenlange fiktive Rede von Karl Valentin vor „... Honoratioren, Honoratiorinnen, Kindern, Enkelkindern, etc.“, die gar keinen Inhalt hat. Nein, keinen einzigen. Aber ein großartiges Stück Literatur.
Die Sprache. Stellen Sie sich die Situation an einem Kneipentisch vor, an dem vier Personen sitzen. Leider unterhalten sich die zwei jeweils über Kreuz sitzenden miteinander. Zusammen mit den Aufmerksamkeitsdrogen Nikotin und Alkohol kein Problem, oder auch ohne, einfach durch die anregende Kneipensituation. Im Buch muss der Autor Meister sein, so eine Situation genauso lebhaft darzustellen, wie sie in der Realität abläuft. Kann klappen. Ins Negative kippt die Form des Erzählens oft, wenn der Autor versucht, 100%-ige Authentizität zu schaffen. Kann gar nicht gehen. Im Buch muss eine Abstraktion stattfinden, gerade in der Wörtlichen Rede. Denn, Wort in der Realität: Schall; im Buch: Druckerschwärze.
Tausend Dinge wären noch aufzuführen, doch wir sind keine Literaturwissenschaftler. Wir stehen auf das Anspruchsvolle, aber gut muss nicht abgehoben oder geschraubt heißen.
Wir verdammen Serien nicht, gerne gemacht in den Bereichen Krimi oder Science Fiction. Aber wir besprechen sie selten, sie haben sowieso ihre „Fan-Base“, die sich viral von Fan zu potentiellem Fan erweitert.
Wir besprechen momentan nur äußerst außergewöhnliche Fantasy-Titel; Nachwuchsautoren, die in irgendeiner Form einen Vampir einbauen, um einen Bestseller zu schreiben, wollen wir nicht ermuntern.
Bei politisch oder gesellschaftspolitisch angehauchten Werken lieben wir Crossover-Positionen oder das völlig freie Denken. Begriffe wie „links“ oder „rechts“ halten wir für überholt.
Doch ist ein Autor ebenso oft relevant, manchmal sogar in größerem Maßstab, wenn er „nur“ über das rein Menschliche zu berichten weiß. Denn genau das sind WIR, die Gesellschaft: die Summe des Menschseins.
Auf sf magazin soll geschaut werden, bevor es zum Buchkauf geht. Das schließt Stöbern vor Ort natürlich nicht aus. Vorrangig wollen wir Tipps zu guten Büchern geben. Aber auch wir geraten an die falschen Bücher. Unser Negativ-Wissen müssen wir dann allerdings auch verbraten. Time is money. Das werden dann die durchwachsenen Kritiken. Schonen tun wir niemanden, weder den Großschriftsteller mit müdem Alterswerk, noch den miesen Epigonen der Popliteratur am anderen Ende der Skala. Dass Holz nachwächst, ist kein Grund, Schriftsteller zu werden.
Die sympathische Autorin Sybille Berg, im mittleren Alter, sagte neulich im Fernsehen, sie habe ihren Anspruch auf Weltverbesserung aufgegeben. Trotzdem wird ihr neues Buch allenthalben hoch gelobt. Na also; lügt sie sich doch selber an! Jedes gute Buch verbessert die Welt.
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Fußnote:
* Das Drängen der Verlage gegenüber ihren Autoren, dicke Bücher zu machen, verstehen wir nicht. Unseren Berechnungen zufolge ergeben 2 x verkaufte 250-Seiten-Bücher à € 8,95 im Gegensatz zu 1 x verkauftem 500-Seiten-Buch à € 8,95 mehr Umsatz. Aber wir sind ja auch keine ausgebildeten Verlagskaufleute.
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