Das Writing Magazine will kürzlich zwölf Mainstream-Veröffentlichungen und fast die selbe Anzahl an Science-Fiction-Büchern von Herrn Banks gezählt haben. Er ist 54, also so viel Bücher auch wieder nicht, könnte man sagen. Beileibe nicht so jung wie die Popliteraten ging er ins Geschäft, sondern erst mit 30. Aller Anfang ist hart, doch früh übt sich, und so war für ihn schon als Elfjähriger klar: Ich will Schriftsteller werden. Wie bildet sich ein Schriftsteller aus? Indem er explizit keinen anderen Job erlernt und an der Uni Englische Literatur, Philosophie und Psychologie belegt. Und von anderen liest und liest und liest. Die Broterwerbs-Jobs, die Banks machen muss, bevor die Schreiberei richtig läuft, stehen allesamt unter der Maxime: Dürfen einen nach 17 Uhr nicht mehr belasten; ab dann Kopf frei zum Schreiben. Das bringt fünf abgelehnte - und bis heute unveröffentlichte (Banks: Zu diesen Zeiten verfluchst du die Lektoren; wenn du Jahre später deinen Müll nochmal liest, weißt du, sie hatten recht) - Manuskripte hervor, bevor 1984 „The Wasp Factory“ (dt. Titel „Die Wespenfabrik“) herauskam. Das Buch: ein Höllentrip in die Innenwelt eines Heranwachsenden. Immer am Rande von typischen Horror-Roman-Zutaten oder der Phantastik vorbei und dadurch umso eindringlicher. Der Mund bleibt offen stehen; sowas kann es nicht geben, denkt man, und doch ist klar: Wenn so etwas erdacht werden kann, dann kommt es auch in der Wirklichkeit vor.
„The Wasp Factory“ bleibt sein bekanntestes Werk, gleich dahinter kommt „The Crow Road“ (dt. Titel „Die Straße der Krähen“), das von der BBC gleichnamig verfilmt wird. Es ist eine Huldigung an die Achtziger in Großbritannien, die Zeit, in der man gerade aufgrund des Thatcherismus als junger Mensch enger zusammenrücken konnte, weil man politisch angestachelt war, es viel zu diskutieren gab, und man sich danach umso besser bei Whiskey und Dope entspannen konnte. Erste Lieben und sich weigern vor dem Erwachsenwerden included. Ein entspanntes Buch, wie viele weitere, in denen Iain Banks ' Liebe zur Musik, zu seiner Heimat, der hohe Stellenwert den er Freunden und Familie zubilligt, der Respekt vor den Alten und der offene Umgang mit dem Thema Tod zum Ausdruck kommen.
Seine SF-Romane - es ist traurig, dass man das betonen muss, aufgrund eines allgemein der SF-Literatur zugebilligten niedrigen Stellenwertes - sind nicht weniger anspruchsvoll. Die Betonungen sind anders: Sie sind Abenteuer, sie sind Utopien; es sind sehr politische Utopien. Sie sind nicht minder menschlich in der Gestaltung ihrer Charaktere. Bleiben doch oft beim Autor dieses Artikels die Figuren aus den SF-Romanen länger plastisch in Erinnerung als die aus den Mainstream-Werken. Das mag daran liegen, dass sie mehr durchleben, in ihrer Zeit von Seite 1 bis 500. Sind die Mainstream-Werke meist ein ruhiger Fluss - mit Ausnahmen, siehe oben - so gleicht seine SF der Verwirbelung eines Mixers, der in die Schüssel des Universums eintaucht.
Tatsächlich wechselt Iain Banks, der Mainstream-Schreiber, nach jedem Buch in die Person Iain M. Banks, den SF-Schreiber - und umgekehrt. Er muss diesen Wechsel haben. In ihm eigenen Humor nennt er als einen Grund, dass er sowohl bei den SF-Lesern als auch bei den Mainstream-Lesern nicht in Vergessenheit geraten dürfe. Doch vielmehr braucht er die Abwechslung: eine ganz andere Art von Buch verglichen zum jeweiligen Vorgänger zu schreiben. Es sei für ihn jedesmal wie ein Neustart, sagt er dem Writing Magazine. Wobei ihm die SF jedesmal ein Gefühl der Freiheit beschere, nämlich die Freiheit, seine Vorstellungskraft vom Zaum zu lassen.
Dass Schreiben und das Schreibenlernen harte Arbeit ist, geht auch aus einer Anekdote mit Freund und Kollege Ken MacLeod („The Night Sessions“, zur Rez. auf sf magazin ..., „The Execution Channel“, Rez. auf sf magazin in Kürze) hervor, die Banks im Interview mit scifi.com zum Besten gab. Der ursprüngliche Entwurf zum SF-Knaller „Use of Weapons“ (dt. Titel „Einsatz der Waffen“) war mächtig kompliziert und nicht veröffentlichbar. Das sah auch Freund MacLeod so. Doch muss er zumindest Eindruck gemacht haben. Zehn Jahre später - „The Wasp Factory“ war schon veröffentlicht - bat MacLeod nochmal um das Manuskript, das Banks selber „lieber dem Verrotten hingeben wollte“ und den Freund für verrückt erklärte. Auf MacLeod 's Vorschlag entstanden die zwei fulminanten, zeitlich entgegenlaufenden Erzählstränge von „Use of Weapons“...
Banks, der kürzlich die Scottish National Party wählte, ärgert sich neben der Politik auch über die geringe Wertschätzung für SF-Literatur in seinem Heimatland Großbritannien. Er versteht den Konsens der Intellektuellen nicht, nach dem wahre Literatur nur des Menschen „höhere Funktionen“, eben nur den Intellekt ansprechen sollte und anderes, was uns lachen macht oder weinen macht, was uns zusammenzucken lässt, was uns sexuell erregt beim Lesen, minderwertig sei.
Inhaltlich brät er den Kollegen auch mal eins über. Befragt zur Wahrscheinlichkeit der Technischen Singularität in unserem Jahrhundert, antwortet er bei der letzten 'Question & Answer'-Aktion auf seiner Website, das sehe er skeptisch. Vielmehr komme ihm das Ganze wie eine Entschuldigung vor, aufzuhören zu denken.
Bei gleicher Gelegenheit benennt ein Fan die Autoren Ian McEwan, Julian Barnes und Iain Banks als die drei "'literary, but accessible' British novelists“ seiner Generation und will von Banks wissen, wer die Nachfolger sein werden. Der ist erstmal geschmeichelt und verteilt dann Lob auf Alan Warner and David Mitchell („Der Wolkenatlas“), die beide aber schon einige Jahre am Start seien.
Banks ' Humor muss sich ein Reporter - hier für Dazed Digital - schon sicher sein, um sich zu trauen, ihm die Frage zu stellen, was er als größtes Kompliment sehen würde, das jemand in der Rede zu seiner Beerdigung machen könnte. Banks: „Hört ihr auch dieses klopfende Geräusch?“
Ach ja: Man könnte Iain M. Banks oder Iain Banks seit Anfang 2008 auch wieder außerhalb Großbritanniens begegnen. Er hat nämlich seinen Pass wieder. Den hatte er zu Beginn des jüngsten Irak-Krieges in die Downing 10 geschickt, mit dem Hinweis, er würde keinen neuen annehmen, bevor nicht der Mann gegangen sei, der das Land in den Krieg geführt hätte.
In das Ersetzungsformular schrieb er jetzt als Verlustgrund: „Sent to PM in protest.“
Sein letzter Mainstream-Roman „The Steep Approach to Garbadale“ (in dt. noch nicht erschienen) war auf der The Sunday Times-Bestsellerliste.
Rezensionen zum Thema:
Iain M. Banks:Die Brücke (1998) Orig.: The Bridge (1986)
Iain M. Banks: Die Sphären (2008)
Ken MacLeod: The Night Sessions (2008)
Martin Amis:
Die schwangere Witwe
Hanser, Festeinband
Shumeet Baluja:
Silicon Jungle
suhrkamp nova, Broschur
Moti Kfir, Ram Oren:
Sylvia Rafael. Mossad Agentin
Arche, Festeinband
Martin Amis:
1999
Rowohlt, Festeinband
Sorj Chalandon:
Die Legende unserer Väter
dtv premium, Broschur
Douglas Coupland:
Eleanor Rigby
Hoffmann und Campe, Festeinband
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