Nein, hier geht es nicht um Datenschutzhysterie und gegen das Tun der Privatanwender von facebook ist nichts zu sagen. Es geht um die Qualität des restlichen Internets, das der User ganz selbstverständlich als Ubiquität wahrnimmt, also als etwas, das einfach zur Verfügung steht, wie die Luft zum Atmen. Die wird Anbietern von redaktionellen Inhalten abgeschnürt, wenn sie diese weiterhin in fünf- bis sechszeiliger Form auch auf facebook anbieten. Der Trugschluss: Der Leser wird sich zum eigentlichen Angebot klicken. Das tut er seltenst. Denn der darunterstehende Post harrt schon der Aufmerksamkeit. Ein facebook-Leser fühlt sich vermeintlich genug informiert durch das "Scannen" der Posts und der Kommentare der Freunde. Die Homepage des Informationsgebers hat er zuletzt vor Monaten gesehen.
Time is Money. Und beides bleibt zunehmend bei facebook hängen. Wir haben nur 24/7 zur Verfügung und davon surfen wir nur eine bestimmte Zeit. Klar will man in der soviel Information wie möglich aufnehmen. Nur: facebook schöpft Information ab, verringert die Zeit und die Aufrufe auf der Site des Informationserzeugers und untergräbt dessen Existenz. facebook entwickelt ein Meta-Internet, ein Netz im Netz, das aber seine Mutter bedroht. Ein Etwas, das dem Ei entschlüpft ist und sich dran macht, die Henne aufzufressen.
Vor 15 Jahren hieß es für jeden Gemüseladen: Du brauchst einen Internetauftritt! Heute: Du musst auf facebook vertreten sein! Was ist der bedeutsame Unterschied? Das Internet gehörte niemandem, facebook dagegen ist ein einziger, kommerzieller Anbieter. Man kann die ticker-artigen Posts der New York Times den ganzen Tag nur auf facebook verfolgen, ohne sie ein einziges Mal anzuklicken, also zur NYT selbst zu gehen, und fühlt sich dabei wahrscheinlich checkermäßig gut informiert. Das Gegenteil ist der Fall, wenn man nur Bruchstücke aufnimmt. Und die "beste Zeitung der Welt" wird nach dem Zusammenbruch des Print-Geschäftes auch noch ihren Online-Auftritt vermasseln, weil ihn keiner aufruft.
Freilich wird es sf magazin-Fans geben, die sich denken: Jetzt kann ich nicht mehr mal eben auf facebook gucken, was es auf sf magazin Neues gibt. Mist. Mit diesen Lesern, die dann zwangsläufig weniger oft an sf magazin denken, müssen wir leben. Doch wenn sie dann an uns denken, werden sie direkt zu uns kommen, direkt bei uns stöbern und mehr unserer Seiten aufrufen, ohne dabei schon an den nächsten facebook-Post auf ihrer Pinnwand denken zu müssen, den sie ja auch noch scannen müssen.
Selbst dem ADZINE, gewichtiges Sprachrohr der deutschen Online-Werbebranche, wird mulmig. Die standen jahrelang einseitig auf Advertiser-Seite ohne sich um unterschiedliche Belange von wirklichen Content-Erzeugern und billigen Massen-Portalen zu scheren. Mit mantra-artigem Propagieren, mit sogenannten Restplätzen auch noch den letzten Cent-Bruchteil aus vorhandenem Traffic herauszuholen auf Grundlage reiner Performance-Modelle, schufen sie selber die Krise mit, in die Publisher wie Vermarkter gerutscht sind. Nun sieht ADZINE seiner Klientel nocheinmal die Felle davonschwimmen und warnt vor den netten, harmlos erscheinenden Gimmicks, die facebook der Publisher-Welt gerade schmackhaft machen will (und das wahrscheinlich auch schaffen wird). Die dem facebook-Benutzer bekannten „Gefällt mir“-Buttons sollen aufs ganze Netz gestreut werden. Dem Betreiber einer Site wird durch deren Einbau Anschluss an die riesige Community und damit erhöhter Bekanntheitsgrad und Traffic versprochen. facebook dagegen sammelt durch deren Klicken Profile seiner Mitglieder in noch nie dagewesener Genauigkeit und Dimension. Vor dieser Werbe- und Marktmacht zittert sogar Google und jeder Publisher sollte von vornherein dieser Korrelierung seines Contents zu Nutzerprofilen von den Besuchern seiner Site durch eine allmächtige dritte Partei den Riegel vorschieben. ADZINE schreibt provokant: „[...] dann kennt Facebook die eigenen Besucher sehr bald sehr viel besser als das eigene Vermarktungsteam.“ Und weiter:
Facebook hat längst erkannt, dass die Werbevermarktung anhand der eigenen Facebook-Daten eine mühsame Angelegenheit ist, daher haben sie vermutlich auch kein Problem damit, diese Daten vordergründig mit externen Websites zu teilen, für die sie aber im Grunde auch nutzlos sind. Facebook selbst sucht dringend Zugang zu Content, mit dem es die Nutzer in Verbindung bringen kann, um wirklich aussagekräftige Profile in den Kategorien der Werbeindustrie zu gewinnen.
Mashable-Blog-Gründer Pete Cashmore befürchtet, weiteres Ziel facebook's könne es sein, einen neuen Such-Algorithmus im Netz auf Grundlage der „Likes“ - eben dem Plural jener „Gefällt mir“ - zu etablieren. Das hieße, das bisherige Ranking von Suchergebnissen, etwa bei Google, das resultiert aus einem abgewogenen Algorithmus aus social media-Komponenten, sprich der Zahl der Verlinkungen innerhalb des WWW, und halbwegs objektiv messbaren qualitativen Komponenten, wie Keyword-Dichte, korrekter HTML-Code, Barrierefreiheit, Verhältnis Content zu Schnickschnack, wäre obsolet und würde ersetzt durch irgendeinen kurzweiligen Hype, den nun mal gerade Millionen Leute zum selben Zeitpunkt, man muss es sagen, wahrscheinlich gerade „lustig“ finden und mit einem „Like“ belohnen. Cashmore sieht den Gott SEO - Search Engine Optimization - dann abgelöst vom Gott „FO“ ... (Nette Lautgleichheit mit engl. Foe = Feind)
Liebe sf-magazin-facebook-Fans, vielen Dank für die kurze Zeit, die ihr uns begleitet habt. Nutzt RSS-Feed-Reader, desktop-basierte oder netz-basierte, zum Beispiel netvibes, das ist sehr komfortabel, wenn man erstmal Schnickschnack wie Wetter in Honolulu und Einkaufstipps vom Interface runtergeschmissen hat.
Verwendet das gute alte Bookmark! Pflegt Eure Bookmarks mit Bookmarks-Synchronizern, wenn ihr mehrere Rechner benutzt. Und: Benutzt Euren Kopf. Denkt Ihr an Buch: sf magazin!
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I want your soul
I will eat your soul
Come to daddy, come to daddy
(Aphex Twin, Richard David James)
Martin Amis:
Die schwangere Witwe
Hanser, Festeinband
Shumeet Baluja:
Silicon Jungle
suhrkamp nova, Broschur
Moti Kfir, Ram Oren:
Sylvia Rafael. Mossad Agentin
Arche, Festeinband
Martin Amis:
1999
Rowohlt, Festeinband
Sorj Chalandon:
Die Legende unserer Väter
dtv premium, Broschur
Douglas Coupland:
Eleanor Rigby
Hoffmann und Campe, Festeinband
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