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 23.05.2012         Essay  - Hoch-Literatur in der Klemme? Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Essay  - Hoch-Literatur in der Klemme? Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Hoch-Literatur in der Klemme?

Ein Hoch aufs Genre!
Kritikerinnen-Ikone Felicitas von Lovenberg ist enttäuscht von den kommenden Frühjahrs-Programmen der deutschen Buch-Verlage. Sie meint damit die Hoch-Literatur. Wir haben Medizin: fünf ausgesuchte - und wirklich von uns gelesene -, bereits erhältliche Bücher der Genre-Literatur, schwankend von Krimi bis Near Future Thriller.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 12.02.2011

Wir, sf magazin, machen's mal anders, und unterteilen die interessierten Leser dieses Artikels in fünf Lese-Typen. Cluster is Money, sozusagen. Wenn Sie dann noch Zeit haben, können Sie zum jeweils zugehörigen Buchtipp die volle Rezension aufrufen.

1.) Lese-Typ:
Die Krimis/Thriller, die Sie lesen, müssen nicht unbedingt 500 Seiten haben (viel hilft viel), sondern können gerne mal gründlich vom Schema F abweichen.

Buchtipp:
Thomas Glavinic LisaThomas Glavinic - "Lisa"

Hat 200 Seiten und ist eine Tour de Force durch die Nacht mit einem atemlosen Radio-Moderator; allerdings keinem Profi - vielmehr quatscht der Mensch in seine Live-Stream-Software, die aber so veraltet ist, dass sie ihm nicht anzeigt, ob ihm überhaupt auch nur einer zuhört. Der Leser hängt aber dem Podcaster aka Glavinic an den Lippen, wegen des allgemeinen Gezeters dieses Grantlers (kann man nehmen, diesen Ausdruck, Thomas Glavinic ist Österreicher), seinem Wortwitz, seiner Kraftmeierei und vor allem wegen des Umstandes, dass der Mann in einem einsamen Haus in den Bergen sitzt, weil er sich vom Schlimmsten verfolgt weiß, das sich Mensch vorstellen kann: Lisa ...

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2.) Lese-Typ:
Die USA sind für Sie nicht das Böse an sich. Sie wissen, dass 300 Millionen Menschen nicht alle bigotte Idioten sein können. Sie würden sich wünschen, dass Deutschland im Verhältnis auch nur annähernd so viele hervorragende Literaten hervorbringen würde wie dieses Land.

Buchtipp:
Elliott Hall Den ersten SteinElliott Hall - "Den ersten Stein"

Entgegen Ihres Lese-Typus sieht der gebürtige Kanadier Elliott Hall, der jetzt in London lebt, die Bigotterie als durchaus ernstzunehmendes Potential in seinem einstigen Nachbar-Land USA. Doch beginnt sich in seinem irre glaubhaft wirkenden Near Future Thriller nun doch Widerstand zu formieren, gegen eine fundamentalistische Clique, die sich mit einer Art Notstandsgesetzgebung an die Macht in Washington geputscht hatte. Das extrem Glaubhafte am Buch speist sich aus dem Alltäglichen, das Elliott Hall detailliert, aber beiläufig, einflechtet. Dabei lässt er es nicht mit Physiognomie bewenden, sondern schaut den willfährigen, opportunen Mrs. und Mr. Everywheres, den Jane und John Does dieser Welt, in die Seele. Ein Genre-Buch - und doch vom Format eines "Der Untertan" von Heinrich Mann.

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3.) Lese-Typ:
Sie mögen die Wortschöpfung Wissenschaftsthriller, doch ist Ihnen auch Cyberpunk ein Begriff. Science Fiction ist Ihnen suspekt, daher lieben Sie es in der Mitte zwischen den beiden o. g. Genres.

Buchtipp:
Brian Falkner Angriff aus dem Netz - Der nächste Krieg beginnt im CyberspaceBrian Falkner - "Angriff aus dem Netz - Der nächste Krieg beginnt im Cyberspace"

Die Literatur-Branche arbeitet ja gerne mit Clustern - so wie wir gerade in genau diesem Artikel. Brian Falkner hat sie das Etikett Jugendbuch-Autor angeheftet. Das greift unserer Meinung nach zu kurz. Was richtig ist: Seine Protagonisten sind meist Jugendliche oder vielmehr junge Erwachsene. Sie schwanken noch beim Sich-Finden, bei den ersten ernsthaften Romanzen ... - und vor allem bei den verantwortungsvollen Abenteuern, in die sie meist ohne Zutun hineinschlittern. Doch Falkner schreibt hundert Prozent erwachsen. Und das richtig gut, gut recherchiert und extrem spannend. Sein o. g. Buch mit unsäglichem deutschen Titel - im Original heißt es "Brainjack" - ist keine hohle Nachbeterei der von jedem Feuilleton beschworenen Unabwägbarkeiten des Internet, sondern führt unendlich viel weiter ...

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4.) Lese-Typ:
Zuviel Realismus im Krimi oder zuviel Harded-Boiled kann für Sie auch mal anstrengend werden. Andererseits ist Ihnen eigentlich das Genre Wissenschaftsthriller suspekt. Sie suchen dort etwas, das (fast) auf dem Boden der Tatsachen bleibt, von billiger Mystik absieht, Schläue und Emotionalität birgt.

Buchtipp:
Douglas Preston FeverDouglas Preston, Lincoln Child - "Fever"

Diese beiden Herren leben sicherlich richtig gut von ihren Büchern. Und wir gönnen es ihnen richtig. Klar sind es Vielschreiber - ein abfälliger Begriff mancher Kritikerkollegen; soll der etwa heißen, Fleiß ist scheiße? -, doch garantieren Ihre Wissenschaftsthriller immer Vergnügen, mal gehen sie mit anspruchsvollen und durchdachten Themen richtig lange unter die Haut, mal sind sie zumindest ein kurzweiliges Momentanvergnügen. "Fever" fällt in die anspruchsvolle Kategorie. Das kommt durch die formvollendete Thriller-Technik, bei der weder atmosphärische Passagen noch die reißerischeren jemals ihr Ziel verfehlen, oder gar als Füllstoff wirken. Die beiden Autoren gehören zu den Wenigen, die das Postulat der Verlage, nämlich, dass ein Krimi dick sein soll, mühelos gar nicht erst hinterfragen, sondern einfach mit Qualität auffüllen. Doch "Fever" punktet mit seiner sanften Thematik um die eigentliche Hauptfigur, den realen, historischen Ornithologen und Maler John James Audubon, um den sich ein Geheimnis rankt, und dessen Biografie dem heutigen Zeitgenossen sowieso schon den Atem raubt ...

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5.) Lese-Typ:
Der Krimi ist für Sie immer auch das Genre, das komprimierte Sozialstudie bietet. Aufgespannt zwischen einen Kriminalfall. Der kann auch länger zurückliegen und beschäftigt noch die Nachkommen, die eigentlich gar keine Kriminelle sind.

Buchtipp:
Michael Koryta Blutige SchuldMichael Koryta - "Blutige Schuld"

Genau das passiert Michael Koryta 's erst 25-jährigem Held. Sein Vater und dessen Freunde gehörten einer jener Generationen an, die während eines Krieges für ihr Land die Helden waren und kaum ins zivile Leben entlassen, merkten, dass ihnen das im ökonomischen Leben nix nützt, weil sie einige Jahre in dieser parallelen Heldenwelt verbringen mussten. Wer braucht schon effizientes Töten und die Fähigkeit dem Töten in allen Arten ohne totale Beschädigung der Psyche zusehen zu können am Arbeitsplatz? Der Krieg hieß Vietnam und viele der Kumpel, die durch ihre Todeserlebnisse zusammengeschweißt wurden, in einer Art wie es nur diese bewerkstelligen können, übertragen ihre schweißnaht-feste Loyalität auch auf ihr nächstes Leben. Da wird nicht mehr objektiv geschaut, wo Grenzen in Legalität und Moral stehen. Man hilft sich - und man vererbt einen fragwürdigen Ehrbegriff ...

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