Die Liste großer Autoren-Namen auf dem 11. internationalen literaturfestival berlin (7. - 17. September 2011) ist lang. Pulitzer-Preisträger 2010 Paul Harding findet sich ein, die Gewinnerin des Deutschen und des Schweizer Buchpreises 2010, Melinda Nadj Abonji, Kult-Autor Irvine Welsh und auch Schwergewichte aus dem Krimi-Bereich, wie Patricia Cornwell oder Kathy Reichs. Doch eine weitere Sensation ist die "Specials"-Reihe, die sich erstmals mit dem Genre Graphic Novel auseinandersetzt.
Das tut sie in Form von zwei Podiumsveranstaltungen mit insgesamt zehn bekannten internationalen Graphic Novel-Künstlern, mit zwei Filmvorführungen, nämlich der Animationsfilme "Persepolis" und "Waltz with Bashir" sowie einer Einzel-Buchvorstellung des jüngsten Werkes des spanischen Comiczeichners Ángel de la Calle.
Die Veranstalter sehen in der Graphic Novel eine größere Affinität zum Roman als zum traditionellen Comic. Während Comics meist als "Strip" in Zeitungen, in Heft- oder Albumform erschienen, würde es sich bei Graphic Novels in der Regel um Bücher mit Festeinband handeln. Na ja, süß, da trifft sich tatsächlich ein bisschen die eigene Unbedarftheit mit dem Fakt, den der Pressetext etwas weiter oben beklagt: der in Deutschland noch stiefmütterliche Stand der Graphic Novel innerhalb der Literatur. Denn auch Fans des eher traditionellen Comics geben schon seit Langem gerne auch über 20 Euro aus, für hochwertig gedruckte und gebundene Werke. Auch der erste Satz stimmt allerhöchstens gefühlt: Denn "Graphic Novel" bleibt ein Subgenre des Comics.
Bleibt die Behauptung, Graphic Novels besäßen "mit ihrer Thematik und ihrer narrativen Komplexität einen literarischen Anspruch". Eine eindeutige Abgrenzung der Graphic Novel als formale Untergruppe des Comics findet man jedoch auch nicht auf graphic-novel.info, einem ansonsten sehr informativen Zusammenschluss deutscher Comic-Verlage. Im Interview mit litaffin findet sich endlich eine Definition, von Jutta Harms von Reprodukt:
"Graphic Novels sind Comics mit einer abgeschlossenen Geschichte und mit einem gewissen Volumen."
Sie sagt auch, warum die Szene im Deutschen lieber den englischen Begriff beibehält. Graphic Novels seien weder „gezeichnete Romane“ noch „Comic-Romane“ noch „illustrierte Romane“, da es dem Comic sowieso immanent sei, Text und Bild zu verschränken. Ob der Begriff als Marketing-Schlagwort eingesetzt werde, sei egal, solange der Leser wisse, dass er ein abgeschlossenes Buch kaufe, und sich nicht auf eine Serie einlässt.
Wenn nun sogar die Deutsche Verlagsanstalt - DVA, letzter Kassenschlager Thilo Sarrazin, im Graphic Novel-Segment mitmischt, ist das natürlich schon eine große Veränderung: Im Gegensatz zu kleineren Verlagen können die Großen diese bisher noch kleinen Auflagen trotzdem an vordester Präsentationsfront der Büchertische platzieren lassen (Ja, die großen Buch-Filialisten lassen sich die besten Verkaufsflächen bezahlen ...). Auch Suhrkamp startet eine Graphic Novel-Reihe im Herbst 2011 mit der Bebilderung von Bernhards Klassiker "Alte Meister". Der Versuch der DVA, die ebenfalls auf die Bebilderung eines bereits vorliegenden Romans setzte, blieb schal. Spezialisten scheinen doch die Kleinen zu sein, wie Eichborn, Luftschacht, avant-verlag, Carlsen Comics, Edition 52, Edition Moderne oder Reprodukt.
sf magazin hat gerade die ins Deutsche übertragene Ausgabe von David Mazzucchelli 's "Asterios Polyp" auf dem Tisch liegen. Es gewann in US-Amerika den Los Angeles Times Book Prize, drei Harvey Awards (Beste Einzelveröffentlichung, Beste Graphic Novel, Bestes Lettering), drei Eisner Awards (Beste Graphic Novel, Bester Autor/Künstler, Bestes Lettering) sowie den Spezialpreis der Jury beim größten europäischen Comic-Festival Angoulême. Es ist mit seinen 350 Seiten und dem halbzentimeter-dicken Halbleinen-Einband so schwer wie ein Weltatlas. Also könnten die Graphic Novels zukünftig vielleicht ein weiteres Merkmal herausbilden: Sie könnten sich zu einer Art Retro-Gegengewicht zum nur ätherisch vorhandenen Digitalbuch entwickeln, mit ihrer Haptik, den satten Druckfarben und immer wieder neu zu entdeckenden drucktechnischen Details, wie hier, bei "Asterios Polyp" dem rasterlosen zehnfarbigen Vollflächendruck ....
Links:
- Special-Reihe des 11. int. literaturfestivals berlin
- Kurze Buchvorstellung David Mazzucchelli "Asterios Polyp"; Rezension folgt August 2011
Pierre Wazem, Tom Tirabosco:
Im Dunkeln
Avant-Verlag, Broschur
Toine Heijmans:
Irrfahrt
Arche, Festeinband
Virginie Despentes:
Apokalypse Baby
Berlin Verlag, Festeinband
Florian Scheibe:
Weiße Stunde
Luftschacht, Festeinband
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