21.11.2017   Rezension, Buchbesprechung, Buchkritik   Literatur, Buch, Kritik         Ernest Cline - Ready Player One: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Ernest Cline - Ready Player One: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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Ready Player One (2011), engl. (zu Deutsch März 2012 unter selbem Titel)
"Going outside is highly overrated"
Ernest Cline 's Helden üben sich teils aus schierer Notwendigkeit als Hikikomori, in der japanischen Volkskrankheit des gesellschaftlichen Rückzugs, in Fortführung dessen, was in ihrer desolaten Welt real gar nicht mehr geht. Immerhin gibt es umsonst Schule in einer weit fortgeschrittenen Virtualität und eine Herausforderung in deren Spielewelt, die Erlösung aus dem Elend verspricht.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 13.01.2012
Ernest Cline - Ready Player One
Zoom Ernest Cline - Ready Player One

"The first person to find my Easter egg will inherit my entire fortune." Wäre Gott Steve Jobs Spiele-Designer gewesen, und hätte nach seinem Tod eine Videobotschaft streamen lassen, in der er bekannt gibt, der Finder des Easter egg - das ist ein versteckter Gegenstand oder Nachricht der Programmierer eines Computerspiels - in seinem letzten Produkt würde sein komplettes Vermögen erben ... wäre weltweit in der Gamer-Community die Hölle ausgebrochen. Umso greifbarer wirkt Ernest Cline 's Setting einer Welt des Jahres 2045, die durch die "Global Energy Crisis" kräftig abgewrackt hat und deren Bewohner nur noch in der Virtualität von "OASIS" lernen, reisen sowie den angestammten Lieblingsbeschäftigungen Shoppen und Gaming nachgehen können. Und genau der vergötterte Erschaffer dieses perfekten Universums schreibt nach seinem Abgang 240 Milliarden Dollar zum Gewinnen aus.

Cline 's "Ready Player One" ist bös gesagt eine Halbnegative Utopie. Denn all die schönen Tech-Gimmicks unserer Jetzt-Zeit und einige etwas weiter entwickelte, alte Computer, MP3-Player, alte OASIS-Konsolen, repariert Held 'Wade' wieder und kassiert dafür beim Pfandleiher zusätzliche Essensmarken. Die Artefakte der Goldenen Technikwelt sind noch da, aber drumherum herrscht Endzeitstimmung. In den USA stapeln sich Trailer-Homes auf unsicheren Stahlplattformen bis zu 20-fach übereinander am Rande der Städte, deren wenige verbliebene Infrastrukturvorteile man noch nutzen will. Doch immerhin verteilt der geniale OASIS-Erfinder umsonst die Schulen-Version seiner Konsole, komplett mit Visor und Haptik-Handschuhen. Die Simulation einer Schule der Zukunft ist neben der Schilderung von Wade 's realer, bedrückender Lebewelt ein erstes Glanzstück Ernest Cline 's. In perfekter Animation treffen sich nur die Avatare von Schülern und Lehrer im Klassenraum. Während des Unterrichts ist durch technische Maßnahmen verhindert, dass die Schüler in anderen Medien kommunizieren. Auch PvP, player-versus-player im Sinne von Kämpfen, überall sonst im OASIS-Kosmos möglich, ist von der Simulation schlicht unterbunden. Scheint ein Traum für Lehrer zu sein: "The OASIS software took care of that, ensuring that students remained quiet and in their seats. All the teachers had to do was teach."

Doch freilich ist auch die Virtuelle Welt keine heile bei Cline. Es ist schon traurig genug, dass sich Wade zum Einklinken in ein hochgeheimes Versteck, einen alten Van, zurückziehen muss, um vor der Gier seiner Pflegefamilie und marodierendem Volk in seinem Slum sicher zu sein. Doch auch in OASIS herrscht Klassengesellschaft. Die Schulkameraden erforschen zwischen dem Unterricht tausende (Spiel-)Welten, die als "Planeten" angelegt sind. Doch das virtuelle Reisen dorthin kostet ...
Später im Buch wird sich Wade eine Koppelung aus Fitness-Equipment und Software leisten können, die ihm den Account sperrt, wenn er keine Übungen macht. Und Wade und seine späteren Mitstreiter werden durchaus sinnieren, für welche Verbesserungen in der Real-Welt es lohnt, in der virtuellen zu kämpfen!

Man hätte diese Buchbesprechung komplett aus einer ziemlich konträren Perspektive beginnen und aufziehen können. Denn "Ready Player One" ist gleichzeitig ein Geek-Überbuch, ein Kompendium der Popkultur der 1980er. Doch darauf darf man dieses intelligente Werk nicht reduzieren. Ernest Cline wählt diese Mischung aus charmantem Retro und seiner Zukunftsvision aus seiner unverhohlenen Liebe besonders zu den Anfängen der Computer-Games heraus. Als Alter Ego dient ihm OASIS-Gründer 'Halliday', den er gegen Ende des Zwanzigsten Jahrhunderts seine ersten Programmierwelterfolge feiern lässt. Wer nun, sechzig Jahre später, bei der Suche nach dem Easter egg erfolgreich sein will, muss die Vita Halliday's in- und auswendig kennen und damals populäre Filme, Bücher und Games rezitieren respektive beherrschen können. Es entspinnt sich eine wilde Jagd in der Gamer-Community, bei der die Hinweise Halliday's immer wieder Rätsel mit Referenzen an jene Zeit enthalten. Ja, es war ein tolles Jahrzehnt, aber manchem Leser wird das vielleicht zu viel sein. Das macht nichts, denn Cline erzählt auch diese Passagen mitreißend, und klar, die Ereignisse ziehen immer wieder ihre Konsequenzen in der Real-Welt, spätestens wenn ein anderer, zu OASIS konkurrierender Software-Konzern seinen ersten Mord begeht ...

Gut zur Stimmung trägt auch die allgemeine Faszination eines jeden virtuellen Raumes bei: dieses Aufeinandertreffen von Avataren, von denen du nicht weißt, welche reale Person dahintersteckt. Das macht auch das Anbandeln von Wade und Kontrahentin 'Art3mis' (sprich: Artemis) zu einer komplizierten gegenseitigen Jagd (sic!); Misstrauen ist angesagt, bei 240 Milliarden Dollar.

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Besprochene Ausgabe: Crown  |  2011  |  375 Seiten  |  Festeinband*  |  € 12,95

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